Architektur : Fassade mit vielen Augen

Von der Baugruppe bis zum Einfamilienhaus: Der diesjährige Hauptpreis geht an ein Wohnquartier am Mauerpark

Falk Jaeger

Die Bewegung nahm um die Jahrtausendwende Fahrt auf. Es gab sehr wenige Aufträge für junge Architekten und wenig Bedarf für Neubau-Eigentumswohnungen, aber noch viele interessante und günstige Innenstadtgrundstücke. Was in anderen Städten, in Hamburg, Dresden oder München schon gang und gäbe war, schien in Berlin noch weitgehend unbekannt: die Baugruppe als Form des gemeinschaftlichen Bauens von Mehrfamilienhäusern ohne zwischengeschalteten Bauträger oder Investor. Inzwischen ist die Zahl der Baugruppenprojekte in Berlin längst dreistellig. Und häufig sind es junge Architekten, die mit Freunden und Gleichgesinnten das Wagnis eingehen und als Bauherren und Planer solche Bauten realisieren. Oft ist es ihr erster Bau überhaupt.

Fat Koehl Architekten ist eines dieser jungen Büros. Florian Köhl kam von der Bartlett School in London und hat bei Daniel Libeskind gearbeitet, bevor er sich 2002 selbstständig machte. Seine Partnerin, die in London und an der HdK ausgebildete Architektin und Künstlerin Anna von Gwinner, hatte vor Jahren mit HdK-Studenten ein Grundstück an der Strelitzer Straße als Studienaufgabe beplant. Nun erinnerte sie sich an den Ort und die Idee war geboren, in der Baulücke nahe dem Mauerpark Bernauer Straße gemeinsam mit anderen Bauherren ein Wohnhaus zu errichten.

Faszinierend an Baugruppenhäusern ist in der Regel die Vielfalt der Wohnungszuschnitte und Ausstattungen. Bei diesem Haus jedoch, das zwischen zwei ehrwürdigen Wohnhäusern aus der Gründerzeit mit strammen Fensterachsen und gestapelten Wohnungen steht, lässt schon die lebendige Straßenfassade erahnen, dass es im Inneren besonders kurzweilig zugeht. In der Tat ist keines der sieben Obergeschosse mit einem anderen identisch. Es gibt für die zehn Parteien kleine und größere Wohnungen, solche mit Innentreppe und zwei Geschossen sowie ein Apartment im Dach.

Manche Wohnungen haben Holzböden, manche sind komplett in Weiß gehalten, manche haben Oberlicht oder Durchblicke ins andere Geschoss, sind großzügig geschnitten oder in kleinere Zimmer unterteilt. Die verschiedensten Vorlieben und Lebenszuschnitte lassen sich in diesem Haus ausleben, wodurch sich auch eine gemischte Bewohnerschaft einstellen wird, wenngleich zunächst einmal die Familien mit Kindern überwiegen. Platz für den entsprechenden Fuhrpark ist im Erdgeschoss vorhanden. Gefeiert wird im Garten oder auf der gemeinschaftlich genutzten Dachterrasse.

Ungewöhnlich die Loftwohnung im vierten Obergeschoss über die ganze Breite des Hauses. Zwei Schlafräume zur Straße sind abgeteilt, ansonsten ist der weite Einraum mit Falt- und Schiebewänden in den De-Stijl-Farben Rot, Blau und Weiß unterteilbar. Ein klassisches Badezimmer gibt es nicht. Stattdessen eine offene technische Konstruktion mit einer erhöht schwebenden Wanne mit Ausblick, einer quittegelben Duschröhre und einem roten WC-Kokon. Kokonartig im Raum stehend auch das Bad im anderen Wohnungsteil, eine voll installierte Kunststoffkapsel, Prototyp der einst in Münchner Olympiadorf eingebauten Nasszellen. Ein grauer Estrich und die Decke in Sichtbeton verleihen der Wohnung einen herben, rauen Charakter, die durch viel Kunst an den Wänden und unkonventionelle Möblierung dennoch wohnlich wird.

Ein Vorzug aller Wohnungen ist die Lichtfülle durch raumhohe Fenster nach Südwesten. Blickt man die Strelitzer Straße hinab, sieht man die schinkelsche Elisabethkirche und den Fernsehturm. Balkone zum Genießen dieses Ausblicks waren an der Straßenfassade nicht erlaubt. So ließen sich die Architekten Klappbalkone einfallen, die wie eine Tür nach außen geöffnet werden und dann eine viertelkreisförmige Standfläche bieten. So öffnet sich im Sommer die Fassade mit vielen Augen, während sie im Winter geschlossen erscheint. Große Balkone gibt es nach Westen, zum Mauerpark hin, und von dort aus Aussicht auf die Kapelle der Versöhnung und ins Grüne.

Auf eine ganz andere Art von Wohnbebauung fällt der Blick von den Balkonen auch. Auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks, das zur Bernauer Straße zählt, ist eine kleine „Siedlung“ entstanden: sechzehn Einfamilien-Reihenhäuser am Rand des Mauerparks. Acht Architektenteams haben eine abwechslungsreiche Anlage mit interessanten Hausindividuen geschaffen. Die Herausforderung bestand darin, auf engstem Raum die Familienwohnungen zu organisieren. Ein besonders ins Auge springendes Gebäude ist nun von der Jury ebenfalls für preiswürdig erachtet worden. Es bildet den Auftakt der Reihe vom Garten des Altbaus her. Mit seiner gerundeten Kante, dem gleichfalls elegant gerundeten Eckfenster und den scheinbar frei verteilten Fensteröffnungen lässt es nach außen keine Stockwerksteilung erkennen. Entworfen hat es Jörg Ebers, der bereits mit einem schmalen, mehrfach preisgekrönten Haus in der Auguststraße ein Kabinettstück abgeliefert hatte. Ebers ist ein „Häusertüftler“, der wie einst Adolf Loos mit seinem „Raumplan“ Räume unterschiedlicher Proportionen und Höhen in einen Baukörper packt. Es gibt zum Beispiel eine niedrige Eingangssituation, von da aus den Blick durch ein Innenfenster in die Küche, dann weitet sich der Raum, man blickt hinauf zur Galerie im Obergeschoss und hinaus in den Garten. Vom Schlafzimmer im zweiten Obergeschoss führen als Möbel ausgebildete Treppenstufen zum Dachgarten. Überall sind Blickachsen inszeniert und lassen das Haus großzügig erscheinen.

Die durchdachten und attraktiven Wohnungen am Mauerpark und in der Strelitzer Straße zeigen die ganze Bandbreite neuen städtischen Wohnens und bieten viel Anreiz, vom Stadtrand wieder in die Innenstadt zu ziehen.

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