Kultur : "Architektur für das neue Jahrtausend": Neuestes Bauen

Jürgen Tietz

Wer auf die Bautätigkeit der neunziger Jahre in Berlin zurückblickt, der könnte leicht denken, das verstrichene Jahrzehnt sei für Architekturkritiker einer Reise ins Schlaraffenland gleichgekommen. Schließlich schossen die Neubauten nur so aus dem Boden. Doch war man gut beraten, nicht alles herunterzuschlucken, was an architektonischen Brocken serviert wurde. Mancher Neubau war von steinerner Schwere und nicht allzu bekömmlich. Dafür hat das strenge Regiment der kritischen Rekonstruktion gesorgt. Dennoch ist eine Vielzahl spannender Bauten in Berlin entstanden.

Einer, der an vorderster Front einen gleichermaßen wohlwollenden wie kritischen Blick auf die Baukunst des vergangenen Jahrzehnts der Stadt geworfen hat, ist der Architekturkritiker Falk Jaeger. Seine Kritiken sind den Lesern des Tagesspiegels aus der Serie "Neues Bauen in Berlin" bestens vertraut. Dem lange vergriffenen Buch über die "Rückkehr der Stile" zu Bauten der achtziger Jahre lässt er nun einen neuen Band folgen. Unter dem programmatischen Titel "Architektur für ein neues Jahrtausend" bietet er einen Überblick über die Baukunst der neunziger Jahre. Durch die ausgezeichneten Fotos von Christina Bolduan Zanga erscheinen die Häuser im rechten Licht. Für die Buchpräsentation war kein besserer Ort denkbar als die Galerie Aedes West als wichtiger Platz für den kritischen Architekturdiskurs der Stadt. Der Architekt Mathias Sauerbruch, der zusammen mit seiner Partnerin Louisa Hutton das Innovationszentrum Photonik sowie die GSW-Hauptverwaltung errichtet hat, lobte denn auch das an Jaeger, was seine Leser schon lange schätzen: dass sie bei der Betrachtung eines Gebäudes an die Hand genommen werden. Statt des schnellen Urteils zeichnet seine Kritiken ein differenzierter Blick aus. Das Augenzwinkernde findet sich ebenfalls in den Texten. Er verführt die Leser zur Architektur und verlockt, sie aufzubrechen, um sich selbst anzusehen, was da gebaut wurde. So ist er ein Mittler zwischen Architekten und Architekturnutzern, wie Sauerbruch es treffend formulierte. Was könnte der Berliner Architektur Besseres widerfahren?

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