Architektur : Häuser-Mikado am Rhein

Schaufenster zur Landschaft: Das Vitra-Haus in Weil am Rhein von Herzog & de Meuron feiert das Wohnen.

Max Glauner
Stapelware: Die Architekten türmten zwölf Gebäuderiegel übereinander.
Stapelware: Die Architekten türmten zwölf Gebäuderiegel übereinander.Foto: dpa

Als hätten Riesen Mikado gespielt: Das neue Vitra-Haus in Weil am Rhein. Dem Architektenduo Jacques Herzog und Pierre de Meuron, verantwortlich für spektakuläre Bauten wie das Olympiastadion in Beijing, die Tate Modern in London oder das Schaulager im benachbarten Münchenstein bei Basel ist wieder ein Bau gelungen, dem selbst in der südwestlichen Ecke der Republik Aufmerksamkeit auf Dauer sicher ist.

Seit einem Brand auf dem Firmengelände Anfang der 1980er Jahre entsteht in der badischen Provinz für die Büromöbel- und Logistikfirma Vitra ein ungewöhnliches Ensemble zeitgenössischer Architektur für Produktion und Kommunikation. Die Liste der Entwurfszeichner für diesen heterogenen Campus liest sich wie ein Who-is-who der Architektur der letzten zwanzig Jahre, von Tadao Ando bis Nicholas Grimshaw. Frank Gehry realisierte hier mit dem Vitra Design Museum und einer angrenzenden Produktionshalle 1989 seine ersten Bauten in Europa, die Meisterin der Dekonstruktion Zaha Hadid 1993 mit einer Feuerwache ihr erstes Gebäude überhaupt.

Durfte Herzog & de Meuron in dieser Liste fehlen? Sie unterhalten nur einen Steinwurf entfernt in Basel ihr weltweit erfolgreiches Büro. Als Vitra 2004 seinen Geschäftsbereich mit Lizenzen für Design-Klassiker von Charles und Ray Eames bis Verner Panton auf den privaten Wohnbedarf ausdehnte, entstand gleichzeitig die Idee eines produktionsnahen Showrooms, für den die Basler mit einer Carte blanche gewonnen werden konnten. Daraus wurde eine Visitenkarte, unverwechselbar und überraschend – für die Architekten wie für das Unternehmen.

2006 entstanden Vorstudien, 2007 bis 2009 erfolgten Planung und Ausführung, die Eröffnung konnte im März dieses Jahres gefeiert werden, seitdem reißt der Besucherstrom nicht ab, der sich zwischen Museum und Möbelhaus in einem Gefühls-Mix aus Nähe und Distanz, Heimeligkeit und Futurismus wiederfindet. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, hat Herzog & de Meuron keine Drop-down-Architektur geschaffen, eine Architektur, die überall und zu jedem Anlass passen könnte – der Vitra-Campus als Industriegelände ist davon ohnehin reich gesegnet.

Das Vitra-Haus zeigt sich dem Ort und seiner Aufgabe in jeder Hinsicht angemessen. Herzog & de Meurons Konzept des „domestic scale“ – man könnte den Terminus der Architekten mit „Wohnlichkeit“ übersetzen – führt zu einer Baulösung, die dem Mikadospiel abgelauscht, zwölf nur leicht variierte, sechskantige und im Schnitt giebelhausförmige Gebäuderiegel aufeinanderstapelt.

Die Gebäuderiegel sind so ineinander verkeilt, dass einerseits die Eingangssituation im Erdgeschoss in die Mitte von fünf Riegeln für Konferenz-, Ausstellungs-, Foyer-, Caféräume und Shop gezogen wird, und andererseits fließende Raumfolgen entstehen. Mit wenigen Ausnahmen im Innern öffnet sich das Gebäude nur an den Stirnseiten jedes Segments. Diese rahmenlosen Fenster, als klarer Schnitt formuliert, geben Ausblicke auf die liebliche Obst- und Weinbauregion des Schwarzwalds auf der einen Seite und die Basler Industrielandschaft auf der anderen frei.

Der modulare, nur einundzwanzig Meter hohe Bau zeigt sich in ausgetragenen Gegensätzen und Übergängen: Von Innen nach Außen, von der Architektur zur Landschaft, von der Serialität zum Individuellen – soll doch in den Präsentationsräumen jedem das Gefühl von Behaustheit und eigener Geschmacksentfaltung suggeriert werden. So vereinigt sich hier auch noch das Gegensatzpaar von Regression und Progression auf bemerkenswerte Weise: Die zwölf gestapelten, anthrazitfarbenen Gebäudemodule verteilen sich auf fünf Geschosse. Um ihre schnörkellose Kubatur noch zu betonen, wurden selbst die Regenabläufe ins Innere der Baukörper verlegt, so dass sie wie überlange Häuschen aus Kinderfantasien anmuten. Andererseits wären sie im Zeitalter von Reißbrett und Rechenschieber konstruktiv undenkbar gewesen. Doch die eingesetzte Hightech tritt hier wie bei Herzog & de Meuron meist hinter den Bau, seine Idee und Aufgabe oder sagen wir hinter das architektonische Mikadospiel, zurück.

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