Architektur : Herzkammer des Wissens

Sehen Bibliotheken in der Ära des Internet eigentlich anders aus als früher? Sie sind analoge Oasen in digitalen Zeiten, beliebt und bevölkert, aber verändert das ihre Architektur? Eine Erkundungstour durch die neuen Lesesäle der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden.

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Konzentration. Der Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden bietet 96 Arbeitsplätze, mit den Freihandbeständen ringsum. Foto: Mike Wolff
Konzentration. Der Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden bietet 96 Arbeitsplätze, mit den Freihandbeständen ringsum....

Noch liegt der Eingang auf der Rückseite, an der Dorotheenstraße. Von hier aus war früher die Bibliothek der HumboldtUniversität zu erreichen, die als Untermieter im Haus der Preußischen Staatsbibliothek logierte. Inzwischen gibt es Max Dudlers Bibliotheksneubau nur wenige Minuten Fußweg entfernt; vom ersten Tag an war das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum überlaufen. Das dürfte jedem Politiker die Augen dafür geöffnet haben, wie wenig Bibliotheken im Internetzeitalter an Attraktivität verloren haben.

Ohnehin ist ein fortwährender Zuwachs an Bibliotheksbauten zu beobachten, in Deutschland eher in Form von Universitätseinrichtungen, in den Niederlanden oder in Skandinavien als Stadt- und Stadtteilbibliotheken. Längst haben sie sich zu Orten der Kommunikation und der Gemeinschaft entwickelt, sind Treffpunkte für Aktivitäten aller Art. Dennoch bildet das Buch den Anker, an dem sich andere Bedürfnisse und Betätigungen anlagern können. Ohne Bücher, ohne ihre Präsenz und die Ausleihe als Kerngeschäft jeder Bibliothek, scheint die analoge Oase in digitalen Zeiten nicht zu funktionieren.

Neue Lesesäle der Staatsbibliothek eröffnet
96 Arbeitsplätze. Acht Tische mit je zwölf Plätzen bietet die neue Herzkammer der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden, der Lesesaal von HG Merz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Mike Wolff
19.03.2013 16:1496 Arbeitsplätze. Acht Tische mit je zwölf Plätzen bietet die neue Herzkammer der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden, der...

Seit einer Woche sind die neuen, vom Stuttgarter Architekten HG Merz gestalteten Lesesäle der Staatsbibliothek Unter den Linden geöffnet. Betrieb herrscht in der Osterwoche allerdings noch nicht. Man meint, ein anderes Tempo, einen anderen Erregungszustand zu spüren als im Grimm-Zentrum. Nicht gemächlicher, eher gesetzter, gelassener, vielleicht dem höheren Durchschnittsalter der Nutzer geschuldet. Der Allgemeine Lesesaal, das Kernstück der seit 2004 in Angriff genommenen Generalsanierung der alten Staatsbibliothek, bietet 96 Arbeitsplätze, angeordnet zu zwölft an je vier langen Tischen zu beiden Seiten der Treppe aus dem Zugangsgeschoss. Die Tische befinden sich auf der zweiten Ebene, nicht überwölbt wie im einstigen runden Lesesaal, sondern kantig gerahmt von einem hohen gläsernen Aufbau nach Art einer überdimensionalen Ausstellungsvitrine. Umlaufend zwei Galerien mit Bücherregalen: Hier sind die Freihandmagazine mit den wichtigsten Informationsquellen zu allen Fachgebieten angeordnet. Die untere Galerie wartet mit übermannshohen Regalen auf, die obere mit flacheren, darüber sitzt der gläserne Aufbau.

96 Plätze, das ist nicht viel. Nimmt man den subjektiven Eindruck als Maßstab, den das enorme Raumvolumen hervorruft, ist es sogar erstaunlich wenig. Freilich gibt es weitere 160 Plätze in den Seitenkabinetten, 140 für Forscher und 20 abschließbare Kabinen, „Carrels“ genannt. Das Englische als lingua franca der Wissenschaft ist allgegenwärtig, die Stabi ist – zu Recht – zweisprachig ausgeschildert.

Nun ist sie in erster Linie keine Präsenz-, sondern eine Leihbibliothek. „Nur“ 130 000 der elf Millionen Bücher und Zeitschriften des Gesamtbestandes sind Unter den Linden frei zugänglich und nur vor Ort einzusehen. Der klassische StabiKunde bestellt seine Wunschbücher längst online und holt sie sich für vier Wochen nach Hause. Nur die Wissenschaftler, die beständig weitere Quellen erschließen, die sich regelrecht durch die Bestände wühlen, lassen sich für längere Zeit an reservierten Plätzen nieder oder bauen in ihrem „Carrel“ Handapparate auf. Vor allem für sie wird der Aufwand an Arbeitsplätzen betrieben, vor allem ihnen wird der hohe Raum zum Freiraum des Denkens. Und vielleicht noch für jene Nutzer, die bestellte Bücher erst einmal durchblättern wollen, um zu entscheiden, ob sich die Schlepperei nach Hause lohnt. Bücher sind schwer, im Internetzeitalter ist das den Lesern bewusster denn je.

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