Kultur : Architektur: Hoch hinauf: Neue Dauerausstellung

Christian Huther

Für die Menschheit waren es Quantensprünge, für den heutigen Museumsbesucher sind es nur ein paar Schritte von der Altsteinzeit zur Postmoderne, von der Urhütte zum Wolkenkratzer. Jedenfalls im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, das anhand von 25 Modellen versucht, die Geschichte des menschlichen Bauens zu umreißen. Initiiert hatte die Idee Gründungsdirektor Heinrich Klotz, eingeweiht wurde die Schau aber erst 1990 von seinem Nachfolger V. M. Lampugnani.

Unter dem nächsten Museumsleiter Wilfried Wang waren die Modelle in der zweiten Etage immer seltener zu sehen. Nun hat sie Ingeborg Flagge, als vierte Museumschefin seit einem Jahr im Amt, wieder ausgegraben. Die neue, alte Dauerausstellung konzentriert sich vorwiegend auf die europäische Architekturgeschichte und beginnt mit einer Hütte aus der Altsteinzeit: aneinander gelehnte Äste und Zweige, mit Fellen behängt. Hier kann man sich gut vorstellen, dass unsere Ur-Urahnen tatsächlich so gelebt haben, zumal die beleuchteten Dioramen anschaulich gestaltet sind. Die Bauten wurden sogar in Landschaften eingebettet, so dass der von Klotz gewünschte "szenische Illusionismus" perfekt ist. Nach der primitiven Hütte aus der Zeit um 400 000 v. Chr. folgen der Terrassentempel der Pharaonen (um 1400 v. Chr.), weiter geht es zum romanischen Dom in Speyer und zum Renaissance-Städtchen Pienza. Die Arbeiterslums in London um 1870 werden ebenso dokumentiert wie das 1984/85 errichtete, aber bereits 1958 von Walter Gropius entworfene PanAm-Hochhaus in Manhattan. Neuer Schlusspunkt der Schau ist der vor eineinhalb Jahren in Frankfurt eröffnete "Main Tower" mit seiner zukunftsweisenden ökologischen Bauweise.

Über die Auswahl lässt sich heute so gut streiten wie vor elf Jahren. Es fehlen wichtige Bauten, von der Athener Akropolis bis zum Schloss von Versailles. Allerdings wollte Klotz keinen Abriss der Architekturgeschichte liefern, sondern das unterschiedliche menschliche Bauen dokumentieren. Daran hat die jetzige Hausherrin Ingeborg Flagge nicht gerüttelt. Die Schau wendet sich vor allem an Laien, besonders aber an Kinder und Jugendliche, wie Flagge bei der Wiedereröffnung deutlich machte. Architektur sei eine "dritte Haut", die uns alle angehe, weil wir dauernd auf sie treffen, sagte Flagge. Ohnehin erhält man bei diesem sehr kursorischen Streifzug durch die Baugeschichte kein vollständiges Bild davon, wie sich die jeweiligen Gesellschaften organisierten. Dafür ist die Zusammenstellung zu klein und kursorisch geraten. Aber die Dauerausstellung macht aus der Not eine Tugend und kann zumindest Anstöße liefern. Zudem gibt es ein pädagogisches Programm vom Kindergartenalter bis zur 13. Schulklasse. Damit können Kinder und Jugendliche von einem Museumsbesuch allemal lernen, auch wenn es nicht so atemberaubend und lustig zugehen wird wie am Eröffnungstag. Da nämlich verzückte ein Zauberer die jungen Besucher mit Kunststücken und Späßen.

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