Architektur : Hotel Zukunft

Überraschung bei der Architekturbiennale in Venedig: Der Goldene Löwe ging an Polens Pavillon, eine witzige Zukunftsschau in die Mitte des 21. Jahrhunderts.

Bernhard Schulz

Es ist Brauch bei den venezianischen Biennalen, einen Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag zu vergeben. Die 11. Architekturbiennale (Tsp. vom 13.9.) wurde am Wochenende traditionell mit der Vergabe der Preise eröffnet, und beinahe ebenso traditionell kam das Urteil der Jury überraschend. Polen erhielt den Leone d’Oro für seinen Beitrag „Hotel Polonia. Das Nachleben der Gebäude“, eine witzige Zukunftsschau in die Mitte des 21. Jahrhunderts, in der die gegenwärtigen Hochglanzbauten Polens einer düsteren Zweitnutzung anheimfallen. Ein gläserner Bürobau von Lord Foster – „der Traum eines Gefängniswärters“ – wird zur Strafanstalt für verwahrloste Jugendliche, eine riesige Wallfahrtskirche zum Schwimmbad (nach sowjetischen Vorbildern!) und ein Wolkenkratzer zum vertikalen Friedhof. Das ist hübsch in Leuchtkästen präsentiert, mit makellos photoshop-bearbeiteten Großdias, und auf einen Blick zu erfassen – so wie es der Fünf-Minuten-Besucher gern hat, der in den Giardini nicht weniger als 30 Nationenbeiträge konsumieren soll.

Schnell begriffen hat man auch die computergenerierten Plastikmöbel des Amerikaners Greg Lynn, dem der Goldene Löwe für den besten Einzelbeitrag zugesprochen wurde. Seine „Möbel aus recyceltem Spielzeug“ stellten eine „Provokation“ dar und erfüllten das Biennale-Thema, „Architektur jenseits des Gebauten“, am besten. Da trifft es sich, dass der Goldene Löwe für ein Lebenswerk an den 79-jährigen Frank Gehry ging, der seit Jahrzehnten mit unarchitektonischen Materialien herumbastelt.

Über den besten Nationenbeitrag kann man wie immer streiten. Belgiens eingerüsteter Pavillon mit nichts als Konfetti und Gartenstühlchen im Inneren folgt dem Ausstellungsmotto aufs Wort – und unterläuft zugleich dessen penetrant weltverbessernden Anspruch. Umgekehrt hätte China eine goldene Zitrone verdient für die Chuzpe, mit einer Fotoausstellung von Arme-Leute-Unterkünften aufzuwarten. Oder sollen wir, politisch korrekt, die Kehrseite der blankpolierten Medaille kennenlernen, die die Volksrepublik mit ihrer Olympia-Show vorgezeigt hat?

Über Architektur jedenfalls, gebaut oder geplant, hat diese Biennale nicht viel mitzuteilen; außer dort, wo die nationalen Kommissare schlicht das Generalthema ignoriert haben, wie diejenigen von Großbritannien, Spanien oder Norwegen. Oder Russland, dessen Kuratoren nichts weiter zustande brachten als einen platten Werbeauftritt der mächtigsten Investoren mit ihren Prjekten. Und dafür das Lob ihres Kulturministers einheimsten, es sei dies „der beste Biennale-Beitrag“. Nun – statt der Biennale lockt Venedig selbst: mit der über Nacht freigegebenen, herrlich geschwungenen Brücke von Santiago Calatrava am Piazzale Roma, deren Stahlträger jahrelang in Mestre herumlagen, bis endlich etwas geschah. Und zwar nichts Geringeres als: ein Wunder. Bernhard Schulz

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