Architektur : Kunst am Klo

Lange wurde im schwäbischen Städtchen Plochingen um den besten Entwurf für ein Toilettenhäuschen gerungen. Am Samstag war es dann soweit: Karikaturist Tomi Ungerer enthüllte das von ihm gestaltete Kunstwerk.

Catherine Simon[dpa]
Tomi Ungerer
Bedürfnis nach Kunst. Tomi Ungerer vor seinem Werk. -Foto: dpa

PlochingenVerhüllt von einem grellen, pinkfarbenen Tuch stand es da. Die Spannung stieg, die Musikkapelle spielte eisern. Mehrere hundert Schaulustige hatten sich auf dem Marktplatz versammelt, um endlich einen Blick darauf zu werfen. Der Anlass für die ganze Aufregung war jedoch ziemlich profan: Plochingen bekam eine öffentliche Toilette. Doch keine von der Stange. Das schwäbische Städtchen hatte extra den elsässischen Künstler und Karikaturisten Tomi Ungerer engagiert, ein ganz besonderes Klo für die Stadtmitte zu gestalten. Der erste Entwurf des Künstlers für das stille Örtchen stieß jedoch auf herbe Kritik in der 14.000-Seelen-Gemeinde. Eine neue Idee musste her.

Am Samstag hob sich der Vorhang dann endlich im Kreis Esslingen. Zum Vorschein kam ein dunkelgrüner Würfel mit gemalten Fabelwesen auf den Wänden, schmalen Wasserbecken am Boden und einem Zierfries aus rosafarbenen Toilettensitzen. Ungerer präsentiert damit nach den Worten von Bürgermeister Eugen Beck eine "märchenhafte, kindliche Facette seiner Kunst". In einer humorigen Rede zeigte sich der Bürgermeister stolz, neben dem Hundertwasser-Haus nun auch noch einen echten Tomi Ungerer "inmitten unserer Stadt" zu haben. Das habe nicht jeder.

Rosarotes Hinterteil

Der Jubel war groß, die Freude auch. Doch bis es soweit kommen konnte, gab es lange Diskussionen. Die Stadt hatte Ungerer bereits im Jahr 2005 beauftragt, eine Toilette für die Innenstadt zu entwerfen. Der 75-jährige Künstler plante zunächst einen weißen Bau mit Fröschen auf den Seitenwänden und einem Kuppeldach in Form eines großen, rosaroten Hinterteils. "Übung macht den Meister" sollte über der Tür des Kunst-Klos stehen. Einige muslimische Bürger fühlten sich dadurch jedoch in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Das Häuschen erinnere "an eine Moschee mit Kuppel oder ein Mausoleum für verstorbene muslimische Heilige", wie in einem Leserbrief an eine lokale Zeitung zu lesen war. Außerdem steht das Klo nicht nur in Sichtweite des Hundertwasser-Turms, sondern auch direkt vor der kleinen Kirche.

"Das hat das Dorf gespalten", meinte eine Anwohnerin. Aber immerhin wäre der ursprünglich geplante Po ein echter "Hingucker" gewesen. Wenn man schon so viel Geld ausgebe, dann hätte es auch etwas Besonderes sein müssen. Wie viel das neue stille Örtchen nun genau gekostet hat, will Bürgermeister Beck nicht verraten. Etwa 80.000 Euro habe die Stadt bezahlt, das seien zehn Prozent mehr als ein normales Toilettenhäuschen koste. Alles Weitere sei von Sponsoren getragen worden, sagte Beck. Der Künstler war trotz starker Rückenschmerzen extra angereist, um den Plochingern "viel Spaß bei ihren neuen Sitzungen" zu wünschen.

Ungerer: Bin ein "spiritueller Mensch"

Auch andere Plochinger hätten lieber den ersten, etwas gewagten Entwurf behalten. Heidemarie Kuligovsky sitzt im Kulturausschuss der Stadt und war von Anfang an von der Idee begeistert: "Mir tut es sehr leid, dass der erste Entwurf schlechtgemacht wurde. Ich fand ihn genial." Auch der aus Plochingen stammende Wolfgang Beck hätte das Popo-Klo besser gefunden: "Ich finde es bedenklich, dass eine kleine Gruppe solch massiven Druck ausüben kann und sich so gegen die Mehrheit durchsetzt."

Ungerer selbst wollte jedoch niemanden verletzen, sondern nur seinen Spaß haben. Er selbst sei ein "spiritueller Mensch" und habe großen Respekt vor allen Religionen. Der Künstler sagte, seine ursprüngliche Idee der "Arschitektur" sei zwar besser gewesen, aber "hätte ich realisiert, dass das Klo direkt vor der Kirche steht, hätte ich gezögert, den Arsch direkt davor zu stellen."

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