Architektur : Macht kaputt was euch kaputt macht

Wer im falsch geplanten Haus lebt, wird "sozial defensiv und misstrauisch“. Ariane Bemmer erklärt, was Architekturpsychologen über richtiges Wohnen wissen.

Pruitt
Untherapierbar: Die Mammutsiedlung Pruitt Igoe in St. Louis kam bei den Mietern überhaupt nicht an. 1972 wurde sie komplett...Foto: Bettmann/Corbis

Und dann steht der Mensch da, vor der großen glatten Glastür des großen modernen Hauses und weiß nicht, was tun. Ziehen oder drücken? Dieser Moment ist kein wirklich großes Drama, doch steckt er voller Unbehagen. Wieso weiß ich nicht, wie die Tür aufgeht? Liegt es an ihr? Oder an mir? Bin ich gar in diesem Haus nicht willkommen?

Fragen, die eine gute Tür in einem guten Haus nicht stellen würde. Das jedenfalls ist der Befund des Facharztes, der es nicht weit hat, er arbeitet hier. Die trübe Diagnose lautet: missglückte Architektur. Die Therapie: „Drücken“-Schilder anbringen. Präventiv hätte man Griffe montieren sollen, die zum Drücken animieren, etwa waagerechte Streben, die zur Türmitte dicker werden.

Der Facharzt ist Professor Dr. rer. nat. habil. Peter G. Richter, kein Mediziner, wohl aber Psychologe und Wissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, spezialisiert auf Arbeits-, Organisations- und Architekturpsychologie. Von daher also befugt, Häuser auf die Couch zu legen, was kein Witz ist. „First we shape our buildings, then they shape us“ („Erst formen wir unsere Gebäude, dann formen die uns“). Diese Einsicht wird Winston Churchill zugeschrieben. Gibt es zu viele menschenunfreundliche Häuser, wirkt das nachteilig auf den Umgang der Menschen miteinander.

Das Psychogramm eines menschenfreundlichen Hauses allerdings kann Peter Richter nicht bieten. Nur Versatzstücke, Einzelinformationen, zusammengelesen aus den noch wenigen Studien, Befragungen, Untersuchungen des jungen akademischen Faches. „Das ideale Haus für alle gibt es nicht“, sagt Richter. Dafür sei der Mensch viel zu individuell.

Jenseits der Forschung bemühen sich bundesweit rund 25 architekturpsychologische Berater um Harmonie zwischen Sein und Stein. Wie Ursula Sieber aus Schwabing, München. Viele Menschen seien so eingefahren in ihren Abläufen, dass sie nicht mehr allein erkennen würden, was man verbessern könne, sagt sie. „Da setze ich an und stelle die Fragen, auf die meine Kunden nicht mehr kommen.“ Oft höre sie auch: Das muss doch so sein. Dann haut sie auf den Tisch. Muss es nicht! Wieso richten Sie sich nach den Steckdosen? Verlegen wir die!

Als grundsätzlich soziophil gilt heute: ein Haus, das Gemeinsamkeit schafft, indem es Räume nicht an lange Flure reiht, sondern um einen zentralen Flur gruppiert: Eine Studie in einem Studentenwohnheim ergab, dass Korridor-Anwohner schon nach wenigen Wochen vergleichsweise „sozial defensiv, interaktionsscheu und misstrauisch“ waren. Ein Haus, das viele gleich große Zimmer bietet, unter denen der Mensch sich unvoreingenommen eins zum Wohnen, eins zum Schlafen, eins zum Arbeiten und eins fürs Kind aussuchen kann. Ein Haus, das Aussicht ins Grüne hat. Und um einladend zu sein, muss ein Haus auch Orientierung geben. Am Eingang und im Inneren. Wo bin ich, wie erreiche ich mein Ziel und wie komme ich wieder hinaus, das muss stets klar sein. Durch bunte Etagen, Hinweisschilder, Leitsysteme, es gibt da einiges. Die Technische Universität Dresden am Zelleschen Weg 17 allerdings, das Haus, in dem Richter arbeitet, kommt mit seinen indifferenten Glastüren und unzähligen langen gleichförmigen Gängen diesem Bedürfnis so gar nicht nach, was dem habilitierten Psychologen ein Kichern entlockt. „Ich arbeite hier schon gut zehn Jahre“, sagt er, „und laufe heute noch an meinem Büro vorbei.“

Wie dramatisch es ausgehen kann, wenn Häuser kein einziges soziophiles Kriterium erfüllen, zeigte sich vor 35 Jahren in den USA, in St. Louis, Missouri. Da verschwand erstmals eine ganze Siedlung in einer gigantischen Staubwolke. Sie hieß Pruitt Igoe. 33 elfstöckige Hochhausscheiben, verbunden durch lange, teils unbeleuchtete Gänge. Die Bewohner fühlten sich in der Gleichförmigkeit weder wohl, noch ließ die ihnen Platz für individuelle Ideen. Es wurde randaliert und demoliert, Gangs terrorisierten die Mieter, dann kamen die Dealer. Die Siedlung wurde am 16. März 1972 gesprengt, da war sie keine 20 Jahre alt. Für den Architekturtheoretiker Charles Jencks war das der Tag, an dem die moderne Architektur starb. Aber es war auch die Mahnung, den Menschen nicht ganz zu ignorieren beim Planen seiner Unterkunft.

Bis dann die Architekturpsychologie ein Thema und ein Fachbereich an Hochschulen wurde, vergingen viele Jahre. 2004 erschien von Peter Richter ein Lehrbuch, es war das erste in deutscher Sprache. Darin steht auch, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt. Hat er, wie ein Tier, Territorialverhalten, braucht er ein Revier? Ja, sagen die Theoretiker, in abgestufter Form: Das eigene Zimmer ist wichtiger als der Platz auf der Parkbank. Wie wirkt eine Zeile optisch gleichförmiger Häuser auf die Mieter? Negativ, weil sie von der Straße aus ihre Wohnung nicht erkennen und sich austauschbar fühlen. Auch Farben beeinflussen: Der Mensch hat in roten Zimmern zehn Herzschläge mehr als in blauen. Wo Wissenschaftler Richter zögert, weil alle Studien Fragen offen lassen, gerät Praktikerin Sieber in Fahrt und kann sich auch nach Jahren noch aufregen. Über Wohnungen, von deren drei Zimmer eins groß ist (Wohnen), eins dunkel (Schlafen) und eins klein (Kind). Wie bevormundend! Über Wasserhähne, die schmutzeckenbildend am Waschbecken befestigt sind, statt aus der Wand zu kommen. Wie gedankenlos! Über fehlende Abstellkammern, enge Küchen, Bäder ohne Fenster oder Vier-Zimmer-Wohnungen ohne Extra-Toilette. „Man fasst sich an den Kopf“, sagt sie.

Die 67-Jährige kommt wie Richter aus der Psychologie, seit 14 Jahren gibt es ihr Büro „Qualitat“. Gerade berät sie einen Frauenverein, der in seinen Büroräumen die kleine Küche neu einrichten will. Sie ist hingefahren und hat den Frauen zugeguckt, wie sie die Küche nutzen. Wann wird gekocht, was muss schnell erreichbar sein, wo geht man oft lang, welcher Handgriff ist umständlich, wann muss man sich bücken, wo stößt man sich gar.

Das sei aber keine bloße Einrichtungsberatung, die oft vom Angebot ausgehe. Das sei Psychologie, weil sie sich um die Ergründung der Nachfrage kümmere: Was genau will der Kunde eigentlich?

Um ein Zimmer so einzurichten, dass man sich darin wohlfühlt, brauche man Zeit. Erstmal nur das nötigste hineinstellen und darin herumlaufen, rät Sieber. Spüren, wo was fehlt. Nicht vorm Umzug die Couchgarnitur kaufen und die neue Wohnung „totmöblieren“. Wenn man genau prüfe, wie man sich bewege, vermeide man Irrtümer: den „bescheuerten“ Tisch vorm Sofa beispielsweise. Eine Ablage, an die man, sitzt man erst mal bequem, nicht mehr ran kommt. Ihrer Mutter hat sie den Couchtisch weggenommen und durch einen Teewagen ersetzt, der sich herbeirollen lässt, wenn man ihn braucht. So sei es richtig: Der Mensch soll den Raum und die Dinge darin beherrschen, dann fühle er sich wohl, sagt sie.

Zu diesem Machtverhältnis gab es eine Untersuchung in den sehr bunten, sehr runden Wiener Häusern des berühmten Architekten Friedensreich Hundertwasser („Die gerade Linie ist gottlos“). Was zunächst viele Menschen anzog, vertrieb sie genauso schnell wieder: Das ausgefallene Haus ließ ihnen zu wenig Platz, den eigenen Geschmack zu verwirklichen.

Anders sieht es aus in einer ebenfalls in Wien untersuchten tristen Hochhaussiedlung in Alt-Erlaa. Dort gibt es kaum Leerstand, und als man Gründe dafür suchte, fand man Läden, Sportplätze und sogar Swimming Pools auf den Dächern. Das ergab für die Mieter viele Möglichkeiten, Nachbarn zu treffen oder sich aufzuhalten, so dass sie sich wohlfühlten.

Auch aus den Tiefen der Psychologie kommt eine Erklärung für Wohnzufriedenheit. „Was den Menschen als Kind umgibt, beeinflusst ihn ein Leben lang“, sagt Peter Richter. Wer zwischen Blümchentapete und Schrankwand aufwachse, müsse nicht erschrecken, wenn er im Alter dort wieder sitzt. Mit ein Grund dafür, dass Aussteiger im Rentenalter in der Fremde nur selten glücklich werden.

Die Klärung der Frage: „Was will ich eigentlich?“ ist aber kein Garant für Harmonie zwischen Haus und Herrn, denn es kann gelogen werden. Da besteht der ehrgeizige Feierabendkoch auf der Bulthauptküche, obwohl die den Raum sprengt. Oder der Yuppie auf dem Palast am Elbhang, der allein sein Ansehen steigern soll. Peter Richter zupft in seinem vollgestellten Dresdner Professorenzimmer am Pullover. „So wie ich ja auch im schwarzen Rolli zur Arbeit komme, um mich den Architekten näher zu fühlen“, sagt er und lacht. Es sei menschlich, wenn man sich beim Bauen oder Kaufen an einer Wunschvorstellung orientiere – „am Ideal-Ich, statt am Real-Ich“. Aber unter psychologischen Gesichtspunkten führt das meist zu missglückter Architektur.

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