Architektur : Poesie der Rosenblüte

Architektur und Moral: Totalitäre Staaten machen erfinderisch - nicht nur in China.

Falk Jaeger
oper peking
Irdische Musik: Der Franzose Paul Andreu hat in Peking die neue Oper gebaut. -Foto: Imago

Architekten bauen (gerne) für die Ewigkeit. Diktaturen halten sich keine Ewigkeit. Allein schon diese Tatsache mag vielen Architekten die Skrupel nehmen, wenn sie in Libyen oder Vietnam, China oder Kasachstan die gigantischen Projekte verwirklichen können, von denen jeder Baumeister insgeheim träumt. Das Kalkül totalitärer Herrscher geht nicht auf, zumindest nicht auf Dauer. Die spektakulären Architekturen, die sie als Kulissen ihrer Macht bauen ließen, künden nach ihrem Ableben nicht mehr von ihrem Ruhm und ihrer Macht. Albert Speers nach dem Krieg formulierte „Ruinenwerttheorie“, nach der die NS-Bauten so solide gebaut sein sollten, dass sie wie die Bauten des Römischen Reichs noch nach tausend Jahren als Ruinen die Größe des deutschen Volks demonstrieren sollten, hat sich schon nach einer Generation erledigt. Das Nürnberger Parteitagsgelände taugt nicht als Beweis. Auch Ceausescus Palast des Volkes, der nach dem Pentagon als zweitgrößtes Gebäude der Welt galt, gereicht nicht mehr ihm zur Ehre. Dort sind inzwischen Senat und Parlament eingezogen, und gegenwärtig tagt dort der Natogipfel, einst des Diktators liebstes Feindbild.

Die Architektin Anca Petrescu, die als 27-Jährige den Wettbewerb gewann und den monströsen Palast zu 80 Prozent realisierte, gab sich nach dem Sturz des Bauherren gerne als unpolitisch und nur von der Architektur fasziniert – und bekam den Auftrag zum Weiterbau. Inzwischen hat sie sich ein wenig geoutet und sitzt als Abgeordnete der nationalistischen Großrumänien-Partei PRM in „ihrem“ Parlament.

Unpolitische Architektur und demzufolge unpolitisch handelnde Architekten, gibt es das überhaupt? Vor allem in Deutschland ist in den vergangenen Wochen ein Disput darüber entstanden, der mit dem Gewinn des Wettbewerbs für Gaddafis neues Regierungsviertel in Tripolis durch die Berliner Architekten Léon Wohlhage Wernik begann und durch die Ereignisse in Tibet eskalierte, Ereignisse, die der Welt die durchaus nicht unbekannte Tatsache nochmals vor Augen führen, von welcher Art das Regime in Peking ist. Dürfen Architekten für dieses Regime bauen?, so die Frage, dürfen sie dem Unrechtsstaat mit ihren spektakulären Bauten zu einem glanzvollen Olympia-Auftritt verhelfen?

Der Franzose Paul Andreu hat in Peking die neue Oper gebaut, ein Riesenei, ganz in der Nähe des Platzes des himmlischen Friedens, von dem jeder weiß, dass der seinem Namen wenig Ehre macht. Die Schweizer Herzog und de Meuron haben das wie ein gigantisches Vogelnest anmutende Stadion entworfen, und auch ein Deutscher ist mit von der Partie: Das benachbarte „National Indoor Stadium“ hat der Nürnberger Thomas Glöckner entworfen, bejubelt von Ministerpräsident Günther Beckstein, der die Tatsache als „sensationellen Erfolg für den Freistaat“ vereinnahmte.

Es sind wahre Architektenträume, die sich in den Herrschaftsbereichen der Potentaten realisieren lassen, doch sind es verbotene Träume? Der moralische Unterschied zwischen Aufträgen für westliche Konzerne oder Ölscheichtümer und aufkommende Tigerstaaten mag den meisten Architekten nicht einleuchten.

Dass die Moraldiskussion fast nur in Deutschland geführt wird, hat natürlich gute Gründe. Im speziellen Fall der Olympischen Spiele hat man hierzulande 1936 erlebt, wie Architekten für Staatsbauten und selbst für die Gestaltung der Festlichkeiten in Anspruch genommen (missbraucht?) wurden. Auch ist der Neoklassizismus seit Albert Speers hypertrophen Planungen für die „Reichshauptstadt Germania“ politisch kontaminiert. Doch die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren auch in unverdächtigen Ländern, in Skandinavien, in England, auch in den USA neoklassizistische Monumentalbauten entstanden, mag Beleg dafür sein, dass politische Konnotationen bestimmter Architekturformen nicht angebracht sind. Wie sonst hätten die ersten Bauten der faschistischen Partei in Italien in blütenreiner weißer Moderne entstehen können?

Am Beispiel Peking diskutieren die Architekten auch die Frage nach der Abgrenzung zwischen Schuld und Unschuld. Wenn es moralisch unbedenklich ist, dort Wohnungen zu bauen (Otto Steidle), wie ist es dann mit dem Flughafen (Norman Foster) oder gar mit dem Nationalmuseum (von Gerkan, Marg und Partner)? Und wenn man für Athleten aus aller Welt prächtige Sportstätten bauen darf, wie verhält es sich mit dem Fernsehzentrum? Immerhin wird die gewaltige, vom Holländer Rem Koolhaas entworfene Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV, deren Rohbau gerade die endgültige Höhe von 230 Metern erreicht hat, als Propagandazentrale des Regimes fungieren. Die 30 politisch gleichgeschalteten TV-Kanäle des CCTV liefern alles andere als eine freie Berichterstattung.

Fragt man die Architekten selbst, so argumentieren die pro domo. Wem es noch nicht gelungen ist, auf dem äußerst schwierigen Terrain Fuß zu fassen, der lehnt sich weiter aus dem Fenster. Christoph Ingenhoven, glücklos in Schanghai, wo die Chinesen ihn ausgebootet und seinen Hochhausentwurf ohne ihn errichtet haben, lehnt das Bauen für öffentliche Institutionen oder staatliche Einrichtungen in China rundweg ab. Der Wiener Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au zeigte mit dem Finger auf deutsche Architekten, die „für Tyrannen oder Autokraten“ bauten, was ihn nicht daran hinderte, seine Entwürfe Bauherren in China, Libyen und im Iran anzudienen – ohne Erfolg übrigens. Der Neidfaktor spielt in dieser Diskussion unter Architekten wohl keine geringe Rolle.

In Nah- und Fernost erfolgreiche Architekten verweisen auf den Beitrag, den Fachkommunikation und Architektur zum gesellschaftlichen Wandel leisten können. In der Tat ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gerade in China der Gedanke des nachhaltigen Bauens und der ökologischen Verantwortung gewaltigen Auftrieb bekommen hat, durch neue Bauvorschriften, durch Bücher und Zeitschriften, durch die Gründung von Lehrstühlen für ökologisches Bauen. Deutsche Architekten, seit Jahrzehnten führend auf diesem Gebiet, haben durch ihre Bauten und Lehrtätigkeiten an chinesischen Hochschulen entscheidenden Anteil daran. Ähnlich verhält es sich mit technischen Normen, Brandschutz und Sicherheitsvorschriften.

Machtlos scheinen die ausländischen Architekten allerdings, wenn es um die Zustände bei der Bauproduktion geht. Das unglaubliche Bauvolumen und das atemberaubende Bautempo lassen sich nur mit den sprichwörtlichen Heeren an Bauarbeitern realisieren. Doch die sind rechtlose Saisonarbeitskräfte vom Land, die sich halblegal in den Städten aufhalten und für 10 Cent pro Stunde wochen-, teils monatelang durcharbeiten, um ihre Familien fernab in der Provinz zu ernähren. Arbeitsschutz, Gesundheitswesen, geregelte Unterkünfte und Freizeit sind für sie Kunde aus einem fernen Paradies. Für die sozialen Missstände des Landes wollen sich die ausländischen Architekten verständlicherweise nicht verantwortlich machen lassen.

Und vielleicht bietet ihnen die Architektur selbst ein Schlupfloch aus der Diskussion, denn es ist selten „Herrschaftsarchitektur“ in unserem Sinne, die derzeit in den totalitären Staaten gefragt ist. Foster errichtet in der neuen kasachischen Hauptstadt Astania eine „Friedenspyramide“ und ein Tropenparadies in Form eines 150 Meter hohen gläsernen Zelts. Albert Speer junior baut in der Nähe von Schanghai malerische Städtchen nach europäischem Vorbild. An Meinhard von Gerkans kreisrunder Stadt Luchau lieben die Chinesen die Metapher des auf einen Wasserspiegel fallenden, Kreise ziehenden Wassertropfens, und die Berliner Architekten Pysall und Ruge entwickeln für die hierzulande unbekannte Millionenstadt Mianyang in der Provinz Sichuan einen städtebaulichen Masterplan nach dem Bild einer Rosenblüte.

Poesie in der Architektur, was kann daran schon verwerflich sein?

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