Kultur : Architektur: Tanz der Brandwände

Jürgen Tietz

Selbst für die "Wasserstadt" Berlin mit ihren Flüssen, Kanälen und Seen ist die Lage der neuen Repräsentanz des Bundesunternehmens "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit" (GTZ) einzigartig. Schließlich ist das als Canaris-Haus bekannte Bürogebäude am Potsdamer Platz von allen Seiten vom Wasser umgeben: Vor dem Haupteingang am Reichpietschufer strömen Autoverkehr und Landwehrkanal um die Wette, und die übrigen Seiten des Gebäudes umplätschert Renzo Pianos idyllisches Stadtgewässer. Das war freilich nicht immer so. Als das Haus 1913 nach einem Entwurf von Paul Karchow für die "Transatlantische Güterversicherungsgesellschaft" entstand, gab es zwar den Landwehrkanal, doch ansonsten stand das Haus in einer geschlossenen Straßenflucht. Seinen Namen verdankt der Bau seiner Rolle im "Dritten Reich". Damals diente er als Sitz für Hitlers widersprüchlichen Leiter der Abteilung Abwehr im Reichskriegsministerium, Admiral Wilhelm Canaris. Der Zweite Weltkrieg machte das Canaris-Haus schließlich zum städtebaulichen Solitär.

Jetzt hat die Berliner Architektin Elisabeth Rüthnick das denkmalgeschützte Haus für die GTZ hergerichtet. Die Fassade wurde gereinigt, die erhaltenen historischen Bereiche wie das Entrée und das Treppenhaus instandgesetzt. So gewichtig sich das Haus mit seiner spätkaiserzeitlichen Fassade zum Landwehrkanal gibt, so malerisch präsentiert es sich an seiner Rückseite. Dass sie zur neuen Schauseite des Hauses wurde, verdankt sie einer Arbeit des in Berlin lebenden isländischen Künstlers Olafur Eliasson. Mit spiegelnden Edelstahlplatten, die auf einer Metallkonstruktion befestigt sind, hat er Stockwerke und Treppen auf den Brandwänden markiert. So wird die innere Struktur des Hauses nach außen getragen. Man ahnt, wie einst die Nachbargebäude angebunden waren.

Was auf den ersten Blick banal anmutet, entwickelt bei einem leichten Lufthauch eine ganz eigene Wirkung. Dann bewegen sich die Spiegel, Farb- und Lichtreflexe flirren über Wand und See. Zwischen die beiden rückwärtigen Gebäudeflügel hat Rüthnick einen Glaskubus eingeschoben, eine viergeschossige Halle, die als Veranstaltungsraum mit einzigartigem Ausblick auf den Potsdamer Platz genutzt werden kann.

Der Haupteingang liegt freilich immer noch am Landwehrkanal: Vorbei an einem plätschernden Wandbrunnen und violett changierenden Fliesen gelangt der Besucher ins Treppenhaus. Dessen kräftig gelbe Farbigkeit oberhalb der dunklen Holzpaneele wurde nach Befund wiedergewonnen. Der übrige Innenausbau, der in die vorhandene Trägerstruktur eingeschoben wurde, trägt jedoch die Handschrift von Rüthnick. Das Erdgeschoss dient dabei als variabler Konferenzbereich. Helle Schiebewände aus Ahorn sorgen dafür, dass er nach Bedarf flexibel unterteilt werden kann. Der einstige Hof, der nun von dem neuen Glaskubus überfangen wird, kann entsprechend hinzu geschaltet werden. Im ersten Obergeschoss läuft vor der alten Fassade eine Galerie mit gläserner Brüstung um den Lichthof. Sie geht in den Flur von wohltuender Großzügigkeit über. Gläserne Schwerter in den Bürowänden sorgen für Licht und Transparenz. Die Trennwände zwischen den Büros werden durch helle Holzregale gebildet, die auf ihrer Rückseite zum Nachbarbüro jeweils farbig gefasst sind. Die Farben Rostrot, Lindgrün, Gelb und Grau ziehen sich durch das Haus und sorgen für einen frischen Gesamteindruck.

Die anschließenden Geschosse sind schlichter ausgeführt. Doch auch hier sorgen gläserne Wandschwerter zwischen Büros und Flur für sympathische Luftigkeit, die zum Kennzeichen von Rüthnicks Entwürfen zu werden scheint.

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