Kultur : "Architektur und Baukultur": Schöner Bauen

Ulf Meyer

In Deutschland gibt es weder ein zentrales Architekturinstitut oder ein staatliches Museum der Baukunst, noch sind die deutschen Politiker für die Nöte der Planer sensibilisiert. Dabei haben viele europäische Nachbarländer vorgemacht, wie eine Förderung der Architektur und die Weckung des Bewusstseins für Baukultur funktionieren können. Das finnische Gestaltungsgesetz, das gute Architektur als Staatsziel festlegt, etwa ist ebenso vorbildlich wie die rege Arbeit der Architekturzentren in Wien, Graz, Rotterdam oder Paris.

Die neue Wertschätzung

Deutschland aber, das größte Land Mitteleuropas, gibt keinen Pfennig für Architekturförderung aus. Was in anderen Ländern selbstverständlich ist, fehlt hier komplett. Der deutsche Architekturexport liegt weitgehend brach; hiesige Baufirmen haben deshalb selten Gelegenheit, dem Planungsexport zu folgen. Föderale Kleinstaaterei, Kulturlosigkeit der Politik, die Verwöhntheit des Architektenstandes durch die vereinigungsbedingte Sonderkonjunktur und die zersplitterte, nicht selten zerstrittene berufsständische Organisation verschärfen diese Situation. Selbst die vom Sparen berauschte öffentliche Hand scheut zunehmend Architektenwettbewerbe und verfällt auf das Leasing-Unwesen. Der Irrglaube, dass gute Architektur und Ingenieurkunst teurer sei als schlechte, ist offenbar nur schwer zu beseitigen.

Um hier nachzuhelfen, hat das Bundesbauministerium im Oktober in Berlin die "Initiative Architektur und Baukultur" gegründet. In ihr sind rund zwei Dutzend Kammern und Berufsverbände vertreten. "Ein neues Verständnis für die Qualität und Bedeutung des Bauens" will sie schaffen, "von der Herstellung bis zum Umgang mit Gebäuden eine neue Wertschätzung" bewirken und dazu im Herbst 2001 einen ersten Ergebnisbericht vorstellen. Nachhaltige Planung müsse im magischen Viereck aus "gestalterischem Anspruch, finanziellen Mitteln, Umweltverträglichkeit und Alltagstauglichkeit" entstehen. Die Beteiligten sind wild entschlossen, sich vom Teil des Problems zum Teil der Lösung wandeln.

Für Berlin hat diese Initiative besondere Relevanz, weil auch das Deutsche Architekturzentrum (DAZ) in der Köpenicker Straße in Mitte kränkelt. Eine "blendende und nach wie vor dringend notwendige Idee" ist das Zentrum nach Ansicht von Karl Ganser, der unlängst den Vorsitz vom DAZ-Förderverein übernommen hat. Das klingt genau so wie bei der Gründung vor sechs Jahren. Allerdings gewährt der Besitzer des Hauses der Betriebsgesellschaft längst nicht mehr die für ein Kulturprogramm nötigen Vorzugskonditionen. Gansers Ideen klingen deshalb angesichts der weitgehend verwaist wirkenden öffentlichen Flächen des Hauses wie Zweckoptimismus oder Durchhaltepropaganda. Aber der Mann, zuvor Leiter der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park im Ruhrgebiet, die zum Jahresende aufgelöst wird, gilt als hartnäckig.

Mehr als gebaute Sensation

Um seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen, will Ganser zunächst intern bei den Planern, dann extern bei der Politik für den Erhalt des DAZ werben. Das könnte klappen, denn bei der IBA habe er"zehn Jahre lang positive Erlebnisse gehabt", so Ganser. Was er mit seinem neuen Slogan "Baukultur ist mehr als gute Architektur" erklärt er am Beispiel von Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao: Dieser Bau sei "nur" eine singuläre architektonische Sensation, während das neue Museum in Nürnberg, mit dem der junge Berliner Architekt Volker Staab die Kritiker entzückte, darüber hinaus einen wertvollen Beitrag für die Stadt und damit zur Baukultur leiste.

Dem DAZ-Promoter Ganser sind Architektur und Städtebau gleich wichtig. Er träumt von einer Architektur als "Fassung der Künste" träumt, denn "der integrative Sinn fehlt den autistischen Künsten heute". Die neue Wegrichtung der Architektur führt deshalb für ihn weg vom Solitär, hin zur Textur. In Zeiten schrumpfender Städte müsse die Architektur geschickt auf die fortschreitende Zerfledderung reagieren. Im DAZ sieht Ganser folglich ein "nationales Zentrum der Baukultur", das mehr alseine sporadische Förderung verdiene. Die Gesundschrumpfung des "Verbändehauses der Planer" sei zwar teilweise gelungen; für das ehemals reiche Kultur- und Ausstellungsprogramm steht aber nur noch ein Fünftel der Fläche zur Verfügung. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) hatte sie schon bei der letzten Rettungsaktion vor zwei Jahren gekauft. Im schlimmsten Fall - so fürchten kritische Beobachter - droht der Totalausverkauf des stagnierenden DAZ als "Kungelklub für Funktionäre".

Als Leiter des DAZ und damit einer der Träger der "Initiative für Architektur und Baukultur" ist Ganser davon überzeugt, dass diese Einrichtun "möglichst unabhängig sein muss und auf zehn Jahre angelegt werden sollte, um politisch einflussreich zu sein". Doch schon hat das zarte Pflänzchen einige Rückschläge erlitten, denn ihre beiden wichtigsten Ansprechpartner, der Bau- und der Kulturminister, sind zurückgetreten. Die Hoffnung, dass deren Amtsnachfolger mehr Verständnis für Architektur aufbringen, wird bislang enttäuscht: "Die Sanierung der Deutschen Bahn ist dem Minister wichtiger", muss Ganser feststellen. Neidvoll blickt der Architekturmann auf andere kulturelle Gattungen wie etwa die Literatur.

Das "architektonische Quartett"

So fehlt der Baukust eine Persönlichkeit wie Marcel Reich-Ranicki im "architektonischen Quartett", der "den Leuten polemisch sagen könnte, was Mist ist". Analog zu den "fünf Wirtschaftsweisen" könnte außerdem ein jährlicher unabhängiger Architekturbericht die Regierung für die Belange der Planer sensibilisieren. So hat sich Glasgow selbst als "Stadt der Architektur" ausgerufen - ein wirkungsvolles Kommunikationsinstrument. Ergänzt um etwa die Verleihung des Titels "nationale Hauptstadt der Baukultur" und "ranghöchste Preise" würde endlich das architektonische Geschmacksempfinden geschult werden.

Doch was kann die Politik wirklich leisten, wieviel Einfluss tatsächlich auf die Baukultur nehmen? Wohl eher wenig. Bei genauerem Hinsehen zerfällt der Neid auf die Nachbarländer: Frankreich setzt vornehmlich auf Starprojekte, und selbst im architektonischen Wallfahrtsort Holland wird "viel Schrott gebaut", so Ganser, weil der Unterhaltungswert der Architektur im Vordergrund stehe. Für die föderale Organisation, die Standespolitiker als Hindernis bei der Durchsetzung eines ausdrücklich nationalen Zentrums sehen, sind sowohl Ganser als auch Heinrich Pfeffer, der neue Präsident des BDA, selbst die besten Beispiele. Beidebleiben lieber im Rheinland und sind "froh, die Geschehnisse in Berlin aus der Distanz zu betrachten".

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