Kultur : Architektur: Unter gläsernem Himmel

Bernhard Schulz

Eben noch musste für die Sanierung der Museumsinsel Baustopp wegen ausbleibender Berliner Zahlungen befürchtet werden. Nun soll es sogar schneller gehen. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, machte dieser Tage Hoffnungen auf die vorfristige Fertigstellung des Neuen Museums samt vorgelagertem Eingangsgebäude.

Das Pergamon-Museum erwähnte Lehmann nicht. Hier herrscht nach dem Ende Mai vergangenen Jahres entschiedenen Wettbewerb Ruhe. Die Vollendung des auf 500 Millionen Mark veranschlagten Umbaus ist für 2009 versprochen. Oswald Mathias Ungers, der 75-jährige Altmeister aus Köln, gewann die Konkurrenz mit einem in drei Varianten vorgetragenen Entwurf, der auf die zuvor jahrelang von den Museumsleuten geforderte Überdachung des Eingangshofes verzichtet. Sein Entwurf sieht einen Querriegel am Kupfergraben vor, um die beiden Seitenflügel der Dreiflügelanlage miteinander zu verbinden - mit viel Glas zwar, aber im rigiden Quadratraster, dem Markenzeichen seiner Architektur. Der Hof selbst bleibt offen. Ungers entspricht damit der Vorgabe der Denkmalpflege, die eine Überdachung vehement ablehnte. Der Architekt des 1930 eröffneten Pergamon-Museums, Alfred Messel, hatte dergleichen auch nicht vorgesehen.

Die Nonchalance, mit der die Museumsleute, voran Generaldirektor Peter-Klaus Schuster, im vergangenen Jahr die Preisgabe ihrer Forderung abtaten, musste schon überraschen. Denn es gibt beste Gründe dafür, den abweisenden, ja hässlichen Innenhof des gewaltigen Bauwerks zu überdachen. Zuallererst könnte so der weiträumige Platz gewonnen werden, der für die Ausstellung von Architekturmonumenten wie dem ägyptischen Kalabsha-Tempel erforderlich ist. Daneben aber würde der Zugang zum Museum einladender. Man überquere einmal an einem regnerisch-kühlen Tag den steingepflasterten Hof, um den Vorteil eines geschützten Innenraumes zu ermessen.

Zeitlos gültige Sprache

Doch die Denkmalpflege stellte sich quer, und in der Jury gab es massiven Druck, den Auftrag an Ungers zu vergeben. Ungers, der in Berlin zuletzt die Messe-Erweiterung in strengem Raster entworfen hat, ist nicht der Architekt solcher Ingenieurbauwerke, wie sie leichte, weit gespannte Glasdächer darstellen. Sein Formenvokabular ist an einer zeitlos gültigen Architekturgeschichte orientiert, deren Vorbilder sich beispielsweise in die Lichtkuppel der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe (1991) oder das Tonnendach der Frankfurter "Galleria" (1993) verwandelten. Die Museen, die Ungers entworfen hat - zuletzt den Anbau der Hamburger Kunsthalle sowie das Kölner Wallraf-Richartz-Museum - sind steinerne Kuben, die die Ungerssche Liebe zum Quadrat zelebrieren. Der dienende Umgang mit vorhandener Architektur ist die Sache des Rationalisten ebenso wenig wie die Zusammenarbeit mit einem Ingenieurbüro, das jeweils eigene Lösungen hervorbringt.

Überhaupt müsste eine schwebend leichte gläserne Hülle auf eine dominierende Architektursprache eher verzichten - und stattdessen zurückgreifen auf das, was in Gestalt des historischen Bauwerks bereits vorhanden ist. Es gibt Beispiele, die den Gewinn einer solchen Verbindung nachdrücklich unterstreichen.

Zuallererst fällt dabei der Name des Pariser Louvre. Die Erweiterung zum "Grand Louvre", eines der Grand projets des baufreudigen Präsidenten Mitterrand, erfuhr ihren krönenden Abschluss mit der Eröffnung dreier glasgedeckter Innenhöfe im November 1993. Der Richelieu-Flügel entlang der Rue de Rivoli, zuvor 118 Jahre lang Sitz des Finanzministeriums, bietet seither in den beiden größeren Höfen französische Barockskulptur und in dem dritten assyrische Altertümer in der großartigen Kulisse von Palastfassaden. Unter der architektonischen Gesamtleitung von I.M. Pei errechnete der irische Ingenieur Peter Rice die Glashaut in der historischen Gestalt vierseitig gekrümmter Walmdächer.

Der Louvre hat Konkurrenz bekommen. Seit dem 6. Dezember vergangenen Jahres ist das British Museum in London in einer Weise zu erleben, wie es nie zuvor zu sehen war. Den Innenhof zwischen dem vierflügeligen Museumsbau und dem berühmten Round Reading Room in der Mitte des ursprünglich unbebauten Hofes hat Reichstags-Erneuerer Norman Foster mit einer atemberaubend eleganten Glashülle überwölbt. Der runde Lesesaal ist der 1860 errichtete Saal der British Library, die vor einigen Jahren aus dem Museumskomplex, dem sie längst entwachsen war, in einen eigenen Neubau übersiedelte. Die gewaltige Rotunde wird seit der denkmalgetreuen Renovierung als Museumsbibliothek genutzt. Der Hof aber, von den im Laufe der Zeit hineingestauchten Buchmagazinen und Verwaltungstrakten befreit, gibt erstmals die Bibliotheksrotunde zur Ansicht frei. Die vier Hoffassaden des Museums hat Foster entsprechend der neu verkleideten Rotunde aufhellen sowie den südlichen Portikus wiedererrichten lassen, um den klassizistischen Entwurf von 1823 ins Recht zu setzen.

Im nördlichen Teil wurde der Rotunde ein Bauteil angefügt, der unten eine weitläufige Buchhandlung und darüber ein Restaurant beherbergt. Im Hof selbst wurden zu beiden Längsseiten Selbstbedienungscafés eingerichtet, die den Charakter des Hofes nicht so sehr als Bestandteil des Museums denn als öffentlichem Platz unterstreichen. Der Zugang zum Hof ist denn auch unabhängig vom Museumsbesuch organisiert, er ist bis spät in den Abend geöffnet - ein Raum zum zweckfreien Aufenthalt. Ermöglicht hat dies das Glasdach, das Foster in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Happold aus schlanken Stahlstreben und 3312 Glasdreiecken nach den komplizierten Berechnungen des Computers hat zusammenfügen lassen. Kein Dreieck gleicht einem anderen, doch fürs Auge sind die unterschiedlichen Wölbungen dieses Rechteck und Kreisform vermittelnden Daches nicht auszumachen. Es erscheint als Glashaut von perfekter Symmetrie, deren Schattenwurf die strahlend hellen Fassaden von Lesesaal und Hoffassaden mit feinen Mustern überzieht.

Glasdächer wie die in Paris oder London dienen nicht allein dazu, Tageslicht in wohldosierter Stärke ins Hofinnere zu lassen. Die Klimatisierung spielt heutzutage eine enorme Rolle. Darüber hinaus sind die Stahlkonstruktionen an den Rändern mit Leuchten besetzt, die an dunkleren Tagen, bei Dämmerung und des Abends die benötigte Helligkeit unmerklich hinzufügen. Die meisten Besucher werden den Helligkeitsausgleich durch die Addition von Tages- und Kunstlicht kaum bemerken.

Norman Foster ist zu Recht stolz auf seinen, zu einem Gutteil aus Mitteln der Millenniums-Lotterie finanzierten Umbau des British Museum, der in Wahrheit die Neuerschaffung des Great Court bedeutet. Die Anregung durch Peis Pariser Louvre-Umbau wird von Foster durchaus nicht bestritten. Bis zu acht Millionen Besucher im Jahr werden in London erwartet. Nicht alle werden zugleich das Museum mit seinen überreichen Schätzen besuchen wollen; aber gewiss deutlich mehr als zuvor.

Derzeit ist in einem der zahlreichen Säle ein Überblick über die ausufernde Entwurfstätigkeit des weltweit agierenden Büros Foster & Partners zu sehen. Das Begleitbuch lässt ein so epochales Unternehmen wie das des Great Court in der Fülle vorwiegend kommerzieller Projekte beinahe untergehen. Aber auch da wird deutlich, wie sich mit Licht, mit der Öffnung zum Himmel Räume schaffen lassen, die das Bedürfnis nach Öffentlichkeit unter zeitgemäßen Bedingungen erfüllen. Der Innenhof des Pergamon-Museums ist ein Raum, der einer solchen gestalterischen Anstrengung wert wäre.

Nicht weit entfernt von der Museumsinsel entsteht in Berlin ein vergleichbarer Raum - erneut, denn der Innenhof des Zeughauses war bereits seit der Kaiserzeit bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nach dem Vorbild großer Lichthöfe in Bank- und Kaufhäusern überdeckt. Jetzt lässt I.M. Pei, vom damaligen Bundeskanzler Kohl per Direktauftrag mit der Erweiterung des Zeughauses für das Deutsche Historische Museum betraut, den gläsern überdachten Hof wiedererstehen, um Verkehrsflächen für die Besucherströme zu schaffen, zugleich aber einen Raum zum Verweilen.

Hier gelingt offenkundig der große Wurf, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beim Pergamon-Museum scheut. Die Verantwortlichen sollten ihre kompromissgesättigte Entscheidung nochmals überdenken. Ein Besuch im Louvre und im British Museum müsste ihnen deutlich machen, welchen Gewinn die Schaffung eines wettergeschützten Freiraumes innerhalb eines historischen Gebäudes bedeutet. Der behutsame Umgang mit dem baulichen Erbe der Museumsinsel darf nicht dazu führen, die Chance einer respektvollen Weiterentwicklung mutlos zu vertun - schon gar nicht, wenn man, wie so oft betont, den Idealkonkurrenten in London oder Paris auf Augenhöhe begegnen will.

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