Architektur : Visionen auf Papier

Das Museum für Architekturzeichnungen zeigt Entwürfe des Moskauer Künstlers Alexander Brodsky.

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© Alexander Brodsky

In den bleiernen Jahren der Breschnew-Zeit entstand in der Sowjetunion die Bewegung der „Papierarchitektur“. Wo es für individuelle Architekten nichts zu bauen gab – das erledigten die allmächtigen Kombinate –, begannen sie, Entwürfe und Visionen zu zeichnen, die sich nicht um Realisierbarkeit drehten, sondern um Zustände und Empfindungen. Der bekannteste und herausragende dieser Papierarchitekten ist Alexander Brodsky, 1955 in eine Moskauer Künstlerfamilie geboren und früh schon künstlerisch tätig. Gleichwohl absolvierte er ein Studium am renommierten Moskauer Architekturinstitut.

Seine Zeichnungen und Radierungen sind unter Kollegen berühmt, und so richtet ihm nun das Berliner Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation am Pfefferberg eine Ausstellung aus. Zu sehen sind Radierungen der 90er Jahre sowie flache Tonreliefs. Aus diesem denkbar ungeeigneten Material formt Brodsky Fassaden, die an Paläste ebenso gemahnen wie an Gefängnisse – wahrscheinlich sieht er dazwischen keinen großen Unterschied. Die fein gestrichelten Bleistiftzeichnungen umkreisen zudem das Motiv der Fabrik. Alles zusammen – Fabrik, Palast, Gefängnis – liefert ein einprägsames Bild der untergegangenen, aber subkutan weiterlebenden Sowjetunion.

© Alexander Brodsky

Doch Kritik ist Brodskys Sache nicht. Er ist ein Melancholiker, dessen wenige ausgeführte Bauten, fast alle ohnehin nur temporär, um Vernachlässigung und Verlust kreisen. Folgerichtig bestehen die meisten dieser Bauten und Inneneinrichtungen aus weggeworfenem Material, aus Türen und Fenstern von Abrisshäusern. Die ausgestellten Arbeiten sind jedoch keine Entwurfsblätter, sondern autonome Zeichnungen und Objekte. Für Brodsky macht das keinen großen Unterschied.

Er hält Orte fest, die es nicht gibt, aber gleichwohl ungemein real und präsent. Er zeigt die Kehrseite der längst verflogenen Utopien seines Heimatlandes. Nachdem er nach dem Ende der Sowjetunion einige Jahre in New York gelebt hatte, kehrte Brodsky 1999 nach Moskau zurück und eröffnete im Jahr darauf ein Architekturbüro. Doch im Grunde ist er Künstler geblieben, dessen Werk bereits auf dem Papier vollendet ist, oder eben auch im ungebrannten Ton.

Museum für Architekturzeichnung, Christinenstr. 18a, bis 5. Juni. Katalog 20 €.

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