Architektur : Vom Reißbrett ans Backblech

Häuserbau war gestern: Berliner Architekten arbeiten als Trödler, Plätzchenbäcker und Teppichhändler.

Katja Reimann
Schwarz
Die Architektin Corinna Charis Schwarz handelt heute mit Retro-Möbeln. -Foto: Mike Wolff

Ein Biss und, knack, es bröckelt die Fassade des Reichstags, krümelt im Mund und – schmeckt köstlich. Und erst das Kanzleramt! Herrlich süß, mit leichtem Vanillegeschmack. Ähnlich wie die Quadriga vom Brandenburger Tor, der französische Dom – kurz, wie jeder Keks in Form Berliner Sehenswürdigkeiten, den Petra V. aus dem Plätzchenofen zieht.

Eigentlich ist die 42-Jährige ausgebildete Architektin. Backen, sagt sie, sei nicht einmal ihre Leidenschaft. Vor einem Jahr aber lernte sie die Produktdesignerin Constanze Lohbeck, 42, und ihre Idee von den Berliner „Stadtplätzchen“ kennen, und auf einmal schien der Weg vom Reißbrett zum Backblech nahe liegend. Zumal der – eigentlich erfolgreichen – Architektin nach Jahren im Beruf der Sinn nach Neuem stand.

Die stressige Jagd nach Aufträgen, der Streit mit Bauherren, die Erkenntnis, dass zwischen Architekturstudium und -praxis Welten liegen, oder der Wunsch, sich auf einem neuen Gebiet auszuprobieren: Für viele Berliner Architekten sind dies Gründe, ihren gelernten Job nicht mehr auszuüben. Originell und produktiv soll die Alternative sein, auch Selbstständigkeit ist ein Wunsch. Manche entwerfen Mode, andere Möbel, wieder andere eröffnen ihr Restaurant. Die Auftragslage auf dem Markt für städtische Architekten ist schlecht – das bestätigt die Berliner Architektenkammer.

Teigmischung und Stadtplätzchenformen sind inzwischen geschützt. Seit Jahresbeginn logieren die beiden Frauen in einem kleinen Produktionsraum in Moabit. Die Anschlüsse für einen Großofen sind gelegt, eine Gebäckwalze ist auch da. Doch noch ist alles Handarbeit. 500 Dosen, gefüllt mit sechs bis sieben Plätzchen, werden hier pro Monat produziert. Allen Dosen, die für etwa zehn Euro verkauft werden, liegen Architekturführer auf Deutsch und Englisch bei.

Ihren ursprünglichen Beruf will Petra V. nicht missen. Noch immer arbeitet sie ein oder zwei Tage in der Woche im Architekturbüro ihres Mannes. Nebenbei schmiedet sie jedoch Pläne für die Großproduktion der „Stadtplätzchen“. Eine „Deutschlandmischung“ schwebt ihr vor, oder ein gebackener Buckingham Palace. „Prinz Charles liebt doch Gebäck“, sagt sie. „Stellen Sie sich vor: unsere Kekse beim königlichen Fünf-Uhr-Tee.“

Noch weiter von seiner eigentlichen Profession entfernt hat sich Jürgen Dahlmanns: Der studierte Architekt ist heute Teppichdesigner. Vor einigen Jahren eröffnete er in Mitte den Laden „Rug Star“. Nach dem Architekturstudium hatte der heute 40-Jährige gleich einen guten Job ergattert: Er wurde Projektleiter im Museumsquartier in Wien. Doch nach drei Jahren Österreich sagte ihm ein Bauchgefühl: „Du spielst diesen Beruf, aber du fühlst ihn nicht.“ Zur Selbstfindung reiste er zwei Jahre lang um die Welt und beschloss – irgendwo zwischen Marokko und Nepal –, seine Leidenschaft für Teppiche zum Beruf zu machen.

Schon als Student sammelte er alte tibetische Gebetsteppiche. Heute liegt die wichtigste Produktionsstätte der handgeknüpften „Rug Star“-Tibeter im nepalesischen Bhaktapur. Dahlmanns’ Unternehmen, das mit 15 000 Euro Startkapital als Ich-AG begann, ist heute international erfolgreich. 600 Mitarbeiter beschäftigt die Manufaktur in Nepal, „fair“, wie Dahlmanns betont. Die Teppiche sind qualitativ hochwertig, bis zu 8000 Euro zahlen Kunden für ein Exemplar. Bodenbeläge sieht Dahlmanns als eine spezielle Form der Architektur: „Es ist ein Möbel, das den Raum im Raum kennzeichnet.“

Mit Design hat auch der Alternativberuf von Corinna Charis Schwarz zu tun. Am Zionskirchplatz in Mitte eröffnete die 37-jährige Berlinerin vor vier Jahren mit einem Geschäftspartner den Laden „Charis“, wo sie Möbel aus den fünfziger und sechziger Jahren verkauft, Sessel von Ray und Charles Eames, Schwanenstühle von Arne Jacobsen, italienische Sofas, dänische Tische. Fündig wird Schwarz auf internationalen Märkten, in Skandinavien, auch im Rheinland. Käufer kommen täglich zum Zionskirchplatz, einige auch aus dem Ausland.

Vor vielen Jahren hat Schwarz zuletzt den Beruf ausgeübt, für den sie jahrelang in Potsdam studiert hat: Auch sie war einmal Architektin. „Aber ich habe in diesem Bereich nicht wirklich meine Nische gefunden“, sagt sie. „Ich konnte mich in der Architektur nicht richtig ausleben.“ Trotzdem fehle ihr die Arbeit heute manchmal. Zum Glück gibt es Architektenfreunde, bei denen sie gelegentlich mitarbeiten kann.

Sie sei „eine unruhige Seele“, sagt Corinna Schwarz, sie könne sich nicht vorstellen, ein Leben lang bei nur einer Beschäftigung zu bleiben. Seit Jahren modelt sie nebenbei, eine Zeit lang veranstaltete sie in ihrer eigenen Wohnung einen Salon für Künstler – ganz im Stil der zwanziger Jahre. „Ich könnte keinen klassischen Beruf ausüben“, sagt Schwarz. Auch in ihrem Möbelgeschäft spürt sie ihn schon wieder, diesen Drang, etwas Neues auszuprobieren. Eine Mini-Bar im hinteren Teil des Geschäftsraums zum Beispiel, das könnte sie sich derzeit gut vorstellen. Und wer weiß, vielleicht würde Schwarz sich dann sogar selbst um die Getränke kümmern – denn als Cocktailmixerin hat sie auch schon mal gearbeitet. Eine unruhige Seele? Vielleicht passt „umtriebig“ besser.

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