Architektur : Was vom Aufbruch übrigblieb

Deutsche Architektur der zwanziger Jahre heute: eine fotografische Bestandsaufnahme.

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Sechs Berliner Wohnsiedlungen der zwanziger Jahre zählen zum Unesco- Weltkulturerbe. Und wenn man den Blick nach Dessau lenkt, so sind mit dem Bauhaus-Gebäude und den „Meisterhäusern“ die Inkunabeln des „neuen bauens“ – wie es damals in demonstrativer Kleinschreibung bezeichnet wurde –, gleichfalls als weltbedeutend anerkannt. Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927 ist ein Wallfahrtsort für Architekturbegeisterte. Nein, Kultur der Weimarer Republik, mit ihren Aufbrüchen, Experimenten, Visionen muss heute nicht mehr um Anerkennung kämpfen. Zum Glück nicht. Denn vieles ist verloren gegangen, im Zweiten Weltkrieg natürlich, aber auch in jahrzehntelanger Vernachlässigung. So dauerte es bis zum 50-jährigen Jubiläum der Errichtung des Bauhauses, dass dieser schwerkriegsbeschädigte und hernach in der DDR als „formalistisch“ verteufelte Bau saniert wurde. Nicht zuletzt das „Europäische Denkmalschutzjahr“ 1975 hat hier, genau wie in der Bundesrepublik, zu einem tiefgreifenden Umdenken geführt.

Was ist übrig von den Bauten dieser Zeit? Der Bauingenieur und Fotograf Peter Bläsing hat sich diese Frage unter einem höchst aufschlussreichen Blickwinkel gestellt. Er hat eben nicht nur die hinlänglich bekannten Entwürfe der Moderne aufgesucht, sondern sich ein Quellenwerk der damaligen Zeit genommen und über die letzten 15 Jahre hinweg gesucht, was damals publiziert worden war und die Gebäude möglichst aus derselben Perspektive aufgenommen. Dieses Quellenwerk sind die drei in der Reihe der „Blauen Bücher“ erschienenen Bände von Walter Müller-Wulckow „Wohnbauten und Siedlungen“, „Bauten der Arbeit und des Verkehrs“ sowie „Bauten der Gemeinschaft“, in der vollständigsten Fassung alle 1929 und damit im letzten halbwegs prosperierenden Jahr der Republik erschienen, bevor die Weltwirtschaftskrise die Nazis nach oben spülte. Es erschien noch ein vierter Band, „Die deutsche Wohnung der Gegenwart“ 1932, aber dieses Buch konnte naturgemäß nicht Gegenstand von Bläsings Spurensuche sein. Die Inneneinrichtungen von damals, wie Erwin Piscators Bauhaus-Einrichtung im Berliner Altbau, sind unwiederbringlich Vergangenheit.

Müller-Wulckow war Direktor des Oldenburger Landesmuseums und ein profunder Kenner der Architektur seiner Zeit. Er folgte, wie viele Kunsthistoriker seiner Generation, einem durchaus volkspädagogischen Impuls. Da lag die Verbindung zum Verlag Langewiesche/Königstein nahe, dessen „Blaue Bücher“ eben diesem Ziel dienten. Sie waren damals ein Vademecum für interessierte Laien. Müller-Wulckow macht auch gar nicht viel her, er sammelte einfach Fotos der Bauten, die ihm repräsentativ oder beispielhaft erschienen. Es sind drei Bände mit – rechnet man den Interieur-Band dazu – 451 Aufnahmen, die sich zur damals florierenden Fotobuch-Produktion gesellten. Nur: Die anderen Autoren und Bücher „wollten“ immer etwas, sie wollten entweder für diejenige Architektur einstehen, für die der Name Bauhaus kennzeichnend wurde, oder sie bekämpften sie, wie Paul Schultze-Naumburg, dessen Deutschtümelei unmittelbar in die NS-Ideologie mündete.

Müller-Wulckow hingegen dokumentiert. Zumindest war es seine Absicht, obwohl natürlich auch er nach subjektiven Kriterien ausgewählt hat. Der Konflikt zwischen den Bauhäuslern und den Vertretern des „Heimatschutzstils“ ist bei Müller-Wulckow nicht aufgehoben, aber doch geschickt – und unterschwellig zugunsten des „neuen bauens“ – kaschiert. Doch zeigen seine Fallbeispiele, dass die – zumal nach dem Zweiten Weltkrieg gern geglaubte – Polarisierung zwischen Avantgardisten und Traditionalisten die Bautätigkeit in den kurzen Jahren der Weimarer Republik bei weitem nicht zutreffend widerspiegelt. Es gab zwischen den beiden Fronten etwas, das heute gern mit dem paradoxen Begriff der „konservativen Moderne“ belegt wird, eine mit neuen Gestaltungsprinzipien, zugleich mit hergebrachten Würdeformen verknüpfte Architektur. Wie etwa in Magdeburg, wo Johannes Göderitz republikanisch-repräsentative Bauten wie die (erhaltene) Stadthalle schuf.

In der Einleitung zu Bläsings Buch geht Christian Welzbacher sehr genau auf die Rolle der Fotografie ein. Im Grunde, so die These, habe die Architektur zumindest der Moderne nur in Buchform existiert. Das gilt sicherlich für das „neue bauen“; die propagandistische Absicht, in der Walter Gropius sein Bauhaus fotografisch bekannt machen ließ, belegt diese These nachdrücklich.

Die nüchterne Schönheit der damaligen Schwarz- Weiß-Aufnahmen ist nicht wiederholbar. Denn sie ist inszeniert, mit steiler Untersicht, mit dramatisierten Kontrasten. Die heutigen Farbaufnahmen wirken demgegenüber oft nur banal. Heute sind die Bauten oftmals zugewuchert, meist ohnehin verändert. Es stehen Autos auf den Straßen, die in den zwanziger Jahren keinen Individualverkehr kannten. Welzbacher weist auf den suggestiven Charakter der damaligen Fotos hin; und auch, dass der Verlag an einigen herumretuschiert hat, um ihnen den Eindruck von Zeitlosigkeit zu geben.

Und doch, heute ist man enttäuscht, wenn man vor den Bauten steht, von den wenigen, mit hohem Aufwand restaurierten Beispielen abgesehen. Immerhin, zwei Drittel der Gebäude haben die Zeiten überstanden, ob mit flachem Dach oder Satteldach, mit breiten Fensterfronten oder heimeligen Dachgauben, weiß verputzt oder in schwerem Backstein. Anderes, wie Erich Mendelsohns expressive Hutfabrik in Luckenwalde, wird nach völliger Entstellung als Denkmal wiederaufgebaut.

Was Müller-Wulckow zeigt, ist einfach gute Architektur, und die jetzt in Bläsings Bildpaaren als Vision einer zerrissenen Zeit erscheint. Übrigens im selben Verlag: Der hatte 1975 zum Denkmalschutzjahr Müller-Wulckows Bücher in einem Band vereint neu aufgelegt und damit merklich zu besagtem Umdenken gegenüber den Bauten der Zwischenkriegszeit beigetragen. Heute steht die Denkmalwürdigkeit dieser Epoche außer Frage. Es hapert jedoch – wie stets, wenn es hapert – am einzelnen Objekt.

Peter Bläsing, „Architektur der zwanziger Jahre – ein Vermächtnis in Gefahr“. Die Blauen Bücher, Vlg. Langewiesche/Königstein 2009. 300 S. m. 670 Abb., 19,80 €.

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