Kultur : Architektur: Westfälische Weltarchitektur

Klaus-Dieter Weiss

Die politisch unbekannte Größe Westfalen ist mit 8,5 Millionen Einwohnern so bevölkerungsstark wie Schweden und ökonomisch mit Portugal vergleichbar. Derartige Startbedingungen zwingen im Zeitalter der Globalisierung zur Profilierung als europäische Region. Architektonisch sind Frank Gehry, Mario Botta, Zaha Hadid, Peter Zumthor und andere wild entschlossen - offenbar zum Leidwesen der heimischen Architekten.

Der Bilbao-Effekt könnte dafür sorgen, dass in Westfalen in Bezug auf die Dichte schräger Gehry-Architektur bald amerikanische Verhältnisse herrschen. Im Mittelpunkt der Stiftung Westfalen-Initiative, die ihre beträchtlichen Mittel dem verstorbenen Unternehmer Martin Leicht verdankt, steht "ein Kulturzentrum von europäischem Rang vor dem historischen Schloss in Münster" - so der umtriebige Ministerpräsident Wolfgang Clement -, an dem sich die siamesischen Zwillinge Nordrhein-Westfalen als Bundesland beteiligen werden. Westfalen, als dessen geistiges Zentrum Münster gilt, obwohl der napoleonische Musterstaat Königreich Westphalen unter Jerôme Bonaparte 1807-13 von Kassel aus regiert wurde, will ökonomisch und kulturell aufrüsten. "Zerbrochen sind die Fesseln des Schlendrian", wird eine Ausstellung des Westfälischen Landesmuseums in Münster im November kommenden Jahres behaupten. Gemeint ist damit aber das Verlassen eingefahrener Gleise vor zweihundert Jahren, was 1815 zur Bildung der preußischen Provinz Westfalen führte.

Westfalen werde wach

Da mögen die Westfalen als noch so bodenständig, wertkonservativ, streng und beharrlich oder gar stur gelten. Jetzt werden die Türen zwischen Kleve, Siegen, Höxter und Minden einschließlich Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund weit aufgestoßen. Denn es besteht der begründete Verdacht, dass die Aufgeschlossenheit für das Fremde und Ferne erst möglich wird durch die feste Verwurzelung in der Heimat. Völlig vergessen scheint, dass sich die bei den Kommunalwahlen zuletzt vielerorts siegreiche CDU kulturell immer wieder hingebungsvoll blamiert. Beim engagierten Projekt Peter Zumthors für eine "Poetische Landschaft" in Bad Salzuflen, beim Streit um das Art Kite Museum in Detmold, bei der Verbannung von Straßenkunst auf den Bauhof von Minden. Mehr als 21 000 Quadratkilometer vor allem ländlich bis kleinstädtisch organisierter Fläche und 3,3 Millionen Beschäftigte von Bertelsmann bis Warsteiner stehen ab sofort unter dem Motto "Westfalen werde wach". Soweit der Vorstandsvorsitzende der in Münster residierenden Stiftung Hans Wielens.

Es geht um nicht weniger als gesellschaftliche Reformen mit Bezug zur Region Westfalen und abseits der ausgetretenen Pfade der Interessengruppen. Bestandteil der "Vision Westfalen 2020", die laut neuer Westfalenfahne auf pixelartig aufgelöstem Ross ins Feld zieht, ist der Bilbao-Effekt. Für PR-Strategen gilt das architektonische Gesetz, große Publikumsströme nur durch ein Museum des 72-jährigen kalifornischen Stararchitekten Frank O. Gehry magnetisieren zu können.

Bilbao alias Münster

Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat ihren Gehry, die Landeshauptstadt Hannover seit kurzem ebenfalls - wenn auch in beiden Fällen mit nichts als stupiden Büros -, Berlin ohnehin, da kann die gedachte Mitte Westfalens nicht mit leeren Händen dastehen. Trotzdem wird für das "Westfälische Kulturforum" in Münster mit Stiftungsmitteln bis spätestens Ende des Jahres ein internationaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Bereits im Oktober werden zwölf bedeutende "internationale Architekten" mit Erfahrungen im Bau von Museen ihre Vorstellungen auf einem Workshop erläutern.

Die Karten für das Bilbao am Aasee sind jedoch schlecht gemischt, die Architektur Gehrys in Westfalen ist inflationär. Ein Magnet kann nur als Solitär funktionieren. Mit der Keimzelle des musealen Energiezentrums des Stromanbieters EMR/EON in Bad Oeynhausen (1995) zieht sich aber eine Ameisenstraße von Gehry-Projekten durch das östliche Westfalen. Dafür sorgt eine unheilige Allianz gieriger Epigonen und ein Publikum, das des Kaisers neuen Kleidern blind Glauben schenkt. Der müde, von eitlen Auftraggebern gejagte Blobmeister Gehry schweigt und nimmt die Ovationen der Bevölkerung huldvoll entgegen. Die Arbeit macht Hartwig Rullkötter in der EMR-Bauabteilung - eine kleine Schar von Gehry-Enthusiasten, die als Bauplanungsgesellschaft Archimedes firmieren. Museumsleute kann dieses Delegieren nur erschrecken, die Urheberschaft der architektonischen Kunst wird nebulös.

Das Pressematerial des Kunstmuseums MARTa in Herford, das noch ohne eigene Sammlung 2003 eröffnet werden soll, das aber schon jetzt Dokumenta-Profi Jan Hoet leitet, steckt wie selbstverständlich in einer Archimedes-Mappe. Darin ist zu lesen, dass Hartwig Rullkötter an der Planung von Bilbao II im stillen Winkel sechzehn Kilometer nordöstlich von Bielefeld beteiligt ist. 42 Millionen Mark werden für den PR-Gag "M"öbel, "art" und "a"mbiente aufgewendet - 18 Mio. vom Land, 10,3 von der Stadt, der Rest vom Kreis und Sponsoren. Dieselbe Assozierung (vertraglicher Zusammenschluss zur Verfolgung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen) bestand für den gerade in Hannover eröffneten Gehry-Tower. Selbst gestandene Hannoveraner Hochschulprofessoren für Architekturtheorie lässt dieser schiefe Eckzahn schier aus dem Häuschen geraten. Professor Jörg Friedrich zufolge verdankt der Bau seine Form einer Meerjungfrau, die ihr Schuppenkleid in der Eile vor einem Opernabend im Rotlichtviertel stehen ließ. Auftragsförderliche Poesie? Dabei sind so mäßige Resultate, die innenräumlich in ihrer Arbeitsplatzqualität nur noch als Möbellager durchgehen, von einem um die Welt gehetzten Pritzker-Preisträger eigentlich nicht zu erwarten. Die "Gehrysierung" der Provinz via Archimedes hat damit keineswegs ihr Bewenden. Im September eröffnet das elfte Elternhaus der McDonald Kinderhilfe in Bad Oeynhausen.

Unterhalb der Chefetage Gehrys, in einer Kooperation seines ehemaligen Mitarbeiters Randall Stout (Los Angeles) mit Hartwig Rullkötter (Herford) sind mindestens sechs weitere Gebäude realisiert beziehungsweise im Bau: in Minden, Bückeburg, Bünde, auf der Badeinsel im Steinhuder Meer und last not least in Bad Oeynhausen. Ob Schwimmbad, Bürohaus, Wasserwerk, Feuerwache, Bootshaus oder Heizkraftwerk, das Prinzip ist einfach: Surfen auf der Welle des Erfolgs. Alles sieht mehr oder weniger gehryatrisch aus. So echt wirken die nicht immer schadensfreien Nachschöpfungen, dass die verzerrten Objekte vom Ortsverband Los Angeles des American Institute of Architects schon ausgezeichnet wurden, noch bevor sie aufgestellt waren. Kein Wunder, dass es selbst für die engagiert geführte Bielefelder Kunsthalle eng wird, obwohl der Bau aus dem Jahr 1968 immerhin von Philip Johnson stammt. Auch hier lockt ein Gehry alias Archimedes. Die Pläne für den Anbau liegen seit Jahren in der Schublade. Wie sollte sich Bielefeld anders gegen Bilbao II, III oder IV wehren?

Was der westfälische Gehry-Boom zur stillen Freude der einheimischen Architekten, die ihre BDA-Preise vor Auswärtigem hartnäckig zu schützen wissen, nicht überdecken sollte: Austausch architektonischer Auffassungen auf internationalem Niveau ist heute unabdingbar. Denn es finden sich darunter neben einem Mendini in Minden und einem Natalini in Lübbecke ernst gemeinte und ernst zu nehmende Anstöße, die einer verschlafenen Region auf die Sprünge helfen könnten. Auch einem guten Gehry-Bau wohnt solche Dynamik inne. Nur bislang leider nicht in Westfalen.

Überraschend positive Anregungen steuerte dagegen Mario Botta in Minden bei - nach der nicht ganz überzeugenden Dortmunder Stadtbibliothek sein zweiter Bau auf westfälischem Boden. Zu loben sind Santiago Calatrava, Bruno Reichlin und Fabio Reinhart für ihre Industrieanlage in Coesfeld-Lette (1985). Knapp jenseits der Grenzen, aber auf altem westfälischen Territorium begeistern die neu erbauten Museen des weltberühmten Daniel Libeskind sowie der Züricher Architektengemeinschaft Gigon & Guyer in respektive bei Osnabrück. Ferner zu erwähnen ist die Land-Art von Günter Zamp-Kelp in Steinbergen und vom mittlerweile etwas domestizierten enfant terrible Zaha Hadid im Landschaftspark Rheder bei Brakel (Juli bis September 2001). Die poetische Landschaft des in Berlin mit der Topographie des Terrors in arge Nöte geratenen Schweizers Peter Zumthor hätte, falls überhaupt realisierbar, einen Traum wahr werden lassen.

Mario Botta gelingt in Minden mit dem Vertriebszentrum der Firma Harting eine Reduktion, die als Auftakt der Innenstadt gleichermaßen zu Ordnung, Bedeutung, Nachhaltigkeit und Allgemeingültigkeit aufruft. Das Haus als ethisches Bollwerk gegen die Banalisierung, als Zufluchtsstätte für beständige und kollektive Werte. Vom übermächtigen Chaos der Städte befreien kann der architektonische Ordnungsruf nur dann, wenn er sich auf einen konkreten Ort bezieht - in Minden im Zusammenspiel mit preußischen Defensions-Kasernen der Schinkelära eindrucksvoll belegt. Die wenigen Bausteine Eckbastion, Brücke, Tor und steil aufsteigende Halb-Ellipse schaffen jedoch nicht nur architektonische Konzentration, sondern auch eine räumliche Komplexität, die baukörperlich wie innenräumlich überzeugt.

Selten hat sich ein Großraumbüro in seiner Räumlichkeit und Lichtgestaltung so in sich ruhend und doch dynamisch, so großartig und doch variantenreich, so festgefügt und doch über allem schwebend präsentiert. Poesie und Ausdruckskraft dieser Arbeitswelt über fünf Ebenen, die sich vom Foyer im Erdgeschoss nach oben öffnet wie ein Blütenkelch, schaffen eine Gemeinschaft, die bei aller räumlichen Fokussierung ihren Kontakt zur Stadt nicht verliert. Mit Blick auf die verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber kommerzieller Oberflächlichkeit des Bauens verbindet dieser Anspruch die Eindringlichkeit und Rationalität architektonischer Form mit der Anschaulichkeit eindeutiger Typologien und Bilder. Die Seifenblasen des "New Blob" sind nicht immer und überall vonnöten.

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