Architektur : Wie russisch ist dein Haus?

Baupolitik der Putin-Ära: Eine Studie über das Verhältnis russischer Architektur zum Westen

Bernhard Schulz

In drei Wochen beginnt die Architekturbiennale von Venedig. Noch wirft sie hierzulande keine Schatten voraus. Anders in Russland. Die Auswahl der Architekten für das an der Hauptachse der Nationenpavillons gelegene russische Ausstellungshaus ist Gegenstand heftiger Debatten. Bereits jetzt zirkulieren im Internet Auszüge der Texte, die der russische Katalog enthalten soll, und die als Standortbestimmung der gegenwärtigen Architekturszene gelten können.

Es geht bei der Auswahl der Teilnehmer nicht allein um baukünstlerische Positionen, sondern insbesondere um die Frage, ob allein in Russland lebende oder auch im Ausland tätige russische Architekten ihr Heimatland repräsentieren dürfen. Ob nur die im Lande gebliebenen Architekten „unsere Situation richtig verstehen“ können. Es ist die uralte, seit Putins Neo-Nationalismus erneut aktuelle Frage nach der Identität Russlands, oder, um Nikolaus Pevsners klassischen Buchtitel über England abzuwandeln, nach der „Russischheit der russischen Kunst“.

Unter dieser Perspektive wird auch die Vergangenheit immer wieder neu betrachtet. „Wer sind die Russen? Gehört die russische Kultur zu Europa? Oder zu einer der östlichen Traditionen, wobei die Nähe zur westlichen Welt lediglich eine Sache der Geografie wäre? Oder ist Russland vielleicht weder zum Osten noch zum Westen zählend?“ Mit diesen Sätzen leitet Dmitri Schwidkowski sein bei der Yale University Press erschienenes Buch „Russische Architektur und der Westen“ ein.

Es ist ein grundlegendes Werk zu einem Jahrtausend russischer Baukunst „von einem europäische Standpunkt aus“. Aus der Feder eines russischen Autors ist eine solche Standortbestimmung auch heute – oder heute wieder – keine Selbstverständlichkeit; zumal Schwidkowski nicht nur ein renommierter Architekturhistoriker ist, sondern auch Rektor des für die Architektenausbildung zuständigen Moskauer Architekturinstituts. Mit Blick auf seinen europäischen Ausgangspunkt schwant dem Autor, „dass eine solche Grundannahme als Provokation angesehen werden wird“. Man darf vermuten, dass er deshalb sein Buch nur in englischer Sprache veröffentlichen wollte.

Natürlich kann es in wissenschaftlicher Betrachtung nicht darum gehen, eine eurozentrische gegen eine russophile Betrachtung auszuspielen. Schwidkowski liegt solche Parteilichkeit fern. Anhand einer faszinierenden Fülle von Beispielen macht er deutlich, dass die Auseinandersetzung mit westlichen Vorbildern nicht Übernahme bedeutet, sondern Anverwandlung. „Russische Architektur und das Selbstbild russischer Architekten sind einzigartig in ihrer Wahrnehmung der Welt gewesen. Im größten Teil des Jahrtausends russischer Geschichte, zumindest im Bereich der Baukunst, wurde stets russisch gedacht und entschieden. Russland, ausgehend von der Vorstellung seines eigenen Platzes in der Welt, konstruierte bewusst seine besondere Kultur.“ Und, der entscheidende Punkt: „Im Kern dieser Entwicklung liegen Jahrhunderte des Strebens nach Verbindung mit der westlichen Zivilisation.“

Gebunden ist die Entwicklung der russischen Architektur an die Wendepunkte der Geschichte, an die Etablierung eines neuen Staatswesens und einer neuen Ideologie. Das sichtbare Bild der neuen Macht erforderte entsprechende architektonische Ideale, die „oft nicht aus der heimischen Kultur erwuchsen, sondern aus der fremden, so dass das ,Fremde’ in ,unser Eigenes’ umgeformt wurde“.

In der Tat frappiert den ausländischen Besucher, in welchem Maße gerade die wichtigsten Staatsbauten mit den Namen westeuropäischer Architekten verknüpft sind. In St.Petersburg, dem „Fenster zum Westen“, ohnehin. Es ist leicht, die Heranziehung westlicher Architekten für den Ausbau St. Petersburgs – wie Quarenghi, Rossi oder Leo von Klenze – als Bestandteil der Modernisierung von oben zu beschreiben. Doch auch Moskau, dessen majestätischer Kreml seit einem halben Jahrtausend das Symbol des russischen Staates darstellt, hat westliche Ideen aufgenommen und verarbeitet. Dadurch erscheinen die Bauten, mit denen Russland nach herkömmlichem Verständnis erstmals ganz und gar eigenständige Gestalt gewinnt, in einem neuen Licht. Die Moskauer Baukunst „enthält nicht nur Widerspiegelungen der Renaissance, sondern die Renaissance selbst“.

Es war das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts, als sich die Schockwelle des Falls von Konstantinopel nach ganz Europa ausgebreitet hatte. In Russland wurde die Heirat Zar Iwans III. mit Sophie, der Nichte des letzten byzantinischen Herrschers Konstantin XI. Palaiologos, zu einem der „entscheidenden Augenblicke der russischen Kulturgeschichte“. Die Vision eines „Dritten Rom“ gewann in Moskau die Kraft einer Staatsideologie. Ihr erstes gebautes Monument wurde die Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kreml, 1475 in Rückbezug auf russische Vorbilder entworfen von dem Bologneser Aristoteles Fioravanti, einer Schlüsselfigur der Florentiner Architekturtheorie.

Es sind solche Fäden, die Schwidkowski in seinem Buch aufnimmt. So entsteht eine mal nahe, dann wieder höchst ferne Parallelgeschichte zu der des Westens; mit der bekannten Leerstelle der in Russland ausgebliebenen Gotik. Doch immer bleibt die Wahrnehmung und Verarbeitung westlicher Gedanken lebendig. Dabei galt es, die besonderen Bedürfnisse einer orthodoxen Religion und eines autokratischen Staatswesens baukünstlerisch zu befriedigen. Erst das 19. Jahrhundert wird dann „wirklich und wahrhaftig das ,europäische Zeitalter’“, eine Ära, wie sie unlängst die Berliner Ausstellung über Potsdam und Petersburg vor Augen gestellt hat. Und Schwidkowski schlägt den Bogen in die unmittelbare Gegenwart, hin beispielsweise zur Rekonstruktion der kaiserlichen Säle des neoklassischen Kremlpalastes.

Gegenüber allen nationalistischen Anwandlungen steht Schwidkowskis Kernaussage dieses für russische Leser brisanten Buches: „Ungeachtet ihres besonderen Charakters war die historische Entwicklung der russischen Architektur immer mit der europäischen Architektur im Ganzen verbunden. Und stets hat sie, auf eigene Weise und bisweilen verspätet, aber immer kraftvoll, auf neue westliche Strömungen, Stile und Gedanken geantwortet.“ Es versteht sich, dass sich der Autor für die Zukunft nicht Abkapselung erwartet, sondern Austausch. Und es ihm einerlei ist, wo ein Architekt wohnt oder wo er herkommt.

Dmitry Shvidkovsky: Russian Architecture and the West. Yale University Press, New Haven and London 2007. 434 S. m. 412 meist farbigen Abb., 50 Pfund.

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