• Archiv der Sing-Akademie zu Berlin: Berliner Musikleben auf einer Million Manuskriptseiten

Kultur : Archiv der Sing-Akademie zu Berlin: Berliner Musikleben auf einer Million Manuskriptseiten

F. H.

Die Ukraine wird innerhalb der nächsten vier Monate das Archiv der Sing-Akademie zu Berlin zurückgeben. Dies kündigte der ukrainische Präsident Leonid Kutschma am Freitag bei einem Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder an. Symbolisch überreichte er Schröder ein Manuskriptblatt aus einer Kantate von Johann Sebastian Bach.

Mit der Rückkehr des Singakademie-Archivs beginnt ein neues Kapitel der Musikgeschichtsschreibung - denn die über eine Million Seiten sind von unschätzbarem Wert für die Musikwissenschaft. Sie geben Einblick in das frühbürgerliche Musikleben Berlins. Der 1791 gegründete Chor prägte das kulturelle Klima der preußischen Hauptstadt, hier trafen sich Feingeister und einflussreiche Persönlichkeiten, sogar Bismarck sang zeitweise im Bass mit. Durch mehrere Nachlässe, unter anderem des Bach-Sohnes Carl Philipp Emmanuel oder der Großtante von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sara Levy, verfügte die Singakademie bald über eine der wichtigsten Autographen-Sammlungen im deutschsprachigen Raum. Werke der Familie Bach machen rund zehn Prozent des Bestandes aus, daneben gibt es 220 Kantaten von Telemann, viele Opern von Hasse, große Teile der Kompositionen preußischer Hofmusiker wie Graun, Quanz oder Benda - ein Panorama musikgeschichtlicher Entwicklung vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.

Als 1943 die Bomben auf Berlin fielen, wurde die Sammlung nach Oberschlesien ausgelagert. Von dort gelangte sie nach Kiew, wo der Schatz unbeachtet lagerte. Im Westen galt das Archiv als verschollen. Erst nach hartnäckigen Forschungen entdeckte der Harvard-Professor Christoph Wolff die Noten im Juni 1999. Eine Sensation! Zunächst erhofften sich die angereisten Forscher nur, das Material abfilmen zu dürfen, um es Handschriftenspezialisten in Deutschland zugänglich machen zu können. Beim Leipziger Bach-Kongress im Januar 2000 berichteten sie begeistert, dass die Manuskripte sich in hervorragendem Zustand befinden. Dann übernahm das Außenministerium die Verhandlungen. Sie führten im Gegensatz zu anderen "Beutekunst"-Verhandlungen deshalb schnell zum Erfolg, weil es sich bei der Notensammlung um den Privatbesitz der Singakademie handelt und nicht um Bestände staatlicher, also mit dem Kriegsende untergegangener preußischer Institutionen.

Trotzdem regte sich in der Ukraine Widerstand: Schließlich habe auch die Ukraine im Zweiten Weltkrieg empfindliche Verluste hinnehmen müssen - insgesamt wurden über 100 000 Objekte aus den Museen entwendet. Zwar erhielt Russland nach dem Krieg die Kunstgegenstände von Deutschland zurück, doch nach dem Zerfall der Sowjetunion weigerte sich Russland, der Ukraine die Objekte auszuhändigen - bis heute. Als Präsident Kutschma die Bereitschaft seiner Regierung andeutete, das Singakademie-Archiv zurückzugeben, warf ihm die Opposition vor, er wolle sich die Gunst der Deutschen erkaufen.

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