Archiv des Musikverlags Ricordi : Schätze nach Noten

Als Verleger von Verdi und Puccini hat Ricordi Musikgeschichte geschrieben. Ein Besuch in dem Mailänder Palazzo, der das Archiv des Verlagshauses aufbewahrt.

Handschrift und Drama. Eine Partiturseite aus Puccinis „La Bohème“, mit Mimìs Tod, erkennbar am Totenkopf. Die Autografe werden jetzt digital aufbereitet.
Handschrift und Drama. Eine Partiturseite aus Puccinis „La Bohème“, mit Mimìs Tod, erkennbar am Totenkopf. Die Autografe werden...Foto: Archivio Storico Ricordi

Von der Mailänder Scala ist es nur ein kurzer Spaziergang: Man nimmt rechts vom Opernhaus-Eingang die schmale Straße, die zunächst nach Giuseppe Verdi benannt ist und auf halber Strecke dann zur Via Brera wird, und schon nach 600 Metern steht man vor einem prachtvollen barocken Palazzo. Ursprünglich als Jesuitenkolleg errichtet, wurde er am Ende des 18. Jahrhunderts zum Zentrum der Schönen Künste umgebaut. Neben der berühmten Gemäldegalerie Pinacoteca di Brera sind hier auch die Kunsthochschule untergebracht, der Botanische Garten, das Osservatorio Astronomico sowie die Biblioteca Nazionale.

Wer den Innenhof durchschreitet, vorbei an der monumentalen Bronzekopie von Canovas Statue „Napoleon als Mars“, erreicht über eine der hinteren Treppen prachtvolle Lesesäle, die aus der Regentschaftszeit Maria Theresias stammen, als Österreich die Lombardei besetzt hielt. Hinter doppelt gesicherten Stahltüren findet sich dort auch die bedeutendste private Musikalien-Sammlung der Welt: das Archiv des Verlagshauses Ricordi.

Die Originalhandschriften von 23 der 28 Opern Verdis lagern hier, auch sämtliche Musiktheater-Manuskripte von Giacomo Puccini – außer „La Rondine“. Dazu Tausende und Abertausende von Bühnenbild-Zeichnungen, Kostümentwürfen und Aufführungsfotos. Die Ricordis waren nicht nur mit den beiden wichtigsten Musiktheater-Komponisten Italiens geschäftlich wie privat aufs Engste verbandelt, sondern boten den Bühnen die von ihnen verlegten Werke gerne auch im Komplettpaket an, also inklusive Ausstattung und Regiebuch – Inszenierungen von der Stange gewissermaßen.

Ricordi und Verdi liegen auch politisch auf einer Wellenlänge

Die faszinierende Erfolgsgeschichte startet im Jahr 1807. Giovanni Ricordi, der sein Geld bis dahin als Geiger sowie Notenkopist und -verleiher verdient hat, geht nach Leipzig, um beim Verlag Breitkopf und Härtel das Druckerhandwerk zu erlernen. Mit seinem in Deutschland erworbenen Wissen etabliert er in Mailand eine eigene Firma – und erweist sich schnell als geschickter Unternehmer, der etwa eine eigene Musikzeitschrift gründet, um effektiv für „seine“ Komponisten Werbung machen zu können.

Dass sich Ricordis politische Ideale – nämlich die Befreiung Italiens von der Fremdherrschaft sowie die Einigung des zersplitterten Landes – mit denen Giuseppe Verdis decken, ist natürlich nicht hinderlich für die Geschäftsentwicklung: Der Komponist wird zur ersten cash cow des Verlagshauses, das rasant wächst, Filialen in Florenz und London eröffnen und 1875 bereits 45 000 verschiedene Titel anbieten kann.

1888 übernimmt Ricordi den Konkurrenten Francesco Lucca und damit auch die italienischen Aufführungsrechte für Wagners Musikdramen, die Zusammenarbeit mit Puccini garantiert weitere wirtschaftliche Erfolge, um 1910 dominieren Ricordi-Werke die Spielpläne aller Bühnen des Landes einschließlich der berühmten Scala.

Auf der Webseite kann jeder Interessierte in den Dokumenten stöbern

Über vier Generationen führen die Inhaber höchstselbst das Unternehmen, bis 1994 kann die Casa Ricordi selbstständig bleiben. Dann aber wird der Druck durch die global agierenden Player im Musikbusiness zu groß, und die Bertelsmann Music Group (BMG) schluckt das stolze Traditionsunternehmen. Mit dem unter Denkmalschutz stehenden historischen Archiv aber gehen die neuen Besitzer zum Glück pfleglich um. Sie mieten Räumlichkeiten in der Biblioteca Braidense an und finanzieren eine wissenschaftliche Aufarbeitung der 8000 Partituren, 16 000 Briefe, 9000 Libretti, 6000 Fotografien sowie 10 000 Kostüm- und Bühnenbildentwürfe. Ziel dabei ist, über eine Datenbank die enorme Fülle der historischen Schätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Klassisch. Kostümentwurf von Giuseppe Palanti für „Madama Butterfly“.
Klassisch. Kostümentwurf von Giuseppe Palanti für „Madama Butterfly“.Fotos: Archivio Storico Ricordi

Vor Ort bekommen Dirigenten oder Forscher die Manuskripte auch mal direkt ausgehändigt, auf der Webseite aber kann jeder Interessierte in den Dokumenten stöbern. Allein 3748 verschiedene Komponisten lassen sich online aufrufen. Zum Beispiel Amilcare Ponchielli, der Kompositionslehrer von Puccini, dessen größter Erfolg, „La Gioconda“, in der kommenden Saison auch wieder an der Deutschen Oper zu sehen sein wird. 360 gescannte Originale werden unter dem Stichwort Ponchielli angezeigt, von der Mailänder „Gioconda“-Uraufführungsproduktion von 1876 sind sämtliche Bühnenbilder anzuklicken, mit wunderbar aquarellierten Ansichten der venezianischen Schauplätze der Geschichte, sowie sämtliche Kostüme von der Titelheldin bis hin zu den Gondolieri-Statisten.

Einer der wichtigsten Mitarbeiter des Hauses war zu Beginn des 19. Jahrhunderts Luigi Sapelli, der unter dem Künstlernamen Caramba Kostüme und Dekorationen entwarf. Hochelegante Figurinen für Repertoire-Klassiker wie „Tannhäuser“, „Traviata“ und „Hoffmanns Erzählungen“ sind unter seinem Namen zu finden. Aber auch Arturo Peccias „La Forza d’amore“ von 1897, Riccardo Zandonais „I cavalieri di Eckebu“ von 1925 oder Italo Montemezzis „Zoraima“ von 1931 hat Caramba ausgestattet, Werke, die schnell wieder dem Vergessen anheimfielen.

Puccinis handschriftliche Partituren haben besonderen Schauwert

„Mittelfristig wollen wir unsere Database zu einem Netzwerk ausbauen“, sagt Pierluigi Ledda, der Archivleiter. Dafür will er alle technischen Möglichkeiten nutzen. Wenn bis Jahresende digitalisierte Versionen des Briefwechsels zwischen Ricordi und seinen Komponisten online gestellt werden, dann wird es beispielsweise die Möglichkeit geben, per Volltextsuche unmittelbar im Originaltext weitere Informationen zu den genannten Personen, Werken oder Orten abzurufen.

Hoffentlich werden auch bald Faksimiles von Giacomo Puccinis handschriftlichen Partituren auf die Webseite gestellt. Die haben nämlich einen besonderen Schauwert. Kaum ein anderer Komponist hat so wild in seinen eigenen Manuskripten herumgewütet, mit sichtbarer Leidenschaft und breitem Tintenstrich. Immer wieder hat der Meister des Melodrams auch ganze Passagen, die ihm missfielen, überklebt und dann korrigiert. Wobei auch das nicht immer sofort zu seiner vollen Zufriedenheit gelang. Bis zu vier Schichten übereinander haben die Wissenschaftler bei der Restaurierung der Partituren freigelegt. Wie spannend wäre es, könnte man die auf einer interaktiven Benutzeroberfläche jetzt erneut aufblättern!

Weitere Informationen (auf Englisch und Italienisch) finden sich auf der Webseite www.archivioricordi.com.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben