Kultur : Archive des Alltags

Christine Hill sortiert ihr Leben im Kunstkontor: „Keep Shop“ bei Eigen + Art

Thea Herold

Von einer, die auszog, das Bleiben zu lernen: Christine Hill erzählt dieses etwas andere Märchen in der Ausstellung „Keep Shop“. Ihre visualisierten Geschichten „über das Festhalten von Dingen, die man gern mag“ bieten Lebens-Lesestoff – mit atemberaubenden Zwischenzeilen. Die in Berlin lebende Amerikanerin sorgt für einen unvermuteten Höhepunkt im bisherigen Jahresprogramm der Berliner Dependance von Eigen+Art.

Das Besondere ihrer Personalausstellung ist der schwerelose Ernst, mit der sie ihre Idee von der „Volksboutique“ in die Tat umgesetzt hat. Und ebenso Hills hintergründige Lust am Offenbaren, mit der sie uns in ihrem Leben lesen lässt. Und dann ist da auch noch der melancholische Humor, mit der sie ihre „Volksboutique“ anno 2006 als unperfect personal universe installiert.

Eine Ausstellung als Märchen und Ortsbeschreibung. Die bunt gestrichenen Wände fungieren dabei als Landmarken für die verschiedenen Werkgruppen. Frisch getünchte, grelle Farben: Gelb wie die Bleistifte, Moosgrün wie filzige Schreibtischunterlagen, leuchtendes Türkis wie giftgrüne Textmarker. Sie verwandeln die gemütliche Gute-Bilder-Stube der Lybke-Family in ein aufgeräumtes Kunstkontor. Hills Arbeit erweist sich als ebenso wiedererkennbar wie überraschend: Denn aus ihrem „Volksboutique“-Projekt, das vor zehn Jahren in Berlin als Trash-Location und SecondHand-Shop begann, ist ein multimediales Konzept-Kunstwerk geworden, dessen zahlreiche Facetten sich nach und nach entblättern.

Das Potenzial für „Keep Shop“ (zwischen 600 Euro für die Zeichnungen und 25 000 für die Installation) wirkt gleichwohl bereits auf den ersten Blick. Nicht nur als Ausstellungstitel, Arbeitsslogan und Aufklebertext, sondern vor allem als Beschreibung ihrer Methode. Immer wieder nähert sich Hill ihrer sich verändernden näheren und weiteren Lebensumgebung. Denn: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind“ (H. M. Tomlinson). Und so wechseln zwar die Umgebungen, nicht aber ihr Blick darauf, ihre Sehnsucht nach Überblick, ihre Freude am Sortieren der Welt. Ihre Zeichnungen alltäglicher Gegenstände, die Wohnungsgrundrisse und ganz besonders das Berliner Archiv der Tante-Emma-Läden, nicht zuletzt der Arbeitskoffer für die Boutique auf Reisen. Das alles macht die Entdeckung des Hill-Universums zum großen ästhetischen Vergnügen. Ihr Büro-Theater ist geöffnet. Eintritt frei.

Galerie Eigen + Art, Auguststr. 26, bis 24. Juni; Dienstag bis Sonnabend 11– 18 Uhr

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