Archivtext von Hellmuth Karasek : Wie Österreich aus Hitler einen Deutschen machte

"Deutschland und Österreich sind zwei Länder, getrennt durch die gemeinsame Sprache." Ein 2003 erschienener Beitrag von Hellmuth Karasek über Mozart, Hitler und Österreich.

Hellmuth Karasek
Hellmuth Karasek in jüngeren Jahren.
Hellmuth Karasek in jüngeren Jahren.Foto: dpa

Es ist nicht sehr originell zu bekennen, dass man Mozarts Musik am meisten mag, am liebsten hat, dass einem Mozart in den verschiedensten Lebensphasen (von den pubertär aufbegehrenden Jahren abgesehen, in denen man Beethovens heroisches Pathos besser zur Selbstbestimmung braucht) am meisten gegeben, erklärt, abgenommen hat, mit der Welt in Einklang brachte oder zumindest ihre Dissonanzen am vollkommensten ausdrückte - so als wären es Harmonien, so als lebten wir in der bestmöglichen aller Welten oder in einer so unvollkommen schlechten, dass man Mozart einfach brauchte. Diese Vorliebe teilt man mit 9 von 10 durch Musik ansprechbaren Zeitgenossen.

Es liegt daran - ich meine: die Liebe zu Mozart, dass seine Musik diese Liebe immer erwidert. Albert Einstein hat es in Bezug auf die "Zauberflöte" erklärt, nämlich, dass Mozart dem Kindergemüt ebenso viel gebe wie dem großen Gelehrten. Und es liegt auch daran, dass ich als Theaterfreund neben Shakespeare keinen Dramatiker kenne (doch, vielleicht Tschechow), der mir die Seelen der Menschen besser ausgeleuchtet, enträtselt und verrätselt hatte als eben Mozart.

Trotzdem wäre ich beim Anhören nie auf die Idee gekommen zu fragen: Ach, das ist so wunderbar, Mozart muss ein Deutscher sein! Oder auch: Ach, das klingt so herrlich, ich muss wie Mozart ein Österreicher sein. Das einzig Gemeinsame in unserer Biografie ist: für beides gibt es gute Gründe und Argumente. Lassen wir die, die mich betreffen, wegen Unwichtigkeit weg, obwohl es schon etwas für sich hat, dass meine Eltern erst Österreicher, dann Tschechen und schließlich Deutsche, ja sogar Großdeutsche waren.

Deutschland und Österreich sind zwei Länder, getrennt durch die gemeinsame Sprache

Großdeutsch und kleindeutsch waren übrigens vor Hitlers blutigem Größenwahn im 19. Jahrhundert Begriffe und Modelle für die deutsche Einheit - jeweils mit oder ohne Österreich. Einmal mit einem preußischen König als deutschem Kaiser, einmal mit einem österreichischen Kaiser als deutschem Kaiser. Die Sprache war sowieso dieselbe oder die gleiche - obwohl Alfred Polgar (oder war es Karl Kraus?) definiert hat: Deutschland und Österreich sind zwei Länder, getrennt durch die gemeinsame Sprache.

Als der Krieg vorbei war, Hitler endlich geschlagen, Deutschland besiegt, Großdeutschland aufgelöst, hat Österreich es verstanden, sich als erstes Opfer Hitlers darzustellen. Das war, beim Anschluss 1938, einerseits wahr, andererseits (siehe Thomas Bernhards "Heldenplatz") schrecklich unwahr, denn die Hitler-Begeisterung der Österreicher und ihr Antisemitismus (den Hitler ja in Wien als gekränkte Künstlernatur und als faulenzender Stadtstreicher eingesogen hatte) war "im Reich" durch nichts zu überbieten. Wien war furchtbarer als Berlin. Und so spottete Billy Wilder, nachdem Österreich durch den Staatsvertrag wieder ein freies Land ohne Besatzungsmächte geworden war - und das lange vor Deutschland: "Die Österreicher haben das Kunststück fertig gebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen."

Der kleine Mozart als "Fäkalien-Rüpel"

Schlägt jetzt das ZDF (dessen Generalhistoriker Guido Knopp) zurück, indem es aus Mozart einen Deutschen macht? Mozart, ein Deutscher, das lässt sich hören. Hat nicht die habsburgische Kaiserin, die gebürtige Spanierin Marie Luise, die für ihren Gemahl Leopold II. in Auftrag gegebene Seria "La clementia di Tito", weil ihr die Oper missfiel, auf Italienisch als eine "porcheria tedesca", als eine "deutsche Schweinerei" beschimpft? Und war nicht der kleine Wolfgang Amadeus in seinen Briefen an das Augsburger Bäsle ein solcher Fäkalien-Rüpel wie das auch für ihn nur in der deutschen Sprache möglich war?

Die Crux für uns Spätgeborene ist: Deutschland gab es damals in der Form wie heute nicht mehr und noch nicht. Von den Dialekten her gesehen, den Lebensgewohnheiten, der Ess- und Trinksitte, gab es Oberdeutsche und Niederdeutsche (plus Mitteldeutsche), und noch heute fühlt man sich in der Mozart-Metropole Salzburg - dem Sommervorort Münchens - näher an Bayern als in München an, sagen wir: Kiel. Nie hat jemand in München je Sau-Österreicher gesagt, aber "Sau-Preuße" schon. Das mag daran liegen, dass Bismarck bei der Reichseinigung unter den Fittichen des preußischen Adlers die "kleindeutsche Lösung" zwangsläufig favorisierte. Und dass Bayerns Ludwig II. sich wegen seiner teuren Extravaganzen - Schlösserbau und Wagner-Liebe (Wagner, ein Sachse) - gern von Bismarck aus dem niedersächsischen Reptilienfonds bestechen ließ. Jedenfalls ließ sich anschließend von den zu Deutschland gestoßenen Bayern (zu denen auch Mozarts Vater als Augsburger Schwabe gezählt hatte), sagen: "Die Bayern vereinen preußischen Charme mit österreichischem Pflichtgefühl."

Mozarts Wunderkind-Karriere

Als Mozart lebte, leider nur sehr kurz lebte, nämlich von 1756 bis 1791, gab es das Problem Deutsch oder nicht Deutsch eigentlich noch gar nicht. Denn in Salzburg geboren zu sein, hieß damals in einem katholisch fast autonomen Gebiet zur Welt zu kommen, nach dem Motto: "Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing." Und als Mozart in Wien starb und in einem Armengrab beigesetzt wurde (was gern als Beispiel für die launische Undankbarkeit der Wiener, also der Österreicher gegen ihren großen Sohn angeführt wird), da war der Kaiser von Österreich Leopold II., der 1790 den Thron bestieg, durchaus noch deutscher Kaiser, auch wenn er in Wahrheit, wegen seiner Verpflichtungen als Herrscher eines ständig vom Auseinanderbrechen bedrohten dynastischen Vielvölkerstaates davon wenig Gebrauch machte.

Wie übrigens auch Mozart, der in Italien seine Wunderkind-Karriere begonnen und der an deutschen Höfen unter anderem in Preußen ebenso wie in Frankreich um eine feste Anstellung antichambriert hatte. Sein spätes Glück fand er, wenn überhaupt, nicht in Wien, sondern in Prag, wo sein "Don Giovanni" dem Komponisten seinen letzten Triumph zu Lebzeiten bereitete.

1790 war Mozart über Leipzig und Dresden nach Berlin gereist, wo ihm Friedrich Wilhelm II. die Stelle eines Kapellmeisters mit einem Jahresgehalt von 3000 Thalern anbot. Fast also wäre Mozart zu guter Letzt tatsächlich ein Preuße geworden, aber daraus wurde nix. Und in Österreich vernichtete der Tod Joseph II. jede karrieristische Hoffnung.

Deutsch, Dutch, Beethoven, das führt zu nichts

Und Beethoven? Halten wir zunächst fest, dass sein Name - Ludwig van - verdammt holländisch klingt, und dass die nordischen holländischen Provinzen sich schon 1581 von Habsburg, also Österreich, allerdings dessen spanischem Reich losrissen. Aber noch Leopold II., Mozarts letzter Kaiser, ließ auch als Herr der Niederlande im Todesjahr Mozarts, Brüssel einnehmen und die Empörung der Holländer niederschlagen. Im Namen Österreichs! Und als deutscher Kaiser! Deutsch, Dutch, Beethoven, das führt zu nichts. Und der in Bonn (das erst 1814 an Preußen fiel, nachdem es sich vorher die Niederländer und die Franzosen nach 1809 unter den Nagel gerissen hatten) gebürtige Beethoven wurde wirklich noch Österreicher, denn er starb 1827 in Wien. Und 1806 hatte Franz I. unter dem Druck Napoleons nach der Stiftung des Rheinbundes auf den Titel eines römisch-deutschen Kaisers verzichtet. Und Beethoven war sein Untertan. Alles klar?

Bleibt festzuhalten, was der Maler David Hockney über den Komponisten und über dessen Schicksal gesagt hat: "Beethoven wurde im Alter so taub, dass er dachte, er wäre Maler." Das kann man auf Englisch erzählen ("Maler" gleich "Painter"), auf Deutsch aber nur drucken, weil die Leute sonst fragen: Wieso Mahler? Aha, Mahler und Gustav meinen. Der aber war eindeutig Österreicher.

Dieser Text erschien am 17.8.2003 im Tagesspiegel.

HELLMUTH KARASEK wurde am 4. Januar 1934 in Brünn geboren und studierte nach dem Abitur in Tübingen, wo er 1958 über Bert Brecht promovierte. Als Journalist begann er bei der "Stuttgarter Zeitung", war dort Feuilletonchef, arbeitete als Dramaturg am Staatstheater Stuttgart, wechselte 1968 als Literatur- und Theaterkritiker ins Feuilleton der "Zeit", war ab 1974 Leiter des Kulturressorts und bis 1996 Autor beim "Spiegel" und wurde 1997 Mitherausgeber des Tagesspiegel. Neben seinen Fernsehauftritten und 13 Jahren Mitgliedschaft im "Literarischen Quartett" schrieb H. K. (zum Teil unter dem Künstlernamen Daniel Doppler) Drehbücher, Theaterkomödien ("Die Wachtel") und Bücher unter anderem über Brecht, Carl Sternheim, Max Frisch, Billy Wilder, die Lust und Last des Handys, die Gesellschaft und Kultur der 50er Jahre sowie die Romane "Das Magazin" und "Betrug". Im Frühjahr wird Karaseks Autobiografie erscheinen. Er starb am 29.09.2015 im Alter von 81 Jahren.

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