ARI FOLMAN IM GESPRÄCH : „Die Massaker erinnerten an den Holocaust“

Mr. Folman, warum haben Sie für "Waltz with Bashir" die Form des Animationsfilms gewählt?

Was würde man bei einem klassischen Dokumentarfilm sehen außer alte Männer, die über ihre Vergangenheit reden? Ich habe die Kriegsereignisse immer als Comic-Zeichnungen vor mir gesehen, das gab mir die Freiheit, zwischen den Dimensionen des Erzählens und Erinnerns zu wechseln. Mit den realen Bildern am Schluss wollte ich verhindern, dass der Zuschauer denkt, es sei ein cooler, animierter Antikriegsfilm. Die Massaker gab es wirklich, Tausende starben, vor allem Kinder, Frauen und Alte. Das ist viel wichtiger als meine persönliche Geschichte.

Hat Ihr Film in Israel eine neue Diskussion über den Libanonkrieg ausgelöst?

Überraschenderweise wurde er quer durch alle politischen Lager positiv aufgenommen. Nur die extreme Linke warf ihm vor, dass er nicht genug Verantwortung für die Massaker übernimmt. Die Bilder vom Massaker hatten schon 1982 eine enorme Empörung ausgelöst – weil sie Erinnerungen an den Holocaust weckten. In Tel Aviv fand damals die größte Protestdemonstration in der Geschichte Israels statt.

Wie beurteilen Sie die Rolle des damaligen Verteidigungsministers Scharon?

Ein Untersuchungsausschuss befand ihn für schuldig, nicht eingeschritten zu sein, obwohl er von den Massakern wusste. Scharon durfte nicht mehr Verteidigungsminister sein, er wurde aber Premierminister. So sehr ich ihn verurteile: Unter ihm wäre es kaum zu einem zweiten Libanonkrieg gekommen.

... der begann, als Sie gerade drehten.

Es war ein fürchterliches Déja-vu. Ich bin mit meiner Familie in ein griechisches Dorf geflüchtet. Wir haben zur Zeit nicht die beste politische Führung, und ich glaube auch nicht, dass Filme die Welt verändern.Wenn ich aber bedenke, was meiner Familie im Zweiten Weltkrieg geschah und dass mein Film nun mit deutschen Produzenten entstand, bin ich trotzdem optimistisch.

Läuft er auch in arabischen Ländern?

Er wurde in großen arabischen Zeitungen und TV-Sendern besprochen. Wir würden ihn gerne in Beirut zeigen, aber das gäbe Probleme mit der Hisbollah. Über DVDs und das Internet wird er wohl trotzdem seinen Weg finden.

Interview: Martin Schwickert

Der israelische Regisseur Ari Folman, 46, befasst sich in seinen Kinofilmen und TV-Doku-Serien häufig mit Kriegstraumata.

Bis 2003 war er

Reservist der Armee.

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