Kultur : Ariane Mnouchkine feiert mit "Tambours sur la digue" die 25. Produktion des Theaters

Jörg von Uthmann

Der Ferne Osten hat es ihr schon seit langem angetan. 1981 inszenierte Ariane Mnouchkine "Richard II." im Stil des indischen Kathakali- und des japanischen Kabuki-Theaters. Die Aufführung war ein Triumph. Ohne durch willkürliche Mätzchen entstellt zu sein, hatte sich der abgenutzte Klassiker in einen neuen, aufregenden Autor verwandelt. Zwei weitere, auf die gleiche Art zubereitete Shakespeare-Inszenierungen folgten. 1985 wandte sich die Prinzipalin des "Théâtre du Soleil" - wie auch Kollege Peter Brook - von der überlieferten Literatur ab. In Hélène Cixous hatte sie eine anpassungswillige Helferin gefunden, die die Gabe besaß, die in endlosen Proben und Diskussionen mit dem Ensemble langsam Gestalt annehmenden Ideen schriftlich zu fixieren. Ob sie sich mit diesen Hausarbeiten einen Gefallen tat, darf allerdings bezweifelt werden. Ihre Rückfälle in die Tradition - "Die Atriden" (1990-92) und "Tartuffe" (1995) - waren jedenfalls weitaus spannender als "Die schreckliche, aber unvollendete Geschichte des Norodom Sihanouk" (1985), "Die Indiade" (1987) und "Nächte des Erwachens" (1997) - drei gutgemeinte, aber formlose, geistig eher schlichte und viel zu lange Polit-Fabeln.

Schauplatz von "Sihanouk" war Kambodscha, Schauplatz der "Indiade" Indien. Die "Nächte des Erwachens" sollten dem Publikum die Leiden der Tibeter unter der Herrschaft Chinas nahebringen, aber auch die tibetanische Kochkunst, deren Erzeugnisse während der Aufführung herumgereicht wurden. In dem neuen Stück "Tambours sur la digue" (Trommeln auf dem Deich, der 25. Produktion seit Gründung des Theaters im Jahre 1964, geht es um eine von der chinesischen Regierung im letzten Jahr vorsätzlich angerichtete Überschwemmung, bei der Dörfer geopfert wurden, um Städte zu retten. Ariane Mnouchkine hat die Geschichte in eine mythische Märchenvergangenheit verlegt, in der es schwache Kaiser gab, unschlüssige Kanzler, böse Prinzen und mordlustige Hofschranzen.

Um die Schauspieler (und Koautoren) in die richtige Stimmung zu bringen, bekam jeder von ihnen ein Flugticket und ausreichend Geld für eine vierwöchige Studienreise nach Ostasien. Dennoch wollte es diesmal mit der Inspiration nicht so recht klappen: Die Premiere hätte eigentlich schon im Frühjahr stattfinden sollen, als festlicher Rahmen zum 60. Geburtstag der Prinzipalin. Aber dann musste sie um ein halbes Jahr verschoben werden. Nur ein Bruchteil des Textes, der während des qualvollen Ringens entstand, wurde für bühnenreif befunden: Mit einer Dauer von nur dreieinhalb Stunden darf die Exkursion in den Wald von Vincennes geradezu als Stippvisite gelten. Zehnmal so viel Musik, wie schließlich gebraucht wurde, schätzt Jean-Jacques Lemêtre, habe er während der Proben produziert.

Der langbärtige Lemêtre ist ein wichtiger Mann. Er strahlt, wenn er seine Kollektion von mehr als 2000 exotischen Instrumenten vorführt, die er teils gesammelt, teils Museumsstücken nachgebaut hat. Die Klangkulisse, mit der er die Ausflüge in die fernöstliche Phantasiewelt seit zwei Jahrzehnten begleitet, ist ein ebenso unverzichtbarer Bestandteil des Gesamtkunstwerks wie die farbenprächtigen Kostüme und Masken. Auf die Masken hat Ariane Mnouchkine diesmal besonderen Wert gelegt. Um den Schauspielern jeden Naturalismus auszutreiben, hat sie sie in lebensgroße Puppen verwandelt. Manchmal werden sie wie Marionetten an langen Fäden geführt, meist jedoch von schwarzgekleideten manipulateurs hin und her gedreht, in die Lüfte gehoben und niedergesetzt. Ihre Bewegungen erinnern an die der Stockpuppen des indischen und indonesischen Theaters. Ihre Sprache ist plärrend, gellend, keifend - wie die der Figuren im Kasperletheater. In der zweiten Hälfte, wenn es zum Kampf zwischen den Bauern und den Städtern kommt, fließt viel Blut, und es wird auch schon einmal ein abgehackter Kopf triumphierend über die Rampe geschwenkt.

Viele der Bilder sind von berückender Schönheit. Eine nächtliche Begegnung mit vielen Laternen, ein weißer Reiher, der über die Bühne flattert, oder eine weiße Fahne, die den Nebel vorstellen soll - all dies sind Einfälle von großem Charme und verführerischer Poesie. Eine Botschaft wird dem Publikum glücklicherweise nicht aufgedrängt. Oder doch? Es ist auffallend viel von einem Kirschgarten die Rede, und zunächst scheint es, als solle hier das abgestandene Klischee von den guten Landmenschen und den bösen Städtern, von der guten Natur und der bösen Kultur wieder aufgewärmt werden. Aber dann zeigt sich, dass die rebellischen Bauern auch keine Engel sind, und ganz am Schluss, wenn die Bühne unter Wasser steht, sind beide Parteien vernichtet. Nur ein Dutzend Marionetten werden aus den Fluten gerettet und liebevoll getrocknet. Seht her, will uns Ariane Mnouchkine vielleicht sagen, die Politik führt zu Mord und Totschlag, aber das Theater ist ein Ort des Friedens. Wenn wir alle Puppen wären, könnten wir auch Brüder sein.

Es hat etwas Rührendes, wie sehr Ariane - wie jedermann sie nennt - den Idealen der 68er-Generation treu geblieben ist. Auch diesmal steht sie wieder selbst an der Tür, reißt Karten ab und ist sich keineswegs zu fein, die Teller von den Tischen des Restaurants abzuräumen. Natürlich ist ihr nicht verborgen geblieben, dass sie, die gegen das Establishment kämpfte, längst dessen Teil geworden ist. Gelegentlich lässt sie durchblicken, dass sie nicht ewig weitermachen werde. "Wenn der Beutel leer ist", zitiert sie Samuel Beckett, "muss man aufhören." Aber noch sei es nicht so weit: "Eines Tages werde ich vielleicht ein Stück über Jugoslawien machen. Ich brauche noch etwas Zeit, um klarer zu sehen."

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