"Ariane" von Martinu : Der Sieg fürs Über-Ich

Am Ende bleibt die Geliebte auf Kreta zurück: Mit leisen Tönen und sensiblen Interpretationen spielt das Deutsche Symphonie-Orchester „Ariane“ , die letzte Oper Bohuslav Martinus.

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Bariton Nikolay Borchev
Bariton Nikolay Borchev singt die Solopartie in "Ariane"Foto: Nin-a

Es klingt, als säße da nicht eine Truppe von 44 Musikern auf dem Podium, sondern nur ein Quintett. Und das ist keineswegs negativ gemeint. Denn der britische Dirigent Martyn Brabbins ermutigt die Streicher des Deutschen Symphonie-Orchesters am Donnerstag in der Philharmonie, bei Dvoraks E-Dur-Serenade ganz kammermusikalisch zu spielen. Also extrem aufmerksam den Stimmen aller Mitspieler gegenüber.

Und es gelingt den Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässen auf beglückende Weise, gemeinsam zu atmen, die melodischen Linien weiterzudenken, auch wenn die eigene Gruppe gerade nicht dran ist. So entsteht ein intimes Musizieren, das die Zuhörer unmittelbar fesselt, sie zum konzentrierten Mitverfolgen der romantischen Stimmungsbilder einlädt.

Der Tod der Sehnsucht

Brabbins leuchtet mit seiner sensiblen Interpretation vor allem die Struktur des fünfsätzigen Werkes aus. Chefdirigent Tugan Sokhiev hätte den Akzent wahrscheinlich eher auf die raffiniert parfümierten Klangeffekte der Partitur gelegt. Doch der Maestro musste krankheitsbedingt ausgerechnet dieses Herzensprojekt absagen, bei dem nach der Pause als Berliner Erstaufführung Bohuslav Martinus „Ariane“ folgt. In der letzten, 1961 postum uraufgeführten Oper des tschechischen Komponisten wird der Kampf zwischen Theseus und dem Minotaurus auf überraschende Weise freudianisch gedeutet. Als der Held dem Stiermenschen entgegentritt, blickt er in sein eigenes Antlitz. „Wer wagt es, sich selber den Todesstoß zu geben?“, fragt ihn der Gegner triumphierend. Doch Theseus beschließt, sein Es zu töten, also die Sehnsucht nach Ariadne. Er schlägt zu und lässt die verzweifelte Geliebte auf Kreta zurück. 1:0 fürs Über-Ich.

Keine Gefühle in Martinus Komposition

Merkwürdig naiv klingt Martinus Musik zu dieser 45-minütigen Psychoanalyse. Zu heiter, zu melodieselig, mit Festumzugsklängen und klischeehaft altgriechischem Kolorit. Nikolay Borchev hat die heldische Attacke für den Thésée, Paul Gay ist ein schwarzstimmiger Minotaure, Victor van Halem ein auratischer alter Mann. Und Laura Aikin singt Arianes Koloraturen makellos – ihre finale Klage allerdings lässt völlig kalt, weil Martinu statt echter Gefühle nur Belcanto-Talmi komponiert hat

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