Kultur : Arkadien ist nirgendwo

Hermann Blumenthal im Georg-Kolbe-Museum

Michael Zajonz

Über die Möglichkeiten bildender Künstlerr im „Dritten Reich“ jenseits von Hitlers Schamhaar-Klassizismus herrscht noch immer erstaunliche Unkenntnis. Daran haben auch einige halbherzige Überblicksausstellungen – zuletzt 1999 die verfehlte Präsentation von „Nazi-Kunst“ in Weimar – nichts geändert. Im Gegenteil: Das Schwarz-Weiß-Bild vom Staatskünstler hier, dem mit Berufsverbot belegten Regimegegner dort hält sich. Das Selbstverständnis der meisten deutschen Künstler zwischen 1933 und 1945 dürfte sich darin kaum wiederfinden. Auch sie haben sich meist durchgewurstelt – und dabei auf öffentliche Resonanz gehofft. Die Kontrolle durch Partei und Reichskulturkammer, darin der Situation in der DDR vergleichbar, schärfte beim Publikum den Blick für Abweichungen vom verordneten Kanon.

Zum 100. Geburtstag des Bildhauers Hermann Blumenthal widmet das Georg-Kolbe-Museum Berlin ihm und seinen Zeitgenossen nun eine aufschlussreiche Ausstellung. Gezeigt werden rund 40 Skulpturen, die zwischen Mitte der Zwanziger- und Ende der Dreißigerjahre entstanden sind. Der ernste, ja archaische Zug, der in Blumenthals Aktfiguren und Porträtbüsten steckt, wandelt sich nach ’33 nur unmerklich. Neben dieses schmale Oeuvre rücken Skulpturen seiner Lehrer Wilhelm Gerstel und Edwin Scharff sowie von Weggefährten wie Fritz Cremer oder Emy Roeder. Den Jüngeren schnitt der Zweite Weltkrieg tief in ihr Werk: eine lost generation.

Der aus Essen stammende Blumenthal sollte nur 35 Jahre alt werden. Er fiel 1942 in Russland. Etwa die Hälfte seiner freiplastischen Arbeiten entsteht schon während der Berliner Studienzeit zwischen 1925 und 1931. Früh stellt sich der Erfolg ein. 1930 wird dem Meisterschüler von Edwin Scharff, nicht einmal 25-jährig, der Große Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste verliehen.

Mit dem Preis ist ein neunmonatiges Rom-Stipendium verbunden. Der stets von Geldsorgen Geplagte trifft im Oktober 1931 im Künstlerhaus Villa Massimo ein. Nach Rom und Florenz kehrt der Bildhauer 1936/37 zu einem weiteren Arbeitsaufenthalt zurück. Dort schöpft er die Kraft zum letzten Aufbruch. Es entstehen Figuren wie der in sich ruhende „Campagnahirt“ oder der „Sternengucker“, Werke, die in ihrem Pianissimo ganz anders klingen als die offizielle Blechmusik der Zeit.

Nach Berlin zurückgekehrt, beschwören Blumenthal, seine Malerfreunde Werner Heldt, Werner Gilles und der junge Kunsthistoriker Werner Haftmann ihr Arkadien in weinseligen italienischen „Vollmondnächten“. Vergebens.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 2. April. Katalog 18 €.

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