Kultur : Arm, aber reich

Rumänien: Wir sehen Straßenkinder, das Waisenhaus von Cighid, das blanke Elend. Doch das Land boomt. Für ein paar wenige.

Jochen Förster

Wenn Rares an Deutschland denkt, fällt ihm als Erstes ein Witz ein. Das heißt, Rares hält es für einen Witz, dabei ist es gar keiner. Der Bericht seines Bruders, vor Jahren am Telefon. Der Bruder arbeitete schon eine Weile in Deutschland, in einer Schlachterei im Ruhrgebiet, er hatte sich verletzt, lag im Krankenhaus, rief an: „Weißt du was, Rares, Deutschland ist pure Science-Fiction. Du kommst in ein Krankenhaus, die Ärzte sind fähig, die Schwestern hilfsbereit, Medikamente hervorragend, Essen köstlich, und du musst niemanden dafür bezahlen!“

Rares ist 30, ein smarter, gut verdienender Rumäne, als freischaffender Übersetzer macht er um die 1000 Euro im Monat. Die Krankenversicherung kostet ihn acht Euro. Das letzte Mal im Hospital, sagt Rares, hätte ihn trotzdem fast ruiniert. Eine einfache Operation, der Blinddarm musste raus. Für Rares hieß das: 300 Euro für den Chefarzt, 150 für den Anästhesisten, plus die Kosten für eine Woche Aufenthalt, macht zusammen knapp 500 Euro, zahlbar in Briefumschlägen. Danach war Rares erst mal arm und die Ärzte wieder ein bisschen reicher. „Es kursiert viel Geld in Rumänien“, sagt Rares. „Man muss nur wissen, wo man suchen muss.“

In den offiziellen Statistiken nicht. Danach bewegt sich Rumänien jenseits der Existenzangstschwelle. Der monatliche Netto-Durchschnittsverdienst lag 2005 bei umrechnet 183 Euro, das Einstiegsgehalt eines Lehrers beträgt um die 100 Euro, das eines Arztes unwesentlich mehr. Für seine 2-Zimmer-Wohnung in einem Bukarester Vorort zahlt Rares 350 Euro monatlich. In den Super- und Hypermärkten ausländischer Ketten liegen West-Waren zu West-Preisen, Elektronik- sind leicht, Designerartikel und Autos deutlich teurer als in der EU, einheimisches Obst und Gemüse kostet rund die Hälfte, der Liter Benzin hat gerade die Ein-Euro-Schwelle überschritten.

Für unbedarfte Bukarest-Besucher sind solche Zahlen kaum zu fassen. Und unbedarft sind die meisten – Rumänien war im Westen selten Thema, seit Nadia Comaneci in den 70ern die Turnwelt beherrschte und der Volksmob seinen „Conducator“ Nicolae Ceausescu samt Ehefrau lynchte, am ersten Weihnachtstag 1989. Einzig die erschütternden Fotos aus den Waisenhäusern, etwa Cighid, erschienen wenige Monate nach Ceausescus Ende, schafften es in die internationalen Schlagzeilen. Die Heime gingen als Synonym rumänischer Barbarei um die Welt.

Heute ist das Erste, was im Zentrum von Bukarest auffällt, die hohe Dichte internationaler Boutiquen. Die Cafés und Restaurants sind gut besucht, die gefühlte Anzahl nagelneuer Sports Utility Vehicles übertrifft die in der Berliner Innenstadt bei weitem. Pferdewagen im Stadtgebiet sind inzwischen verboten – Zugeständnis für den ersehnten Beitritt. Kommenden Dienstag wird die EU-Kommission der Union endgültig empfehlen, Rumänien zum 1. Januar 2007 als sein 26. Mitglied aufzunehmen – das bei weitem ärmste bis dato. Bleibt die Frage, wo all das Geld herkommt, das Boutiquen, Cafés und Autohäuser boomen lässt und in den Statistiken nicht auftaucht.

Zunächst von den Luxusautobesitzern, deren Zahl seit Ceausescus Ende rasant gestiegen ist. Die meisten von ihnen waren schon zu Diktators Zeiten Staatsgünstlinge – sei es als Mitglieder des Geheimdienstes Securitate, sei es als Staatssekretäre im rumänischen Außenhandel. Als Ceausescu nach 24 Jahren endlich beseitigt war, vergoldete die zweite Reihe ihre Kontakte. Zum Beispiel Adrian Nastase. Unter Ceausescu war er Botschafter in China, dann 1990 und 1992 Außenminister und 2000 bis 2004 Regierungschef, natürlich als Mitglied der PSD, der „Sozialdemokraten“ – dezidiert homophob, pro-kirchlich, sozialkonservativ.

Nastase hatte dabei den skurrilsten Auftritt, als er, unter akutem Legitimationsdruck der Finanzbehörden stehend, bekannt gab, mehrere Millionen Euro in Land, Schmuck und Kunst von seiner Stieftante geerbt zu haben. Tante Tamara war 95-jährig verstorben, in einer jener typischen Vorstadtwohnungen, an deren Ausstattung ihr Reichtum spurlos vorübergegangen war. Dafür hatte Tamara kurz vor ihrem Tod ein Schnäppchen gemacht – ein Riesengrundstück in einem Bukarester Vorort, für umgerechnet sechs Cent den Quadratmeter, rund 250fach unter Marktwert.

Dass es vorwärts geht mit dem Land aber suggerieren die rumänischen Wirtschaftsdaten seit Jahren. Seit 2000 wuchs das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt um sechs Prozent, die Arbeitslosenquote liegt ähnlich hoch, mancherorts wie in Timisoara oder den Textilindustriestätten im Nordosten suchen Unternehmer händeringend nach Personal. Tatsächlich sind unter den Großverdienern durchaus IT-Programmierer mit weißer Weste, und tatsächlich kommt ausländisches Kapital ins Land, viel Kapital. Und doch sind die guten Zahlen eine ungute Mischung aus realem Fortschritt und statistischer Schminke. Die seit Anfang 2005 geltende Flatrate von 16 Prozent Einkommenssteuer hat zwar die Staatseinnahmen erhöht, da die Steuereintreibung zugleich effizienter wurde – doch das Volumen des Staatshaushalts macht weiter nur rund 30 Prozent des BIP aus, 20 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Die niedrige Arbeitslosigkeit ist nicht zuletzt einer umfassenden Frühverrentung zu verdanken – sowie dem Umstand, dass Frauen heute kaum noch offiziell Geld verdienen. Schließlich: der Arm-Reich-Gegensatz. Der Gini-Koeffizient, also das Maß der Verteilungsgleichheit, liegt in Rumänien bei 0,4, dem niedrigsten Wert aller europäischen Länder. „Rumänen zeigen ihren Reichtum schrecklich gern“, sagt der Journalist Florin Sahi. „Die reichsten Rumänen sind zumeist geistige Analphabeten mit Führerschein.“

Der Mann, der den neuen Siegertypus verkörpert wie kein anderer, ist der leibliche Sohn eines Schäfers, geschätzt 400 Millionen Euro vermögend, der siebtreichste Rumäne: Gigi Becali, 48. In den Medien geriert er sich als Apologet eines neuen Rumäniens und bezeichnet seine Kontrahenten gern als „politische Kakerlaken“. Dabei ist Becali einer der größten Profiteure alter Seilschaften. Den Grundstein zu seinem Immobilienreich legte ein Landtausch mit der Armee, getätigt Anfang der 90er Jahre zu für Becali extrem günstigen Konditionen – sein Neuerwerb in Bukarests nördlichem Viertel Pipera war ein Vielfaches des eingetauschten Grundes wert. Seit einigen Jahren ist Pipera die teuerste Wohngegend in Bukarest, Becali hat hier eine dreistöckige Villa. Danach kaufte er einen Fußballclub und führte ihn mit viel Geld nach oben (Steaua Bukarest), dann kaufte er eine eigene Partei (PNG) und schaffte schließlich eine konkurrenzlose Präsenz in den Medien. Becali hat stets was auf Lager. Ob er nun nach dem Zusammenstoß mit einem Laster eigenhändig die Fahrertür seines 500 000-Euro-Maybach aufbricht oder dem Land eine neue Kirche für jede Runde spendieren will, die sein Verein im Uefa-Pokal weiterkommt, ob er Leonardo da Vincis „Abendmahl“ nachmalen lässt (mit sich selbst als Jesus!) oder 200 Opfern der Donauflut im April den Wiederaufbau ihrer Häuser finanziert – Becali prägt seinen Ruf als Volkstribun, der nicht fackelt und mächtig stolz ist auf sein Land. Dass er sich regelmäßig Ausfälle gegen Roma („Untermenschen“), Juden und Ungarn leistet sowie unverhohlen die Erinnerung an die faschistischen Legionnaires der 30er hochleben lässt, kommt seinen poststalinistischen Förderern nur entgegen.

An diesem Sonntag im August, derweil das Fernsehen in Endloschleife zeigt, wie Gigi Becali in den Karpaten Schafe tätschelt und wohlbehalten nach Pipera heimkehrt, hockt am anderen Ende der Stadt Laurentiu in seinem Loch. Der kleine Kreis auf der verdörrten Wiese ist vom benachbarten McDonald’s-Restaurant aus gut zu erkennen. Ein Kanaldeckel liegt griffbereit daneben – falls es doch mal regnet. 200 Meter stadtauswärts steht die übliche Vorstadtarchitektur, fünf Meter die Eisenleiter hinab rauchen Laurentiu und seine Freunde gegen den Uringestank an, sechs Erwachsene auf fünf Quadratmetern und zwei Matratzen. Laurentiu hat die Wohnecke in die Wand geschlagen, direkt neben den riesigen Rohren der staatlichen Wasserbetriebe, die den restlichem Kanalraum ausfüllen und kaum Platz lassen zum Atmen. Es sind um die 50 Grad, zehn Grad heißer als auf der Wiese. „Im Sommer“, sagt Laurentiu, „sind die Heißwasserrohre ein Problem, aber im Winter retten sie uns das Leben.“ Laurentiu, 32, führt im Loch das Regiment. Er erklärt kurz die Regeln: Niemand dürfe ohne seine Erlaubnis hier herunterkommen, vor dem Schlafengehen müsse sich jeder die Füße waschen, in dem Bottich unter fließend Wasser, das Laurentiu aus den Röhren gezapft hat. Drogen seien tabu, auch das Pinkeln unter Tage, 50 Meter weiter stehen zwei Dixie-Klos.

Rund 3000 Rumänen leben laut Schätzungen wie Laurentiu unter Tage. Die meisten von ihnen, weil sie ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können. Laurentiu verdient auf dem Jahrmarkt nebenan als „Junge für alles“ 200 Euro schwarz, wofür er in der Vorstadt nicht mal ein Zimmer bekäme. Das Leben hier sei immerhin besser als am Bahnhof, sagt er, es gebe Heißwasser, der Jahrmarkt versorge sie mit Essen und im Winter wärmten die Rohre. Die Feuchtigkeit sei das Hauptproblem – dutzende Male schon hat Laurentiu die undichten Stellen abzudichten versucht, doch die Kakerlaken fressen das Silikon jedesmal weg. Bei starken Regenfällen durchflössen kleine Bäche das Loch. Jeden Monat spare er von seinem 200-Dollar-Lohn rund die Hälfte und verstecke sie. Für später. Für die Kinder. Eines Tages werde er sie bei ihren Pflegeeltern abholen und in das Haus führen, das er für sie gespart und gebaut hat, für ihr Leben, ihr künftiges, ein besseres als seins.

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