Kultur : Arm und Reich

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf sucht die Grenzerfahrung in der Musik

Im vierten Jahr könne sie es langsam nicht mehr hören, vertraute mir neulich eine treue Besucherin des young.euro.classicFestivals im Konzerthaus an. Nicht die Musik natürlich, sondern die entnervende Plattitüde „Musik kennt keine Grenzen“, die sich virusartig in fast jeder Promipatenrede eingenistet habe und einem in voraus beinahe das Konzert vergällen würde. Recht hat die Frau, und Unrecht haben die Redenschreiber! Denn natürlich hat die Musik Grenzen, und zwar eine ganze Menge. Erstmal natürlich die Grenze zwischen guter und schlechter Musik, die sich in jedem Konzert ziehen lässt. Zweitens die zwischen guter und schlechter Interpretation. Dann aber auch die politischen und ökonomischen Grenzen, die noch immer durch Europa laufen – es wäre ja reichlich naiv zu glauben, dass diese Abschottungen für Musik und vor allem für Musiker nicht gelten. Denn natürlich tritt „Concerto“ , das Orchester der Musik Universität Bukarest, am Sonntag unter weit schlechteren Bedingungen an als tags drauf das berühmte Gustav Mahler Jugendorchester – welcher rumänische Geiger hat beispielsweise die notwendigen zigtausend Euro für eine edle Geige übrig? Und natürlich haben es die rumänischen Komponisten schwieriger, im Westen Gehör zu finden – dabei hat einer von denen, die auf dem Konzertprogramm stehen, Dan Dediu, immerhin den letzten Wettbewerb der Neuköllner Oper zum Thema „Münchhausen“ gewonnen. Oder, um gleich bei den Paten weiterzumachen: Während die Rumänen mit Ex-Modern-Talking- Sänger Thomas Anders vorlieb nehmen müssen, hat sich Kulturstaatsministerin Christina Weiss natürlich die Mahlerianer aus dem Patenschaftsangebot herausgepickt. Und die haben natürlich auch noch einen prominenten Dirigenten (Ingo Metzmacher) und mit Mahlers fünfter Sinfonie auch noch einen Programm-Magneten.

Das sind natürlich alles triftige Gründe, sich mit den Schwächeren zu solidarisieren und auch zu den Rumänen zu gehen. Denn natürlich wäre man schön blöd, sich nur aus hehrem Gerechtigkeitsgefühl das Konzert des Mahler Jugendorchesters entgehen zu lassen. Scließlich sind Grenzen dazu da, sie zu übertreten. In beide Richtungen.

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