Armando als Zeichner : Armando-Retrospektiven 2001: Rote Striche - die Spuren des Menschen

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"Eins ist klar: Die Zeichnungen aus den fünfziger Jahren, die sind noch Krieg: Der Kampf selbst", sagt Armando in einem Interview. Sieht man nun diese frühen Großformate von 1953, 1954 in der großen Retrospektive des Berliner Kupferstichkabinetts, dann hört man förmlich den Bleistift über das Papier ratschen, hört das Stakkato der Punkte, der Hiebe, die Armando dem Papier versetzt. Merkwürdig dezentral ballen sich die Linien und Schraffuren, mal rechts am Bildrand, mal scheinen sie zu schweben. Komposition war ein Fremdwort für den 1929 in Amsterdam geborenen Künstler, der als Kind das Konzentrationslager am Stadtrand von Amersfoort erlebt hatte. Diese Eindrücke von den Gefangenenkolonnen, den Soldaten der Besatzer, der Gewalt und der scheinbar harmlosen Landschaft, die Zeuge all diesen Geschehens war, sind maßgeblich für das Werk Armandos und schlagen sich in der Radikalität des Ausdrucks nieder.

Erstmals in Deutschland bietet diese exzellente Retrospektive einen Überblick über das zeichnerische Werk Armandos, das völlig autonom neben dem malerischen und bildhauerischen Werk steht. Zeichnungen sind keine Vorstudien zu größeren Werken, sie sind autonomes Medium, Ort der Reflexion. Erinnern noch die ersten Blätter an den Stil der COBRA-Gruppe, so löst sich Armando recht schnell davon, landschaftliche Elemente tauchen auf, noch immer scheint er wild mit dem Papier zu kämpfen; ja, er sagt, er habe sie zum Teil im Dunkeln angefertigt, um nicht der Gefahr der schönen Komposition zu erliegen. Reiner Ausdruck!

Ende der 60er Jahre werden die Zeichnungen feiner, überlegter, reflektierter, topographische Elemente zeigen sich, manche Linien wirken wie feine Haarrisse, die die Unversehrtheit des Papiers beschädigen. In dieser Zeit arbeitet Armando als Journalist an dem Buch über die "SS-Angehörigen". Die Schwarzweiß-Frage "Opfer oder Täter" wird differenziert, auch Niederländer dienten in der SS. Armandos Zeichnungen werden politischer, ohne plakativ zu geraten.

Paradigmatisch steht dafür die "Kreuz-Serie", acht Zeichnungen aus dem Jahr 1971. Aus zarten Strichen bildet sich ein Kreuz, das sich in ein angedeutetes Hakenkreuz verwandelt. Die Striche gehen nicht in die richtige Richtung, aber die Botschaft kommt an. Jetzt tragen die Zeichnungen auch Titel, kombiniert Armando sie mit großen aufgerasterten Foto-Fundstücken aus dem Zweiten Weltkrieg, "Die Kanone", "Schuldige Landschaft", "Der unbekannte Soldat". Die Fotos zeichnet er weiter, greift mit dem Bleistift in das Bild ein, nun auch erstmals mit kleinen scharfen roten Strichen: für ihn Spuren des Menschen.

Ein DAAD-Stipendium bringt Armando 1979 nach West-Berlin, in die Stadt der Täter. Ein idealer Ort der Spurensuche. Seit diesem Zeitpunkt pendelt er zwischen Berlin und Amsterdam. Sucht in Berlin Spuren dessen, was er über das Vorkriegs-Berlin gelesen hat, sammelt alte Postkarten aus der Kaiserzeit und zeichnet sie fort, spärliche Spuren eines vergessenen Lebens. "Die Menschen gehen viel zu nachlässig mit ihren Erinnerungen um", zitiert Armando in seiner Zeichnung aus dem Zyklus "Ode an Novalis" den verehrten Dichter. Die Erinnerung ist für ihn die vierte Seite neben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Armando ist ein unentwegter Erinnerungsarbeiter. Auch bei seinen neuesten Gemälden, die parallel zur Ausstellung im Kupferstichkabinett von der Galerie Michael Schultz präsentiert werden. Aus schwarz gespachtelten Leinwänden lodert mächtiges rotgelbes Feuer, Lava, meint der unbefangene Betrachter, doch der Titel "Damals" beschwört gleich den Komos von Krieg und Gewalt, den Armando als Kind in Amersfoort erlebt hat. In vielen Bildern mit dem gleichen Titel setzt er sich immer wieder mit diesem Thema auseinander. Neu ist das Blau in seinen Landschaften. Doch weckt selbst die "Blaue Landschaft" Assoziationen, die niemals unschuldig wirken.

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