Kultur : Arme Engel

„Spielzeit Europa“ eröffnet mit Lemi Ponifasio

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Wenn sich nach fast zwei Stunden zum dritten Mal die Prozession in Gang setzt, die jungen Darsteller in aufreizender Langsamkeit über die Bühne tappen, dann hat man das Gefühl, lauter unerlöste Seelen, die nicht ins Nirwana finden, spukten über die Bühne des Berliner Festspielhauses – oder verfehlen einfach den Ausgang. Lemi Ponifasio will dem Theater neue Horizonte eröffnen. Stattdessen bringt er ein Weihespiel, das arg unter seiner Bedeutungslast ächzt und sich rasch in den Kitsch verirrt. Der international renommierte Choreograf aus Samoa eröffnet mit dem Auftragswerk „Le Savali: Berlin“ die achte Ausgabe der „Spielzeit Europa“. Die letzte von Brigitte Fürle verantwortete Edition steht unter dem Motto „Veränderbare Welten“.

Bundestagspräsident Norbert Lammert dankte in seiner Eröffnungsrede dem scheidenden Intendanten Joachim Sartorius und Brigitte Fürle für die starken Akzente, die sie mit der „Spielzeit Europa“ gesetzt hätten. Und er stellte sein Talent zur Improvisation unter Beweis. War er doch dazu verdonnert, am Rednerpult zu warten, bis die erste Darstellerin mit einem unheilschwangeren Monolog über Propheten und stürzende Engel das Bühnen-Zeremoniell einläutete.

„Le Savali: Berlin“ war angekündigt als eine Hommage an Berlin. Das merkt man dem Stück keinesfalls an. Ponifasio lässt die Performer seiner MAU Company, die von Inseln des Südpazifiks und aus Neuseeland kommen, auf Darsteller, Tänzer und Musiker aus der Hauptstadt treffen. Jugendliche aus Neukölln sind ebenso dabei wie ein bulgarischer Frauenchor, Profi-Tänzer stehen neben Laien. Das gemischte Ensemble soll ein Spiegel des multikulturellen Berlin sein. Doch Ponifasio weiß nichts anzufangen mit seiner heterogenen Gruppe. Also lässt er sie wie eingeschüchterte Messdiener über die Bühne prozessieren oder herumstehen und ins Publikum blicken. Was diese Menschen bewegt, bleibt buchstäblich im Dunklen.

Von einem gemeinschaftsstiftenden Ritual sieht man nichts, stattdessen wird hier eine theatrale Reservearmee einem militärischen Drill unterworfen. Ein bärtiger Einpeitscher ruft ihnen immer wieder ein markiges „Ho!“ zu, später wird er über die Bühne taumeln und sich heftig auf die Brust schlagen. Ein nackter Tänzer klatscht gen Ende auf die Bühnenschräge auf. Ponifasio will das kreatürliche Leiden veranschaulichen. Doch peinigend an „Le Savali: Berlin“ ist vor allem, wie er seine zum Teil unerfahrenen Darsteller bloßstellt. Ein Ärgernis. Sandra Luzina

Wieder am heutigen Sonnabend und morgen, 9. Oktober

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