Kultur : Armee & Moral

Abbas Beydoun meldet sich aus Beirut

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Abbas Beydoun schreibt abwechselnd mit Moshe Zimmermann, Tel Aviv Der Einzelne ist glücklich, wenn er seine eigene Vorstellungswelt hat, denn das befreit ihn von Ideologien. Völker jedoch können aus der eigenen Vorstellungswelt ideologische Monster gebären. Dann ist es die Rolle unabhängiger und freier Individuen, vehement die Selbstlügen ihrer Nation zu kritisieren. Ich glaube, dass dies in Deutschland noch immer geschieht.

Von mir wird im Westen nur verlangt, dass ich die Hisbollah als Terroristen bezeichne. Mein persönliches Problem mit der Hisbollah ist jedoch ein viel größeres. Es ist der Kampf mit einem geschichtlichen und kulturellen Block. Und ein Kampf gegen mich selbst. Und gegen eine Vereinfachung des Westens.

Die Welt bemerkt zwar die Entführung zweier israelischer Soldaten, aber nicht, dass die Hisbollah in der Lage ist, eine ganze Gesellschaft zur Geisel zu nehmen. Das Problem besteht darin, dass Israel stets als „einziges demokratisches Land“ in der Region präsentiert wird, aber niemand von Israel verlangt, entsprechend zu handeln. Bislang beschränkt sich Israel auf seine Macht der Abschreckung.

Israel ist, wie wir wissen, die einzige Demokratie, die auf einer religiösen Grundlage beruht und dabei auch dem Problem nicht ausweicht, wie sie mit Nichtjuden umgeht. Die Frage ist also, ob Israel weiterhin das Modell zur Veränderung seiner Nachbarstaaten bleibt – oder ob es sich der Pflicht unterwirft, der Demokratie in der gesamten Region zu dienen.

Wie in Israel befindet sich auch im Libanon die Demokratie in der Krise. Die meisten Bewohner wollen den Frieden, einige haben sogar öffentlich mit Israel kooperiert. Doch was hat Israel diesen gegenüber getan? Es hat 1982 den Libanon besetzt, die Palästinenser hinausgeworfen und eine ihm gewogene Regierung installiert. Und was hat es dann dieser gegenüber getan? Es gab im Libanon einmal eine einzige Armee und eine einzige Macht. Eine Chance, die von der israelischen Regierung bei Verhandlungen nicht unterstützt wurde. Vielmehr erzwang sie eine unmögliche Vereinbarung, mit dem Einverständnis Syriens. Die libanesische Regierung blieb daher schwach und abhängig – und dann beschloss Israel, sich ohne jede Bedingung zurückzuziehen und das Land ein weiteres Mal an den Rand des Bürgerkriegs zu drängen. Warum will Israel nicht, dass hier eine Gesellschaft und ein demokratischer Staat entstehen?

In Marjayoun hat das israelische Militär eine Kaserne der libanesischen Armee umzingelt. Dann wurde mit den Vereinten Nationen vereinbart, dass die libanesische Armee mit den Zivilisten in einem Konvoi unter israelischer Kontrolle und unter Obhut der UN das Gebiet verlassen kann. Doch unterwegs beschossen israelische Kampfflugzeuge den Konvoi, töteten und verletzten Menschen. Ein unverständliches Vorgehen. Israel, das daran festhält, ein Staat mit Rechtsgrundlage zu sein, verdrängt die Milizen, um dann noch schlimmere Taten zu begehen, Zivilisten zu töten oder zu entführen wie zuletzt Abgeordnete, Minister und den palästinensischen Parlamentspräsidenten.

Dass Israel ein demokratischer Staat im Nahen Osten ist, bedeutet eine Verpflichtung, eine moralische und kulturelle Verbindlichkeit. Solange es jedoch mit dem Terrorismus konkurriert, kann es von dieser Botschaft kaum etwas vermitteln.

Der Autor, Jahrgang 1945, ist der bekannteste Schriftsteller des Libanon und Feuilletonchef der Zeitung „As-Safir“. Aus dem Arabischen von Achmed Khammas.

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