Kultur : Armer reicher Orient

Das Berliner Museum für Islamische Kunst feiert sein 100-jähriges Bestehen

Michael Zajonz

Rayan Abdullah ist ein Meister, wenn es darum geht, leicht angestaubten Marken ein neues Image zu verpassen. Der 1957 im Irak geborene Designprofessor entwarf das neue Outfit der BVG, liftete den Bundesadler und berät den VW-Konzern. Sein neuestes Werk ist ein Geschenk – an seine Wahlheimat und ein wenig an sich selbst: Für den heutigen Festakt und die Ausstellung zum 100. Gründungsjubiläum des Museums für Islamische Kunst entwarf Abdullah ein Logo, das die arabischen Ziffern vor einem orientalisch stilisierten Hintergrund zeigt. Nur die frechen Farben, dieses Signalrot, Safrangelb und Rosa, wollen nicht zum traditionellen Bild passen, das die Berliner Institution bislang ausstrahlte.

Claus-Peter Haase, Direktor des Museums für Islamische Kunst, begreift den bunten Gruß als Geste behutsamer Akzentverschiebung hin zur Gegenwart. Ging es dem Museumsgründer Wilhelm von Bode noch darum, jenseits von Orientteppich und Wasserpfeife Grundkenntnisse über die Geschichte der islamischen Kunst anhand von Spitzenwerken des 8. bis 19. Jahrhunderts zu vermitteln, können heutige Besucher gerade angesichts von historischen Höchstleistungen den drohenden clash of civilizations kaum ausblenden. Um sich ein Bild von der Allgegenwart altneuer Orient-Klischees zu machen, genügt ein Gang zum Bücherstand in der Eingangshalle.

Eröffnet wurde die Sammlung als Islamische Abteilung vor genau 100 Jahren, am 18. Oktober 1904, im heutigen Bode-Museum. Erst 1932 zog man in den Südflügel des Pergamon-Museums. Die dort gezeigten persischen Teppiche und indischen Miniaturen der Moghulzeit, die bald 1300 Jahre alte Steinfassade des umaijadischen Wüstenschlosses Mschatta oder das hochelegante, um 1600 im heutigen Syrien entstandene Aleppo-Zimmer sind weltberühmt. Die Mschatta-Ausgrabung verdankt sich dem persönlichen Interesse Kaiser Wilhelms II., der sich die Fassade vom osmanischen Sultan schenken ließ, die meisten anderen Schätze jedoch dem Verhandlungsgeschick Bodes und Friedrich Sarres, ein Privatgelehrter, der das Museum bis 1931 leitete und reich beschenkte.

Kein westlicher Museumsbeamter könnte diesen Kernbestand heute noch durch Zukauf von vergleichbaren historischen oder neuzeitlichen Kunstwerken ergänzen. Doch zur Jahreswende wird Haase eine der größten europäischen Privatsammlungen islamischer Kunst als Leihgabe für 15 Jahre präsentieren.

Das Pergamon-Museum soll frühestens ab 2009 nach Plänen von Oswald Matthias Ungers umgebaut werden. Wann aber das Museum für Islamische Kunst seine neuen Räume im Nordflügel beziehen kann, ob es zwischenzeitlich geschlossen wird, all das steht in den Sternen. Man verharrt in einem Zwischenreich, kann in der vor vier Jahren neu eröffneten Dauerausstellung nur weniger als ein Prozent der Sammlungen zeigen, verfügt über keinen regulären Ankaufsetat.

Trotzdem will Haase mit Ausblicken aufs Hier und Jetzt die museale Tradition belüften. Etwa in Gestalt einer neuen Installation der iranischen Künstlerin Farkhondeh Sharoudi, die schon bei der Iran-Schau im Haus der Kulturen der Welt durch intelligente Eingriffe in das Vorgefundene überzeugte. Sie wird einer osmanischen Prunkrüstung ihre Interpretation eines paramilitärischen Tarnanzuges gegenüberstellen. Risikolos ist das nicht: Sechzig Prozent der jährlich 330000 Besucher kommen aus dem Ausland, nicht wenige aus der arabischen Welt.

Die fünf Wissenschaftler des Museums – allesamt islamische Kunstwissenschaftler, nur der Direktor ist Islamwissenschaftler und Archäologe – können mit dem, was sie sammeln und erforschen, weder Weltpolitik illustrieren, noch wollen sie eine Kulturgeschichte des Orients erzählen. Das Museum war 1904 ja gerade mit dem Anspruch gegründet worden, Werke der islamischen Welt auf Augenhöhe mit der europäischen Hochkunst zu präsentieren. Die Herstellung und Funktion von Gegenständen, die oft genug als Kunstwerke und Gebrauchsgut gedacht waren, erforschen noch heute die Ethnologen. Doch der Islam-Abteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem fehlen schon seit Jahren die Schauräume.

Über Haases Schreibtisch hängt ein Gemälde von Osman Hamdi, das den ethnologischen Blick auf das Fremde einmal gegen uns Europäer kehrt. Der um 1870 in Paris ausgebildete osmanische Maler beobachtet englische Touristen beim Teppichkauf, das Familienoberhaupt unter dem Tropenhelm dämmert, seine Gattin ist schon halb überzeugt. Der Händler präsentiert langweilige Teppiche und lässt die besseren beiseite. Hamdis Satire zeigt, wofür auch ein modernisiertes Museum für Islamische Kunst werben könnte: die Souveränität, gelungene Klischees mit einzubeziehen.

Festakt heute 18 Uhr. Jubiläumsausstellung bis 16. Januar

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