Kultur : Armer Teufel

SYBILL MAHLKE

Harry Kupfer hat die Brautgemachsszene seiner "Lohengrin"-Inszenierung an der Staatsoper verändert.Die Titelfigur, die in der bisherigen Fassung von 1996 wie die Statue auf ihrer eigenen Gruft verharrte, steigt nun nach den Worten "Das süße Lied verhallt, wir sind allein ..." von ihrem Podest herab.Aus Wagners Dichtung und Partitur hat der Zuschauer bis zum dritten Aufzug längst vernommen, daß der Konflikt unentrinnbar ist: Lohengrins Sehnsucht, von Elsa als Mensch geliebt und verstanden zu werden, bleibt durch das Frageverbot verstellt.Die Fremdheit, die ihm naturgemäß anhaftet, wenn er nunmehr als Bräutigam auf eigenen Füßen die Bühne betritt, wird mit einem Märchenmotiv sichtbar gemacht: "Nur dem jüngsten fehlte der linke Arm, und er hatte dafür einen Schwanenflügel am Rücken", ist in einem Stück aus der Sammlung der Brüder Grimm zu lesen.Das hat mit Zauberei zu tun, für die im "Volksmärchen" meist böse Stiefmütter zuständig sind.

In Kupfers negativer "Lohengrin"-Sicht verwandelt Ortrud nicht nur Elsas Bruder Gottfried in einen Schwan, sondern die Verwünschung überträgt sich auch auf den Schwanenritter selbst.Lohengrin tut sich schwer mit seinem Flügelarm, die Lichtgestalt als armer Teufel, und Elsas Traum ist eine abendfüllende Tragödie, in der sich Märchenmotive visionär begegnen: von den Schwänen zu "Brüderchen und Schwesterchen", hier den Paaren Gottfried/Elsa und Lohengrin/Elsa auf grünem Rasen.

Trotzdem wird kein bedeutendes Ereignis daraus, weil die Staatsaktionen in ihrer metallenen Starrheit so pauschal inszeniert sind wie Daniel Barenboim sie an diesem Abend dirigiert: Miniaturarbeit läßt sich auch musikalisch in der technisierten Szene kaum finden.Die Quantitätswünsche des Festtage-Dirigenten schlagen sich eben hier und da in nachlassender Qualität nieder.Mit der "Wonne des Herzens" läuft der Staatsopernchor der Staatskapelle davon.Daß Waltraud Meier als Ortrud mit Standing Ovations gefeiert wird, ist begreiflich, vor Überforderung aber auch bei ihr zu warnen.Die Besetzung mit Emily Magee (Elsa) und Sergej Leiferkus (Telramund) hät sich im Rahmen, fällt bei Andreas Schmidt (Heerrufer) ab und gerät leider in ein Tief, wenn Francisco Araiza in der Titelrolle sich mit letzter stimmlicher Kraft verabschiedet.Bezeichnender noch für die ganze Aufführung, daß der vielgerühmte Sänger René Pape als König Heinrich weit unter seinem gestalterischen Niveau bleibt.

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