Armory Show : Locker bleiben

Die Armory Show in New York hält ihr Niveau. Von den 160 Galerien kommt knapp die Hälfte aus Europa.

Friederike Nymphius

Alles kommt wieder. Dieses Mal sind es die achtziger Jahre. Von den Monitoren in den New Yorker Taxis rockt wie einst U2, junge Hipsters kombinieren hautenge Jeans mit „I LOVE NY“-T-Shirts und die Damenwelt trägt wieder Chanels Handtaschen-Klassiker mit der durchflochtenen Goldkette. In den Boutiquen auf der 5th Avenue wie auf der Kunstmesse The Armory Show dominieren die für diese Zeit typischen synthetischen Farben, die scharf mit Schwarz kontrastieren. Und auch Paul Morris, der Pressesprecher der Armory Show, beginnt mit einem Blick zurück: In Zeiten der Rezession erinnerte er daran, wie er 1994 gemeinsam mit den Galeristen Colin de Land, Pat Hearn und Matthew Marks der nach einer Wirtschaftskrise am Boden liegenden Kunstszene wieder auf die Beine half. Im Gramercy Park Hotel organisierten sie in dunklen, engen Hotelzimmern eine unkonventionelle, aus heutiger Sicht aber hochkarätig besetzte Messe, die der Armory den Weg geebnet hat.

Vergangene Woche öffnete die Armory Show wieder im Pier 94 ihre Tore. Von den fast 160 Galerien kam knapp die Hälfte aus Europa. Mit Arndt & Partner, CFA, Eigen und Art, Crone, Johnen, Peres Projects oder Barbara Weiss zeigten die Berliner Galerien eine starke Präsenz. Neuzugänge wie Isabella Bartolozzi, Niels Borch Jensen, Mehdi Chouakri, Ben Kaufmann und Joanna Kamm frischten das Programm auf. Dafür fehlten Guido Baudach, Christian Nagel und Giti Nourbakhsch, die wegen der trüben Aussichten ihre Teilnahme storniert hatten.

Erstmals stellten auf dem benachbarten Pier 92 etwa 70 auf die klassische Moderne spezialisierte Händler ihre Ware vor. Auffällig war der überragende Anteil amerikanischer Aussteller. Dagegen fehlten viele namhafte Galerien aus Europa, da die in diesem Segment führende Art Basel mit einem zu dichten Abstand von nur drei Monaten folgt. Das oft konfus wirkende Angebot stellte für die Schweizer Messe jedoch keine ernste Konkurrenz dar. Für neugierige europäische Besucher war das Pier 92 dennoch ein Ort der Entdeckungen. Ausgewählte Werke der amerikanischen geometrischen Abstraktion sowie der Minimal Art wie Ilya Bolotowski, Thomas Downing oder Leon Polk Smith konnten entdeckt und zu verhältnismäßig günstigen Preisen von 30 000 bis 60 000 Dollar erworben werden.

Obwohl Experimentelles kaum zu finden war und weil die spekulative „Art Now“-Ware im Lager blieb, hielt die Armory ihr Niveau. Das Gros der Aussteller setzte auf mittlere Formate in Malerei, Fotografie und Skulptur. Einige Galerien überraschten mit aufwendigen Einzelpräsentationen, die internationale Kuratoren und Museen ansprechen sollten. Einen der stärksten Stände hatte Hauser und Wirth mit einem großen Skulpturenensemble des 2006 verstorbenen Künstlers Hans Josephson. Schon während der Vernissage wurde ein Großteil der Arbeiten für Preise zwischen 20 000 und 160 000 Dollar verkauft. Crone präsentierte souverän eine Suite von 186 Blättern der deutschen Konzeptkünsterin Hanne Darboven (500 000 Euro). Matthias Weischer von Eigen und Art schuf eigens für die Armory ein zartes Interieur aus Skulpturen und Bildern, den ersten nach einer längeren Malpause.

Es fehlte aber auch nicht an unterschwelligen Kommentaren zur Rezession. Großen Anklang fand Christine Hills Volksapotheke bei Ronald Feldmann, an deren Tresen die Künstlerin Medizin gegen Volksleiden wie Geldsorgen für 20 Dollar feil bot. Emmanuel Perrotin zeigte verführerische, aus vergoldeten Rahmen zusammengesetzte Bilder des französischen Künstlerduos Kolkoz. Die oberflächliche Eleganz dieser Arbeiten huldigte dem schönen Schein des Goldes, während ihre im Verhältnis zum teuren Aussehen relativ günstigen Preise (ca. 11 000 Dollar) sie zu einer Metapher für das aufgeblasene amerikanische Finanzsystem vor der Krise werden ließen.

Insgesamt gaben sich die Händler mit der Messe zufrieden, ein positiver Nachlauf wird erwartet. Die in Miami schmerzlich vermissten Sammler kamen wieder, unter ihnen sogar zahlreiche Amerikaner, was zur guten Stimmung beitrug. Bereits während der Vorbesichtigung liefen die Geschäfte – wenn auch verhalten – an. Die vorsichtig optimistische Grundstimmung auf der Armory darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aussteller mit einer für sie neuen Situation kämpfen: Der Kunstmarkt hat sich binnen kürzester Zeit von einem Händler- zu einem Sammlermarkt gedreht. Nicht mehr der Galerist, sondern der Kunde bestimmt die Abläufe. Verkaufsentscheidungen werden von Sammlern gründlich abgewogen.

Der Tritt auf die Shoppingbremse bewirkte bei den eingeführten Galerien auf der diesjährigen Armory keine empfindlichen Schäden. Bei den jungen Kollegen, die kaum durchgesetzte Künstler vertreten, sieht das anders aus. Vor allem sie werden in den nächsten Jahren um ihr Überleben kämpfen – selbst wenn sich der Kunstmarkt, wie schon in den achtziger und neunziger Jahren, erholt. Alles kommt wieder, auch die guten Zeiten. Die Kunst hat es immer wieder bewiesen.

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