Arno Geiger : Zu Hause nie wieder

Berührend und artistisch: Das Buch des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger über die Alzheimererkrankung seines Vaters.

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Auch die Krankheit bringt sprachlich Neues hervor. Arno Geiger und sein Vater August.
Auch die Krankheit bringt sprachlich Neues hervor. Arno Geiger und sein Vater August.Foto: Wonne Bergmann

„Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.“ Was für ein Satz, weise, gewitzt, tröstlich absurd! Er könnte von Robert Gernhardt stammen, doch gesagt hat ihn ein Mann, der bis vor kurzem keine öffentliche Person gewesen ist: August Geiger, der Vater des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Seit fünfzehn Jahren ist er an jener Form von Demenz erkrankt, die man nach ihrem Entdecker die Alzheimersche Krankheit nennt.

Nun wird er mit dem Buch seines Sohnes zur literarischen Figur. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein zauberhaftes Werk. Es ist dem Leben abgelauscht und doch auf eine unangestrengte Weise kunstfertig. Ohne Gattungsbezeichnung kommt es aus und enthält romanhafte Elemente, kluge Sentenzen, leise Poesie und nicht zuletzt Szenen, wie man sie auch im zeitgenössischen Theater gern einmal sehen würde, so dringlich wahrhaftig und trefflich stilisiert, wie das einst üblich war, von der antiken Tragödie über Shakespeare bis hin zu Samuel Beckett.

Arno Geiger, der 2005 für „Es geht uns gut“ den ersten Deutschen Buchpreis erhielt, macht das so unauffällig, dass man dieses kleine große Buch für kunstlos halten kann. Seine Einfühlungsgabe ist enorm, wie er auch in seinem jüngsten Roman „Alles über Sally“ bewies, dem Ehe-Porträt eines ungleichen Paares. Man meint darin nun auch Spuren der Lebenserfahrung Geigers zu erkennen, dessen Eltern sich getrennt haben, als die vier Kinder aus dem Haus waren. Die Mutter ist fünfzehn Jahre jünger, unternehmungslustig, neugierig auf die Welt. Doch der Vater wollte nur noch zu Hause sein, seit er als junger Mann aus russischer Kriegsgefangenschaft in den Vorarlberger Ort seiner Kindheit zurückkehrte, wo er als drittes von zehn Kindern einer Bauernfamilie aufgewachsen war. Er habe im Krieg genug von der Welt gesehen, das reiche ihm. August Geiger, geboren am 4. Juli 1926 und siebzehnjährig in den Krieg geschickt, arbeitete als Gemeindeschreiber von Wolfurt. Nach der Pensionierung und dem Zerbrechen der Ehe zeigten sich erste Anzeichen von Vergesslichkeit und Rückzug, die damals noch nicht als Symptome der Krankheit gedeutet werden konnten. Da er einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte, erklärte man sie mit der Verschlechterung seiner Lebensumstände. Er solle sich nicht so gehen lassen, ermahnte ihn die Familie jahrelang. „Wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit.“

Die Tragik dieser Krankheit lässt sich kaum treffender darstellen als in jenem Motiv, das als roter Faden den locker gewebten Text durchzieht. Ausgerechnet dieser Mann, für den das Gefühl, zu Hause zu sein, aus biografisch einleuchtenden Gründen das einzig denkbare Glück gewesen ist, muss eine Krankheit aushalten, die eben dieses Gefühl zerstört. Immer wieder sagt August Geiger, er wolle nun endlich nach Hause – auch wenn er zu Hause ist. Vor allem abends steigert sich das Gefühl der Heimatlosigkeit zu Panik, ziellos irrt er im Haus umher „wie ein alter König in seinem Exil.“

Alle Versuche scheitern, ihn durch Hinweise auf die Realität zu beruhigen. Oft entstehen daraus Szenen von berührender Komik. Denn die Muster logischen Argumentierens scheinen intakt und führen zu Schlüssen, die ein brillanter Sophist nicht besser hinbekäme. Als seine Tochter ihm einmal zu beweisen versucht, dass er wirklich zu Hause ist und ihm Straßenschild und Hausnummer zeigt, sagt er, jemand habe das Schild gestohlen und dort angeschraubt. Warum, wisse er auch nicht. „Die Leute sind halt so.“ Ob er seine Möbel nicht erkenne, insistiert sie. Doch, ja, lautet die Antwort, aber so leicht sei es auch wieder nicht. „Auch andere Leute haben solche Möbel. Man weiß nie.“

Was die Familie und die slowakischen Pflegerinnen, von denen sie unterstützt wird, nicht selten zur Verzweiflung treibt, stellt sich für den Leser anders dar. Von der Hand des Erzählers geschickt geführt, erlebt er das Auf und Ab der Krankheitsphasen nicht mit den Ängsten der Beteiligten, sondern als geradezu artistischen Balanceakt menschlicher Anpassungskünste. Dass ein Mann, der nie über Gefühle sprach, Ausdrucksformen findet, um das Chaos in seinem Inneren mitzuteilen, ist anrührend. Sein Sohn vermag das in zugespitzten Szenen eindrucksvoll ins Bild zu setzen. Etwa wenn der Vater vor einer Scheibe Brot sitzt und nicht weiß, was er damit machen soll. Auf den Rat, er müsse einfach abbeißen, sagt er: „Tja, wenn ich wüsste, wie das geht. Weißt du, ich bin ein armer Schlucker.“

Wie sprachliche Fähigkeiten im Kopf eines Alzheimerkranken überdauern, während alltagspraktische Fertigkeiten fast ganz verschwinden, hat schon John Bayley in „Elegie für Iris“ über die Alzheimererkrankung seiner Frau, der irischen Schriftstellerin Iris Murdoch, dargestellt.

Bei August Geiger ist das noch verblüffender. Zeit seines Lebens ein ehrlicher Mensch, wird er als Kranker zum Meister der Ausreden voller Witz und sprachlicher Eleganz. Dass einer seiner Söhne Schriftsteller ist, kommt ihm dabei zugute. Nur wer an Sprache interessiert ist, kann entdecken, dass die Krankheit nicht nur zerstört, sondern, wenn auch nur für Momente, Neues hervorbringt: sprachliche Erfindungsgabe, auf die der Schriftsteller sogar hin und wieder neidisch ist. Wenn ihn der Vater gelegentlich an Figuren von Kafka oder Thomas Bernhard erinnert, ist das keine Verklärung. Es ist eine Verbeugung vor der Kreativität eines Menschen, der selbst bei zunehmender Demenz noch ausdrücken kann, dass er das Schwinden seines geistigen Vermögens schmerzlich wahrnimmt: „Weißt du, Wichtiges ist bei mir nicht mehr vorhanden. Das Gefühl habe ich. Ich kann es nicht beweisen, aber das Gefühl habe ich, bei mir ist nichts Wichtiges mehr vorhanden, ja, so ist es.“

„Der alte König in seinem Exil“ ist das Gegenteil des Enthüllungsbuches, das Tilman Jens über die Demenz seines Vaters Walter Jens geschrieben hat. Der Journalist wollte dem Vater die Maske des engagierten Intellektuellen vom Gesicht reißen und verstieg sich zu der These, dessen Erkrankung sei eine strategische Flucht ins Vergessen, aus Scham, dass seine NSDAP-Mitgliedschaft publik wurde. Arno Geiger lässt dem Kranken seine Würde. Er steigert sie sogar, indem er dem Bauernsohn und Gemeindeschreiber die Maske des Königs aufsetzt.

Deshalb fragt man sich bei diesem Buch auch nie, ob es sich nicht verbietet, über die Krankheit eines anderen in aller Öffentlichkeit zu sprechen. August Geiger lebt seit 2009 im Seniorenheim des Dorfes, in dem er aufgewachsen ist und fast sein ganzes Leben zubrachte. Eindrucksvoll zeigt das Buch seines Sohnes, dass die Kunst anderen Formen öffentlichen Sprechens überlegen ist. Sie vermag auch dort zu schützen, wo sie offenbart.

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser, München 2011. 189 S., 17,90 €.

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