Arnold Schönberg : Nachtblau und Morgenrot

Schönberg Underground fasziniert im Tacheles.

Isabel Herzfeld

Der Geist des „Tacheles“ ist der gleiche, der auch Arnold Schönbergs Musik im Aufbruchsjahr 1909 beseelt: lebendig, unruhig suchend, auf Grenzüberschreitungen erpicht. Wenn in diesem 1909 erbauten ehemaligen jüdischen Kaufhaus, einst „Kathedrale der Waren“ genannt, das Minifestival „Schönberg Underground“ des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin stattfindet, dann fallen die Barrieren vor der gestrengen Moderne. Ein bunt gemischtes Publikum lauscht ihr mit Hingabe. Und die rohen, mit den Spuren der Zeit behafteten Wände, die zwischen Nachtbläue und Morgenröte oszillierende Beleuchtung, selbst Geräusche von einer vorbeirumpelnden Tram – das alles holt Schönberg gründlich aus dem Elfenbeinturm heraus.

Das fasziniert besonders im letzten der drei Kammerkonzerte, wenn Measha Brueggergosman mit den kabarettistischen „Brettl-Liedern“ eine hinreißende Performance hinlegt, mit sinnlicher Körpersprache Texte von Wedekind oder Otto Julius Bierbaum ironisch ausdeutet. Ingo Metzmacher gibt den schmunzelnden Klavierbegleiter, doch auch im skurrilen „Pierrot Lunaire“ zeigt sich der DSO-Chef als vorzüglicher Pianist. Salome Kammer, für den Sprechgesangspart dieses Melodrams geeignet wie keine andere, bringt das Außerordentliche, zeigt „Pierrot“ als bösen Gnom, der die blutrünstigen Mondfantasien genießt. Legionen von Konzertdiven erstickten das im Schöngesang.

„Schönberg Underground“ zeichnet den Aufbruch des Komponisten aus spätromantischer Tonalität zur Sprengung ihrer Grenzen schlüssig nach. Das Streichsextett „Verklärte Nacht“ lässt zu Beginn noch einmal diese sich selbst verzehrende Chromatik erleben. Transparenz, Wärme und architektonische Deutlichkeit machen diese Interpretation groß. Auf dem Weg zur Zwölftönigkeit dürfen die „Klavierstücke op. 11“ nicht fehlen, denen Jürgen Mommertz harte, verstörende Akzente gibt. Ebenso wenig die „Fünf Orchesterstücke op. 16“, denen auch die Kammermusikfassung von Felix Greissle die betörende „Klangfarbenmelodik“ erhalten kann. Heinz Radzischewski als Dirigent behütet den Zusammenhalt dieser beklemmenden Ausdrucksmusik.

Doch darüber hinaus ist „Schönberg Underground“ tatsächlich ein Sängerinnenfest. Robin Johannsen hat noch Mühe, dem „Buch der hängenden Gärten“ die schon theorielastige Sprödigkeit zu nehmen und seine Nuancen zwischen Liebesglut und Enttäuschung freizulegen. Eine Entdeckung ist Sophie Klußmann, die im Streichquartett Nr. 2 ihren geerdeten Sopran bruchlos mit „tiefer Trauer“ aus dem Instrumentalklang aufsteigen lässt und dann schwebend und glühend „Luft von anderen Planeten“ fühlen lässt. Isabel Herzfeld

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