Arnulf Baring : Autobiographische Notizen eines Unbequemen

Ein Buch über Familie, Liebe und Ehe – und natürlich über den Zustand dieses Landes.

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Es war klar, dass Arnulf Baring nicht einfach Lebenserinnerungen aufschreiben würde. Ein bisschen „Wen ich alles Wichtiges kannte“, ein paar unbekannte Einzelheiten über Willy Brandt oder Günter Grass und dann noch „meine unangenehmsten Talkshow-Auftritte“ – das wäre gewiss schnell geschrieben gewesen und hätte doch vor Barings eigenen Augen nicht bestanden. Arnulf Baring, der Zeitgeschichte im besten Sinn geschrieben hat, streitbarer und kontroversenfreudiger Autor, hat in seinem neuen Buch das eigene Leben einer freundlich-kritischen Prüfung unterzogen.

Sein Buch, dessen Titel „Der Unbequeme“ ihm von allen seit langem gewohnten Etikettierungen am wenigsten missfallen hat, überrascht durch seine für einen bürgerlichen Herrn erstaunliche Offenheit und es bittet seine Leser, vor einen großen Spiegel zu treten, in dem sie sich mit Barings Hilfe sozusagen selbst betrachten können. Herkunft, Werte, Gefühle, Freundschaft, Liebe – und Politik: Darüber hat Baring schreibend nachgedacht, und die Klarheit und die Ehrlichkeit, mit denen er das getan hat, lassen seinen Lesern gar keine andere Möglichkeit als sich zu fragen: Und wie siehst du das?

Voller Überraschungen steckt dieses Buch, geschrieben von einem Mann, der sich selbst für schüchtern hält und der seinen Aufstieg zu einem der bekanntesten deutschen Historiker und politischen Autoren als eine Verkettung halb glücklicher, halb zufälliger Entscheidungen darstellt. Ein Jurist, dem die Juristerei nie Freude machte, interessiert an Menschen, Debatten, Politik, deshalb zum Journalismus neigend, bis ihn ein gewisser Walter Scheel dazu einlud, sich den politischen Betrieb in Bonn aus der Nähe anzusehen und dabei dennoch auf Abstand zu bleiben. So entstand Barings Buch „Machtwechsel“ über die Kanzlerschaft Willy Brandts und die sozial-liberale Koalition, eine politische Schichtenanalyse, die wie wenig andere handelnde und exponierte Charaktere, gesellschaftliche Strömungen und Unterströmungen beschreibt und zusammenbringt. Ein großes Buch, ein eindrucksvoller Autor, zudem ein freundlich-zurückhaltender Hochschullehrer, dessen Seminare trotz seiner relativen Berühmtheit erfreulich unüberlaufen waren, schreibt über sich, was seine Studenten ahnten: „Während meiner Zeit als Hochschullehrer fürchtete ich mich immer davor, man könnte mich nach meinen wissenschaftstheoretischen Prämissen fragen. Um ehrlich zu sein: Es gab und gibt sie nicht. Meine Urteile entstehen aus der Anschauung. Nur Konkretes ist mir wichtig, lebendige Erfahrung, beatmet von dem, was man das pralle Leben nennt.“

Auch ein Glücksfall für demokratische Streitkultur? Im Prinzip schon, im wirklichen Leben ganz sicher eher als der gelegentlich zynisch wirkende Thilo Sarrazin (was Baring vermutlich zurückweisen würde) – und doch einer, der die Leute gegen sich aufbringt. „Vermutlich habe ich meinen schlechten Ruf dem Fernsehen zu verdanken“, schreibt Baring. „Mein wiederholtes Bemühen, Strittiges auf den Punkt zu bringen und über Phrasen ungehalten hinwegzugehen, lässt mich offenbar schroffer erscheinen, als ich bin.“

So kann man das wohl sagen. Barings vielfach bewiesener Furor hat den großen Vorteil, dass man ihn nicht missverstehen kann. Wer Barings Streitschriften kennt – beginnend mit dem „neuen Größenwahn“ –, der weiß allerdings, dass es stets einen robusten gedanklichen Unterbau für diesen Furor gibt, und auch starke Gefühle. Seine Attacken auf den Politikbetrieb haben historische Tiefe – das macht sie indes nicht leichter zu ertragen für Menschen, die die Gegenwart für eine rundum lustige Zeit und sich selbst für Inbegriffene gelingenden Daseins halten. Auf heitere und provokante Weise hadert Baring mit einer Gesellschaft, der die umverteilende, keine Leistung infrage stellende Sozialpolitik alles ist („Gerechtigkeit!“), er sagt dem Euro den Kollaps voraus und macht sich Gedanken darüber, warum mit Angela Merkel und Joachim Gauck ausgerechnet zwei von der DDR geprägte Politiker die wichtigsten Ämter dieses Landes innehaben. Es sind keine Gedanken, die zuversichtlich stimmen. Angela Merkels „kommunikative Unverbindlichkeit“ passt in eine „spannungslose Gesellschaft“, die harte Kontroversen scheut. Was Wunder, dass Baring ausgerechnet einen, der wie er die Kontroverse kann und mag, für den begabtesten Parlamentarier des Landes hält – Gregor Gysi.

Man könnte Barings Attacken auf den politischen Mainstream nach dem Motto „zorniger alter Mann“ erklären, wären da nicht sein trockener Humor, die Kraft, mit der er für altmodisch-bürgerliche Werte wirbt und diese mutige Ehrlichkeit, die so gar nicht in ein abenddämmeriges Erinnerungsbuch passt. Was er über Kinder und Familie, Liebe und Ehe schreibt, passt kaum in eine Zeit, die den meisten Verpflichtungen ihre Strenge und das Anstrengende zu nehmen versucht. Baring, gleich dreifach typisch: Ein Journalist habe ihn gefragt, was für ihn der Sinn des Lebens sei. Ohne Nachzudenken, habe geantwortet, der Sinn des Lebens sei, es weiterzugeben. „Offenbar verblüffte ihn diese Antwort, woraufhin ich ihn fragte, was er denn geantwortet hätte. Er druckste herum und sagte dann: ,Selbstverwirklichung’. Ich lachte ihn aus. Die meisten Menschen hätten nach meinem Eindruck gar nicht genug Selbst, das verwirklicht werden könne.“ Nicht immer ein umgänglicher Mann – aber ein hochinteressanter.

– Arnulf Baring: Der Unbequeme. Autobiographische Notizen. Europa Verlag, Berlin 2013. 400 Seiten, 21,90 Euro.

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