Kultur : "Ars Electronica": Hol den Brother raus (Glosse)

Ralph Geisenhanslüke

Was den Menschen im Innersten zusammenhält, sein genetischer Code - das wird heutzutage mit vier banalen Buchstaben ausgedrückt: C, G, A und T. Ähnlich wie bei den Nullen und Einsen der Computerwelt ist damit alles gesagt - und auch nichts. Das ganze Genom eines Menschen passt nun auf ein paar Zeitungsseiten. Da kann man, wie beim Fernsehen, stundenlang draufglotzen und trotzdem nichts verstehen. Wir wissen nur: Dies ist der Übergang vom analogen zum digitalen Menschen.

Schon jetzt zeigen uns Wissenschaftsmagazine ständig Mikropipetten, die Erbgut in Eizellen injizieren. Anhänger des guten alten GV (sprich: Geschlechtsverkehr) könnten sich schon bald fühlen wie Neandertaler. Ficken? Das war gestern. Künftige Generationen werden nach dem Prinzip Cut, Copy, Paste angefertigt.

Die Organisatoren der "Ars Electronica" wollen diesem Trend nicht tatenlos zusehen. Das Festival im österreichischen Linz, sonst eher der Computerkunst und den neuen Medien gewidmet, hat sich dieses Jahr ein - noch - ziemlich organisches Thema vorgenommen: "Sex im Zeitalter seiner reproduktionstechnischen Überflüssigkeit". Und da Christoph Schlingensief bereits bewiesen hat, dass man mit Containern in Österreich einigen Wirbel verursachen kann, steht ein solcher ab Samstag auch auf dem Hauptplatz zu Linz.

Drinnen aber hocken keine Zladdies und auch keine hochdekorierten Aktionskünstler, sondern der Molekularbiologe Reinhard Nestelbacher und seine emsigen Mitarbeiter. Bei ihnen kann jeder Besucher mal seinen Brother rausholen - und eine Samenprobe abgeben, die dann auf ihre ultimative Fitness untersucht wird: Vitalität, Morphologie, Mobilität. Alles streng nach den Kriterien der WHO, der guten alten Weltgesundheitsorganisation.

Weil die Spermienqualität gerade in zivilisierten Ländern ständig abnimmt und mit massiven Ängsten besetzt ist, hat das "Science education team" sich auf den Kittel geschrieben, mit ein wenig Spaß aus dem Dunkel ihres Laboratoriums an die Öffentlichkeit zu gehen. "Sexualität und Erotik als Schnittstelle zwischen Natur und Kultur", wie es im Programm der "Ars Electronica" heißt, klingt aber nicht wirklich sexy. Deshalb gibt es auch analoges Anschauungsmaterial: Beim "Samenrennen" nämlich soll jeweils täglich ein Sieger gekürt werden.

Die österreichische Massenpresse empört sich schon jetzt über das "Kunstwichsen", und das Linzer "Neue Volksblatt" formuliert skalpellscharf gegen die "sensationsgeile Mediengesellschaft". Natürlich hat auch die FPÖ schon was gesagt. Ist halt ein empfindlicher Punkt.

Aber die Herrschaften können sich beruhigen. Vor dieser Untersuchung muss sich niemand fürchten. Wie der Biologe in einem Interview versicherte, kann Mann die Probe ebensogut auch von zu Hause mitbringen. Also für alle, die es ein wenig schlichter mögen: Entspannt zurücklehnen und ein paar Seiten Josefine Mutzenbacher - dann klappt das schon.

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