Kultur : Ars Electronica: Weiber, Kerle und was es sonst noch alles gibt

Claudia Lenssen

Mit der Biotechnikdebatte bekommen alte Frauenbilder wieder Neuigkeitswert. Nachrichten über unser ererbtes biologisches Verhaltensrepertoire stehen unvermittelt neben den Fragen, was die moderne Emanzipation am weiblichen Geschlecht verändert hat. Millionen Jahre Entwicklung unserer Spezies, zahllose homologe Eigenschaften, die uns mit den Affen verwandt machen, sollen zur Erklärung unserer Sexualität taugen. Die knapp zwei Jahrhunderte lang geführte Geschlechterdebatte - Widerspruch gegen die Idee, Frauen seien bloße Naturwesen - kommt in dieser Perspektive nicht vor. Frauen suchen sich ihre Sexualpartner nach Geruch, Größe, Alter und Status aus. Die Nachricht gibt sich neu, indem sie alle Sinnlichkeit an die Fortpflanzung bindet. Sex als Sex, die Entkoppelung von Reproduktion und Lust, ist im biologischen Erklärungsmodell nicht enthalten. Der Rückgriff auf die biologischen Ursprünge ist populär, als könnte man sich vorab ein Bild von dem Unbegreiflichen machen, das in den Datenkolonnen der Gen-Protokolle verborgen liegt. Aber wo sind die neuen Muster gespeichert?

Linz hat ein Festival, auf dem digitale Kunst, Natur- und Humanwissenschaften zusammentreffen. Die "Ars Electronica" - ein Symposium, zahlreiche Aktionen und Installationen - drehte sich in diesem Jahr um "Next Sex", die Frage, wie es mit den Geschlechtern im Zeitalter der Reproduktionstechnologien weitergeht. Kommen mehr Freiheiten oder mehr Monströsitäten auf uns zu? Gibt es eine gemeinsame Sprache zwischen Technologen und Kritikern?

Sex-Arbeit und keusche Ideale

Zwei Tage im barocken Ursprungsort der Linzer Torte, einem durchrenovierten Einkaufsstädtchen, das sich entlang der Donau zum modernen Industriestandort entwickelt, waren auch eine Reise zwischen Realem und Irrealem. Morgens der Blick auf Adalbert Stifters Haus, der einst vom keuschen Ideal des biedermeierlichen Arbeitslebens schrieb, tags die Nähe der vielstimmigen Bild- und Klangwelten, abends das Angebot, das Leben von Sex-Arbeiterinnen kennenzulernen - Immigrantinnen oder Dienstleisterinnen im Grenzgebiet, die mit ihrem Körper, ihrem einzigen Kapital und Sprachvermögen, haushalten müssen.

Die eingeladenen Künstler hatten zu "Next Sex" wenig zu zeigen. Das australisch-israelische Team Catts/Zurr/Ben-Ary experimentiert mit Gewebekulturen von Mäusen, pfropft sie auf wollene gualtematekische Sorgenpüppchen und brütet so im Bioreaktor halb lebendige, geschlechtslose Spielzeuge aus, eine Art Tamagochis für Wissenschaftsfreaks. Die Portugiesin Marta de Menezes verändert mit der Pinzette die Flügelzeichnung von Schmetterlingen beim Ausschlüpfen. Ihre kurzlebigen Kunstwerke täten den Tierchen nicht weh, sagte sie und lud zum Besuch eines Biotops im Plastikzelt ein. Anders als diese hybriden Spiele präsentierten die anderen Beiträge neue Welten menschlicher Sexualität. Technik stützt darin entweder die Fortpflanzung oder die Lusterfahrung. Der Norweger Stahl Stenslie, mit 30 immerhin "Vater" des Cybersex, beschwor eine globale "Life-Art", "Bodytainment" als Lebensperspektive. Netzwerktechniken direkt zur Körperstimulation, als Droge - leider zeigte er nicht, wie das funktioniert. Ein Schöpfertraum, was der japanische Gynäkologe Nobuya Unno erreichen will: die heikle Überlebensfähigkeit eines frühgeborenen Fötus durch eine künstliche Placenta sichern. Es klappt (noch) nicht mit dem Pseudo-Fruchtwasser, in der gläsernen Uterus-Simulation, im Hellen, ohne akustischen Kontakt zur Mutter, ohne Schwerkraft schwebend. Nach 150 "verlorenen" Ziegen-Föten will sein Team nun die Versuchsanordnung ändern.

Der Chemiker Carl Djerassi, Erfinder der Verhütungspille, kokettiert mit einem generösen Schöpfertraum. Mit einer Theaterszene propagierte er in Linz die kommende endgültige Scheidung von Fortpflanzung und Sex. Die Idee: Männer und Frauen legen jung - wenn Sperma und Eier noch volle Leistung erbringen - ihre Konten in der Tiefkühlbank an, lassen sich dann sterilisieren, widmen sich der Karriere und dem sexuellen Vergnügen, bis sie den Familien-Rohstoff auftauen und befruchten wollen. ICSI heißt die Methode, mit der ein Testsieger-Spermium gezielt in ein reifes Ei und dieses dann in den Uterus implantiert werden kann. Das Nonplusultra der Szene: eine Frau befruchtet sich ganz autonom, der innere Vorgang wird unters Labormikroskop verlegt.

Carl Djerassi strahlte sonore Zufriedenheit aus. Er hat die Zukunft schon hinter sich. Die Entkoppelung von Lust und Fortpflanzung ist seit 40 Jahren durch seine Verhütungspille Realität. Überall da, wo Frauen Ausbildungschancen, Arbeit und formale Gleichberechtigung besitzen, hat ihnen die Geburtenkontrolle mehr Selbstbestimmung gebracht. Aber Familienplanung ist für eine wachsende Zahl von Frauen nicht selbstbestimmt. In China herrscht seit einer Generation der Zwang zur Ein-Kind-Familie. Um dennoch die traditionelle Bevorzugung von Söhnen durchzusetzen, nutzt man die vorgeburtlichen Tests zur Geschlechtsbestimmung und treibt weibliche Föten ab. Inzwischen leben 30 Millionen mehr Männer als Frauen in China. Man rücke nun offiziell vom Ein-Kind-Modell ab, nicht von der tradierten Geschlechterpolitik, erklärte der Soziologe Xin Mao. Ein-Kind-Familien seien für Chinas Zukunft "not practical".

Auch in Indien dient die Familienplanung in erster Linie der Sicherung der männlichen Erblinie; meist werden die Frauen nach der Geburt eines Sohnes zwangssteriliert. Auslese, die Horrorprophezeiung der Zukunftskritiker, ist längst Wirklichkeit in den großen Populationen. Sie ist ein mindestens ebenso mächtiger sozialer Faktor wie die Folgen des Verhütungsverbots in fundamentalistischen Gesellschaften. Arme Länder mit Kinderüberschuss, reiche mit einer wachsenden Zahl von Alten, sieht Djerassi als die großen konträren Lager. Die biotechnische, biomedizinische Forschung orientiere sich an den geriatrischen mit ihrem kapitalstarken Drang nach Luststeigerung und Lebensverlängerung. Nicht die Verhütungspille für den Mann habe Shareholdervalue, sondern die Potenzpille.

Zwischen den Geschlechtern

Randy Thornhill ist sich sicher, dass Vergewaltigung ein genetisch gespeichertes männliches Verhalten ist, durch Anpassung und Auslese von den Primatenhorden auf den Homo sapiens vererbt. Treuherzig konstatierte der Evolutionsbiologe aus New Mexico die Kränkung der Humanwissenschaftler, die gegen seine zoologisch-anthropologischen Beweisketten nur Emotionen aufzubieten hätten. Sergio Messina surfte im Evolutionsprodukt Internet auf und brachte "Next Sex" auf die Opulenz der Fantasie zurück, auf die zahllosen Objekte des Begehrens im nichtkommerziellen Porno-Underground, die mit bizarrer Grandezza und ungeschönter Körperlichkeit präsentiert werden - die heiklen Themen Kindersex und Brutalität außen vor.

Wie geht es weiter mit Liebe, Begehren, Gefühlen, dem produktiven Chaos der symbolischen Zeichen? "Next Gender" kam zu kurz, das "soziale Geschlecht", ohne das das biologische nicht lebensfähig ist. Wie soziale Regeln und Normen Frauen und Männer erst machen, ist ein Gemeinplatz, ein Machtfaktor, eine Geschäft - ein Zwangssystem und dennoch nicht unveränderbar. Fühlt sich zum Beispiel jemand fremd in seinem Körper, dann ist "Transgender" fast nur in einer Subkultur lebbar; der Staat verlangt eine klare Zuordnung in den Papieren, ein Dazwischen ist nicht erlaubt. Aber zurück zu den Frauen: Nehmen wir ihr soziales Geschlecht heute, wo Brutinstinkte mit Aufschub in andere Lebenspläne integriert oder "vergessen" werden. Ein Zug von "Transgender" macht sie doch gerade kompatibel mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Die Stimmen sind tiefer geworden, die Frisuren kürzer, die maskulinen Modeattribute schon lange festes Repertoire. Der Blazer ist die Uniform, die den Anspruch auf letzte Männerdomänen symbolisiert. Emotionale Intelligenz wird jetzt umgewidmet in ein Zukunftskapital für Karrierefrauen - nicht weil die gesellschaftliche Macht den Frauen gehört, sondern weil sie Lernstoff für flexible Männer abgibt. Partner sind auch Konkurrenten. Wie reagieren die Instinkte in Zukunft darauf?

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