Ars Nobilis : Leben im Luxus

Auf der Jubiläumsschau der Ars Nobilis trumpfen 52 Händler mit erstklassigen Objekten auf

Michael Zajonz
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Ruhezone. "Anbetung der Heiligen Drei Könige" aus dem 15. Jahrhundert. -Foto: Galerie Neuse

Amor und Ratio, zwei meisterhaft gearbeitete Statuetten aus Terrakotta, zieren die Kaminuhr, die der Münchner Kunsthändler Klaus Spindler zur 10. Ars Nobilis nach Berlin mitgebracht hat. Gefühl und Verstand, Sinn und Sinnlichkeit: Könnte es eine passendere Botschaft an die Liebhaber alter Kunst geben?

Spindlers ungewöhnliche Luxuspendule (24 000 Euro), wurde nicht vom Uhrmacher, sondern vom Pariser Bildhauer Henri Victor Roguier 1815 signiert und datiert. Gerade bei der 10. Ausgabe der Berliner Spezialmesse für alte Kunst bemühen sich die Händler um höchste Qualität. Und – das ist vielleicht das Schönste an dieser schönen Messe – um eine originelle Leichtigkeit, die nicht eben typisch für den deutschen Kunsthandel ist. Amor und Ratio: Es ist viel Leidenschaft von Händlerseite bei dieser Messe zu erleben. Rein kaufmännisch bleibt Berlin für alte Kunst ein schwieriges Pflaster, wie die Bauchlandung der Sculptura im letzten Jahr gezeigt hat.

36 Aussteller mit eigenem Stand und 16 Gastaussteller bei der Modellen jeder Art gewidmeten Sonderschau „Große Kunst im kleinen Maßstab“: eine Rekordbeteiligung, die die Räumlichkeiten im Automobil Forum Unter den Linden an ihre Grenzen treibt. Wichtige Händler wie der Möbelspezialist Otto von Mitzlaff oder Röbbig aus München nehmen nicht mehr teil, dafür Neuzugänge wie die Ostasiatica-Spezialisten Peter Hardt (Radevormwald) und Günter Venzke (Berlin, als Gastaussteller). Das ist Messealltag, die Ars Nobilis wird erwachsen. Neu dabei sind in diesem Jahr die Berliner Design-Galerien, die schon im September mit einem Rundgang auf sich aufmerksam machten. Leider besaßen die Veranstalter nicht den Mut, die Designanbieter gleichwertig in den Parcours zu integrieren. Es bleibt, wie bei der letzten Tefaf in Maastricht, beim Luxus-Ghetto im Obergeschoss. Dabei hätte man das Paar Salonstühle, um 1925 vom ungarischen Architekten und Designer Lajos Kozma in schönstem Neorokoko entworfen (Lampedo Kunsthandel Berlin, 4800 Euro), zu gern neben ähnlichen Sitzmöbeln aus dem 18. Jahrhundert gesehen.

Zum Glück sind auch unten bei der „alten“ Kunst gewagte Diagonalblicke möglich. Etwa zwischen den Biedermeiermöbeln von Schlapka (München) und Johanna Breedes Präsentation „Köpfe“: Porträtfotografien in beredtem Schwarzweiß von Liselotte Strelow, Hannes Kilian, Stefan Moses und anderen (bis auf Ausnahmen nur 800–2000 Euro). Schlapkas Eyecatcher sind ungleich teurer: Ein seltener Sechsersatz schlanker Berliner Mahagoni-Stühle nach einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels kostet 120 000 Euro.

Thomas Schmitz-Avila (Bad Breisig) hat neben einem Joseph Schneevogel und Christian Sevening – beide arbeiteten ebenfalls nach Schinkel-Entwürfen – zugeschriebenen Nähtisch (15 800 Euro) auch ein anonymes Berliner Nähtischchen um 1830 von bester Qualität dabei. Ohne Zuschreibung an einen bekannten Tischlermeister oder Entwerfer kostet so ein Spitzenmöbel deutlich unter 5000 Euro. Faire Preise ruft auch der Berliner Händler Ernst von Loesch auf. Mehr als nur dekorativ ist die Folge von 15 Blättern mit technischen Zeichnungen und handgeschriebenen Texten des um 1800 in St. Petersburg tätigen Münzmeisters Joseph Mayor zur Münzherstellung (6400 Euro).

Die Gold- und Silberschmiedekunst ist mit großen und kleinen Preziosen vertreten. Anat Isman-Fender (Hamburg), mit dänischem Silber des 20. Jahrhunderts erstmals auf der Ars Nobilis, bietet ein Teeservice-Kernstück der Aarhuser Silberschmiede Franz Hingelberg, um 1945, für 8800 Euro an. Ulf Breede verweist auf eine anmutige französische Pegasus-Brosche (9500 Euro), um 1930, aus Elfenbein, Gold, Platin und Diamanten. Neuse (Bremen) punktet mit einem 23,3 Kilo schweren Monumentalhumpen aus dem Hochzeitssilber des späteren Kaisers Wilhelm II. Für das 1881 von der Provinz Sachsen geschenkte Prunkstück aus vergoldetem Silber mit Emaillewappen und Schmucksteinbesatz wird ein Gegenwert im sechsstelligen Bereich erwartet.

Die ebenfalls bei Neuse gezeigte qualitätvolle Altartafel „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ eines Würzburger Meisters um 1470 kostet dagegen nur 65 000 Euro, zwei Dominikus Stainhart zugeschriebene Elfenbeinreliefs nach Kupferstichen des Römischen Barockgenies Carlo Maratta schlagen mit schlanken 18 000 Euro zu Buche (Kunstkammer Georg Laue, München). Laues Schwester Ariane Laue, erstmals auf der Ars Nobilis, bietet ein zerlegbares und penibel in seinen Einzelteilen beschriftetes Papiermaché-Modell eines Maikäfers an, das um 1875 in der Lehrmittelfabrik des Arztes Jerôme Auzoux entstand (14 500 Euro). Anders als die Kunst christlicher Thematik passt es problemlos in jedes moderne Ambiente. Es ist das Beglückende dieser Messe, viele solcher Paralleluniversen gleichberechtigt vorgeführt zu bekommen, Händler wie den Orient- und Islam-Spezialisten Gerhard Fulda (Iznik Galerie Berlin) zu seinen über 400 Jahre alten Spitzenstücken ausfragen zu dürfen. Nur so entsteht echte Leidenschaft.

Ars Nobilis, Unter den Linden 21; bis 15.11., Mo-Fr 11-20 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr.

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