Ars Vitalis : Therapie zwecklos

Das hochkomische Bühnentrio Ars Vitalis schreddert Sprache und Musik – neuerdings auch im Film. Der wurde am Mittwoch uraufgeführt.

Knud Kohr

Drei Männer ziehen einen alten Koffer an Stricken durch einen grellweißen Raum, bis sie mit den Köpfen gegen eine Wand stoßen. So beginnt der 66-minütige Film „Die Enkel des Pierre de Naufrage“, der vergangenen Mittwoch im Babylon-Mitte uraufgeführt wurde. Der Film ist ein Selbstporträt aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Trios Ars Vitalis, das von Anfang an aus Klaus de Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher besteht. Sie trafen sich Ende der siebziger Jahre in der politischen Protestszene von Leverkusen und treten seit 1980 gemeinsam auf. Will man beschreiben, was die drei auf der Bühne tun, wird es schwieriger.

„Musik als Theater“, so beschrieben die drei ihr Konzept anfänglich selbst. Und haben von außen schon so ziemlich jedes Etikett aufgepappt bekommen. Von „Gesamtkunstwerk“ bis „Mikrobenkunst“, von „Tragödie“ bis „Kafka meets Gershwin“. Eine typische Nummer geht so: Drei Männer sitzen nebeneinander mit Zetteln in der Hand, als wollten sie etwas vorlesen. Dann beginnen sie, sich die Zettel aus der Hand zu nehmen, sie umzudrehen und zu falten. Daraus entsteht ein Rhythmus, und plötzlich rollt einer der Männer seinen Zettel zur Trompete und spielt ein quäkiges Solo.

Oder so: Die drei gruppieren sich um einen Stuhl und kündigen eine Menschenpyramide an. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen stellt sich Klaus de Huber auf den Stuhl. Sagt etwas Unverständliches, während die beiden anderen sich zur Schlusspose an seine Beine krallen. Zu ihren Instrumenten zählen neben Gitarre, Schlagzeug und Saxofon auch Blasebalg, Pusterohr und Handfeger. „Man hat uns schon vorgeschlagen, ob wie nicht zusammen zur Therapie gehen sollten“, sagt Buddy Huber. „Aber ein Therapeut würde dem Bühnengeschehen gar nicht guttun. Am Ende würde ich die anderen noch verstehen, das wäre langweilig.“

„2007 kamen Ars Vitalis zu uns“, sagt Wolfgang Horn von der Produktionsfirma Pick-up Media, „um einen Livemitschnitt in Auftrag zu geben. Das fanden wir blöd, und daraus entstand die Idee zu einem Selbstporträt im Film. Das führte zu einer Produktionszeit von zweieinhalb Jahren.“ Die drei schleppten uralte Videoaufnahmen an, die selbst mit modernsten Mitteln kaum aufbereitet werden konnten. Und wann immer die Firma einen Rohschnitt vorschlug, verzog sich Klaus de Huber in den Schnittraum und ließ davon so gut wie nichts übrig.

Wenn die drei im Film nicht einen Koffer herumzerren, dann betrachten sie kaputtgespielte Instrumente wie Trophäen. Immer wieder wird überblendet zu Videoschnipseln, die manchmal wie ein Bild an der Wand hängen. Auf der Bühne sind Ars Vitalis immer allein zu dritt. Mit einer Ausnahme: In den vergangenen Jahren holten sie sich mehrfach Meret Becker als Partnerin dazu. Mit ihr waren sie sogar schon auf Tournee in Japan. Ars Vitalis hatten schon immer ein enges Verhältnis zu Berlin: 1992 spielten sie zur Eröffnung der Bar Jeder Vernunft.

Der Film ist übrigens nach einem belgischen Schleusenwärter benannt. Pierre de Naufrage erfand in seiner Freizeit Geräte, die aus den Umweltgeräuschen gewisse Frequenzen herausfiltern konnten. Und aussahen wie grotesk nachbearbeitete Micky-Maus-Ohren. „Auf unsere Art machen wir was Ähnliches“, sagt Wilmanns im Film. Wenn Ars Vitalis Stücke von beispielsweise Dizzy Gillespie covern, „dann lassen wir ja auch Töne aus“.

Nach der Sommerpause werden Ars Vitalis sich wieder zusammensetzen, um ein neues Programm zu entwickeln. „Als Erstes suchen wir uns einen Bogen für das Programm“, erklärt Sacher. Die Bögen der letzten vier Programme kamen aus der griechischen Mythologie und orientierten sich an den Elementen. „Feuer. Oder Wind“, so Sacher. „In dem letzten Programm pusten wir uns in einer Nummer dauernd an. Das ist unsere Interpretation der Ikarus-Geschichte.“

Auch für die Texte von Ars Vitalis, die manchmal klingen, als hätten sich Hugo Ball und Samuel Beckett zusammengesetzt, gibt es eine einleuchtende Erklärung. „Wir nehmen etwa Sagentexte, und dann schicken wir sie durch verschiedene Sprachcomputer. Bei jedem Durchgang werden sie mehr verstümmelt, so dass nur noch wir selbst sie am Ende verstehen können.“ Kein Wunder, dass das Publikum nach einem Abend mit Ars Vitalis verzückt, aber auch verstört zurückbleibt. „Neulich hat mich mal eine Frau angesprochen“, sagt Wilmanns. „Als ihr nach der Pause zurück auf die Bühne gekommen seid, war das der Sündenfall? Ich weiß nicht, was die wollte. Aber ich sag bei so was einfach immer ’ja’!“

Ars Vitalis spielen ihr Programm „Fahrenheiten“ vom 14.–16.5. im BKA-Theater.

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