Art Basel : Augen auf beim Ohrenkauf

Erst Hype, dann Flaute, nun Normalität: Die Art Basel gibt sich stabil in Zeiten der Unsicherheit.

Christiane Meixner
McCall
Licht im Dunkel. Eine Installation von Anthony McCall in der "Unlimited"-Sonderaustellung. -Foto: dpa

Brad war auch wieder da. Eigentlich sollte man es nicht mehr erwähnen, weil längst jeder weiß, dass der Schauspieler so etwas wie ein Wiedergänger der Art Basel ist. Dennoch suggeriert seine Anwesenheit ein Stück Normalität für Europas wichtigsten Kunstumschlagplatz, von dem bis zur Vernissage niemand wusste, was denn nun eigentlich noch geht. Brad Pitt hatte aber auch konkret etwas dabei: eine runde Million Dollar für eines der beiden Gemälde von Neo Rauch, die in der New Yorker Galerie Zwirner hingen.

Seine Entscheidung fiel für „Etappe“, ein Bild von 1998, auf dem sechs Männer allerlei seltsame Arbeit verrichten. Ihr Ziel ist nicht klar, doch die Anstrengung sieht man ihnen an. Gleiches galt am Eröffnungstag für jene gut 300 Galeristen, die während der exklusiven Preview an ihren Ständen auf Sammler warteten. Obwohl sich das Gedränge in den Gängen nicht wesentlich vom Vorjahr unterschied, wurde schnell klar: Mit jenen russischen oder amerikanischen Käufern, die einen hysterischen Wettlauf um das teuerste Bild, das beste Schnäppchen erzeugt hatten, ist nicht mehr zu rechnen.

So manchen Galeristen freut diese neue Enthaltsamkeit. Junge Sammler erzählen, dass sie nun wieder gesehen werden. Natürlich findet die veränderte Situation auch in der Kunst ihren Wiederhall. Die Qualität der Werke von über 2500 Künstlern ist schier überwältigend, das Spektakuläre zieht sich dagegen fast gänzlich zurück. Bombastisch ist allenfalls ein elf Meter langer Fries von Andy Warhol, den die Züricher Galerie Bischofsberger in ihrer Koje hat. Das „Big Retrospective Painting“ von 1979 versammelt mehrere charakteristische Motive des Pop-Artisten. Das lässt den Preis klettern: 74 Millionen Dollar kostet der potenzierte Warhol. Dagegen wirken die Klassiker anderer Galerien – das Porträt „La Famille du Jardinier“ von Pablo Picasso (1965) bei der US-Galerie Richard Gray für 6,5 Millionen Dollar oder Mirós „Femme et Oiseaux dans la Nuit“ aus den späten sechziger Jahren für sechs Millionen Dollar bei Helly Nahmad aus London – erschwinglich. Beide waren am zweiten Tag verkauft.

Auch andere Galerien blickten zufrieden auf die ersten Tage. Aus Berlin sind unter anderem Carlier / Gebauer, Klosterfelde, Thomas Schulte, Eigen + Art, Contemporary Fine Art, Neugerriemschneider und Barbara Weiss angereist. Sie alle haben nicht nur verlässliche Sammler, sondern auch hochkarätige Kunst, die man aus Überzeugung kauft. Wenn man einen Draht zur unmittelbaren Gegenwart hat.

Andere Käufer verlassen sich auf die hochpreisigen Stände etwa von Moeller Fine Art aus New York oder eines Giganten wie Marlbourough mit inzwischen sieben internationalen Dependancen. Dazwischen aber geschieht auf der 40. Art Basel noch etwas. Das hängt zum einen von der Biennale in Venedig ab, die diesmal auf Entdeckungsreise geht, statt bloß die großen Namen zu spielen. Wer dort vertreten ist, den haben die Galerien für Basel eingepackt, um mögliche Nachfragen sofort zu bedienen – unaufdringlich, aber geschäftstüchtig. So gibt sich die wunderbare Lichtskulptur „Splash“ von Ceal Floyer am Stand von Esther Schipper (Berlin) nur dem zu erkennen, der zufällig auf den dunklen Boden schaut.

Die Performance-Pionierin Jonas Joan ist bei gleich drei Galerien (Crown Point, Lambert und Wilkinson) vertreten, und auch Sara Ramo wäre von ihrer Galerie Fortes Vilaça (Sao Paulo) zwischen Künstlern wie Franz Ackermann oder Ernesto Neto kaum so prominent platziert, könnte man sie nicht im wichtigen Venedig sehen.

Doch noch etwas kristallisiert sich auf dieser Messe heraus: In den Kojen hängen weit mehr Arbeiten, die sich gar nicht mehr bewähren müssten, weil sie das Ergebnis langjähriger, solider Arbeit sind. In den vergangenen Jahren hat der Handel so gebannt auf junge, marktfrische Ware gestarrt, dass ihm einige Künstler ganz zu Unrecht aus dem Blickfeld geraten sind. Da hängt bei Hans Mayer aus Düsseldorf neben einer famosen, aber auch teuren abstrakten Malerei von Helen Frankenthaler (90 0 000 €) eine schwarzweiße Fotoarbeit von Jürgen Klauke aus den frühen achtziger Jahren. Für „Absolute Windstille“ hat sich der Künstler einen Eimer über den Kopf gestülpt und 13 Mal unaufgeregt in Szene gesetzt. Dass man vor ihnen nun entweder an die aktuelle Finanzflaute oder aber das berüchtigte Waterboarding in Guantanamo denkt, kann Klauke nicht vorhergesehen haben. Dass seine Fotografien trotzdem beklemmend zeitnah sind, spricht für eine Arbeit, die man für 58 000 Euro erwerben kann.

Ein anderer Tipp ist die kleine US-Galerie Crist. Sie hat es mit ihrer Bewerbung auf Anhieb zur Art Basel geschafft – dank der großartigen Blätter von James Castle, der ohne Hörvermögen und als Analphabet 1977 im hintersten Winkel von Idahoe gestorben ist. Sein Erbe zählt Hunderte loser Blätter mit intensiven figurativen Zeichnungen, die zwischen 8300 und 235 000 Dollar kosten. Hier aber hilft das Sammeln mit den Ohren nicht, wichtigster Parameter ist der eigene Geschmack. Ein Risiko, natürlich. Doch riskant war auch das Jonglieren der jüngsten Vergangenheit mit am Ende absurden Profiten beim Kunstverkauf.

Business as usual, dorthin möchte die Art Basel zurück und arbeitet hart daran in diesen Tagen. Dazu gehört aber auch der Raum für Entdeckungen – dieser Anfang immerhin ist gemacht.

Art Basel, bis 14.6., www.artbasel.com

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