Kultur : Art Forum Berlin: Die Kunst der Stunde

Katrin Wittneven

"Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?" fragten die Guerrilla-Girls 1989. Auf riesigen Plakaten wiesen sie daraufhin, dass "weniger als 5 Prozent der Künstler in der Abteilung Moderne Kunst Frauen, aber 85 Prozent aller Akte weiblich sind". Inzwischen scheint die Beteiligung von Frauen selbstverständlich zu sein. Ein erster Blick über die Messe oder auf die Galerien dieser Stadt bestätigt dies: Louise Bourgeois in den Räumen der Galerie Fahnemann in der Fasanenstraße, Cosima von Bonin bei gleich drei Galerien auf der Messe (Ascan Crone, Christian Nagel und Michael Neff), Angela Bulloch (Schipper & Krome und Hauser & Wirth & Presenhuber). Keine Frage, Kunst von Frauen ist en vogue.

Thematisierten die Vorreiterinnen dieser Entwicklung in den siebziger Jahren die eigene Weiblichkeit, den eigenen Körper und seine Verletzbarkeit, steht in der jüngeren Generation das Frauenthema nicht an erster Stelle: "I am not the girl who misses much" nannte die 1962 im Rheintal in der Schweiz geborene Pipilotti Rist eine Videoarbeit. Eine Ausstellungsreihe in St. Gallen, Graz und Hamburg nannte sie "Ausgeschlafen, frisch gebadet & hoch motoviert". Feminismus ist für sie Ehrensache. Die Kunst der Frauen hat sich von ihren eignen Zielsetzungen emanzipiert. Zwar greifen viele Künstlerinen aktuelle Themen wie Identität, Intimität oder die eigene Biografie auf, wie die 1963 in London geborene Tracey Emin. Aber das ist keineswegs zwingend. Ebenso selbstverständlich sind konzeptuelle Projekte wie die der Berliner Künstlerin Maria Eichhorn oder die agressive Malerei mit betont brutaler Geste der New Yorker Künstlerin Cecily Brown.

Die Quotenfrage scheint in solch rosigen Zeiten antiquiert zu sein. Doch nur auf den ersten Blick: Die Übersichtsausstellung "German Open" im Kunstmuseum Wolfsburg im vergangenen Jahr hat sensibilisiert. Unter den 37 Künstlerinnen und Künstler, die in Deutschland arbeiten, waren nur fünf Frauen. Mehr noch als die Quote störte, dass der verantwortliche Kurator Veit Görner sich erdreistete zu behaupten, bei den jungen Künstlerinnen gäbe es nicht die gleiche Qualität wie bei den Männern - und danach im Amt blieb. Glücklicherweise ist Ignoranz eher die Ausnahme: Der Kurator René Block zeigte 1998 als neuer Direktor des Kasseler Fridericianums eine programmatische Gruppenausstellung nur mit Frauen, darunter mit der Iranerin Shirin Neshat, der Neuseeländerin Tracey Moffatt und der in Beirut geborenen Mona Hatoum.

Eine junge Generation von Kunsthistorikerinnen und Kulturwissenschaftlerinnen steht in den Startlöchern und hat nun Chancen, sich zu beweisen. Barbara Steiner, die Direktorin der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig gehört dazu, Rita Kersting, Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf oder Meike Munder von der Halle für Kunst in Lüneburg, die ab 2002 das Zürcher Migros Museum leiten wird. Zwar muss man nach den Frauen, die großen Museen vorstehen, immer noch suchen. Die renommiertesten Häuser werden nahezu ausschließlich von Männern geleitet, aber die künstlerische Produktion von Frauen können diese nicht mehr übersehen.

Einen Einstieg bietet das neue Kompendium "Women Artists" aus dem Verlagshaus Taschen. Mit kurzen Einführungstexten bietet der Band eine Übersicht zu 93 Künstlerinnen. Es ist ein spannendes Werk mit Beiträgen junger Autoren geworden. In lexikalischer Form dokumentiert das Buch die unterschiedlichsten Ansätze von Künstlerinnen: Performance, Video, Malerei, Konzeptkunst. Lücken bleiben auch hier; so ist unverständlich dass die namhafte Malerin Maria Lassnig keine Erwähnung findet.

"Ich kenne keine Literatur von Frauen - nur gute und schlechte Literatur", sagt Marcel Reich-Ranicki über sein Metier. Sicher könnte der Satz auch auf die Kunst übertragen werden. Wenn es nur so einfach wäre.

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