Kultur : Art Forum Berlin: Interview: "Diese Kunstmesse ist ein Geschenk an die Stadt"

Welche Neuerungen wird es auf dem Art Forum Berlin

Seit Mai 1996 ist der Berliner Galerist Volker Diehl (44) Geschäftsführer der European Galleries, dem Gründungsgremium des Art Forum Berlin. Zum Jahresende löst sich die Projektgesellschaft auf, Diehl wird sein Amt niederlegen. Die Kunsthistorikerin Sabrina van der Ley (34) war Kustodin der Sammlung Hoffmann in Berlin bevor sie im Januar letzten Jahres sie Projektleiterin der European Galleries wurde. Sie gehört auch zukünftig zum Leitungsteam der Messe.

Welche Neuerungen wird es auf dem Art Forum Berlin geben?

Sabrina van der Ley: Im letzten Jahr haben erstmals Künstler die Ruhezonen für die Besucher gestaltet. Diese Lounges haben wir noch erweitert. Die wichtigste Neuerung aber sind die "Project Spaces", die den Sektor "Junge Galerien" ersetzen. Da der Fokus der Messe insgesamt noch stärker auf zeitgenössischer Kunstproduktion aus den letzten drei bis fünf Jahre liegt, ist diese Bezeichnung obsolet geworden. Jetzt haben wir günstige Stände für kommerzielle Galerien aus Osteuropa und für von Künstlern geführte Projekträume wie Trafó aus Budapest reserviert.

In diesem Jahr sind 172 Galerien dabei, das sind zehn mehr als im Vorjahr und 35 mehr als im Gründungsjahr 1996. Wann ist ein Limit erreicht?

van der Ley: Jetzt. Mehr Platz gibt es einfach nicht. Doch der Andrang qualitätvoller Galerien war enorm. Man muss bedenken: Inzwischen sind Kunsthändler aus 28 Ländern vertreten. Trotz der Ereignisse vom 11. Sebtember gab es kaum Absagen - weniger als fünf Prozent.

Mit der Art Miami gibt es im Dezember eine weitere Kunstmesse internationalen Rangs. Wie positionieren Sie das Art Forum Berlin?

Volker Diehl: Unangefochten bleibt die Art Basel die Nummer eins. Der Standort Miami als Tochtermesse von Basel ist ein Experiment und muss sich erst noch bewähren. Das Art Forum Berlin hat sich dagegen mit der Konzentration auf den Nachwuchs einen ganz eigenen Raum erobert. Vergleichbar ist allenfalls die "Armory Show" in New York. Alle anderen Messen zeigen Kunst aus dem gesamten Jahrhundert.

Ein Berliner Spezifikum sind die Gemeinschaftsstände mehrerer Galerien.

Diehl: Das übrigens von der Art Miami kopiert wird. Berlin ist in vielen Fragen Trendsetter. Selbst die Art Cologne hat viel von uns übernommen: weniger Galerien, höhere Wände, kürzere Laufzeit.

Wollen Sie mit dem Rahmenprogramm aus Diskussionen und Performances auch Trends setzen?

van der Ley: Vor allem ist es ein konkretes Vermittlungsangebot. Die Messe richtet sich schließlich nicht nur an Fachkreise, sondern ist eine Publikumsmesse. Ein Panel veranstalten wir in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Diskussion "Europe United" etwa ist Auftakt zu einer Reihe, die in den kommenden Jahren verschiedene EU-Beitrittskandidaten und ihre kulturelle Situation vorstellt.

Welche strukturellen Wechsel stehen bevor?

Diehl: Der Prozess war schwierig: 14 Galeristen hatten den Idealismus, und den Wahnsinn, diese Messe aufzubauen. Nach sechs Jahren geben sie jetzt das Kind aus den Händen. Auch ich werde mich ausschließlich auf meine Galerie und andere Projekte konzentrieren. Von den alten Gesellschaftern wird vorraussichtlich nur der Kölner Galerist Christian Nagel dabei bleiben. Die European Galleries lösen sich auf, die Berlier Messegesellschaft wird die Verantwortung übernehmen, was dem Art Forum zusätzliche finanzielle Stabilität geben wird. Für inhaltliche Fragen ist zukünftig ein Beirat zuständig, der alle zwei Jahren neu gewählt wird. Dieser Beirat wählt die Zulassungsjury und hat Mitsprache bei dem Einsatz der Sponsoringgelder, ist aber nicht mit dem alltäglichen Geschäft belastet.

Geben Sie mit der Angliederung an die Messegesellschaft nicht auch einen Teil der Unabhängigkeit und der Kontrolle auf?

Diehl: Wir geben vor allem die Logistik auf, nicht die Inhalte. Ich hoffe, dass sich schon während der Messe der neue Beirat konstituiert und es auch nach Außen eine sichtbare Übergabe geben wird. Ob die nächste Messe dann im Container, unterirdisch oder im Freien stattfinden wird, ist allein die Entscheidung des neuen Beirats. Vielleicht steht die Messe als Geldgeber in diesem Fall nicht mehr zur Verfügung, möglich wäre das alles. Auch wir hatten immer wieder über ein anderes Gelände diskutiert, etwa am Tempelhofer Flughafen, den Gedanken dann aber verworfen. Bei einer Veranstaltung mit 20 bis 25 000 Besuchern ist das Risiko einfach zu groß, dass die Bauaufsicht die Eröffnung kurzfristig verweigert.

Das Art Forum ist innerhalb von wenigen Jahren eine der erfolgreichsten Messen für zeitgenössische Kunst geworden. Wie empfinden Sie den Rückhalt aus der eigenen Stadt?

Diehl: Das ist ein wirklich unerfreuliches Thema. Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, der so viele Möglichkeiten ungenutzt lässt, nur weil die Politik derartig hinterherhinkt. Nur zwei Beispiele: In den letzten Jahren hatten wir über die Lottogesellschaft Gelder akquirieren können, damit der Hamburger Bahnhof, die Neue Nationalgalerie und das Kupferstichkabinett auf dem Art Forum Kunst erwerben konnten. Die Mittel wurden in diesem Jahr mit der Begründung gestrichen, dass die Galeristen keine Unterstützung brauchen würden, und das Geld unmittelbar an die Künstler gehen solle. Mit der gleichen Begründung hat erstmals auch der Regierende Bürgermeister seinen Messebesuch abgelehnt. Dabei sind Galeristen entscheidend für Künstlerkarrieren. Die Messe ist ein Geschenk und kostet die Stadt keinen Pfennig. Viele der ganz großen jüdischen Sammler, die im amerikanischen Wirtschaftleben eine wichtige Rolle spielen, sind wegen des Art Forums erstmals nach Berlin gekommen. Der Amerikaner Peter Norton beispielsweise, der Erfinder des Virenschutzes für Computerprogramme, kauft jedes Jahr im großen Stil nicht nur bei einer Galerie, sondern bei sieben oder acht. Durch solche Leute lebt die Messe. Herr Wowereit müsste eigentlich ein Essen für diese Besucher geben, um sie in Berlin willkommen zu heißen und sich bei ihnen für ihr Erscheinen zu bedanken.

Wie geht es denn finanziell mit der Messe weiter?

van der Ley: Der neue Vorstand der Bankgesellschaft wird im Dezember entscheiden, ob ein neuer Hauptsponsorenvertrag abgeschlossen wird. Doch auch für den Fall, dass sie sich dagegen entscheiden, kann die Messe überleben. Schon jetzt haben neue Sponsoren Interesse signalisiert. Aber eine Fortsetzung der guten Zusammenarbeit mit der Bankgesellschaft Berlin würden wir begrüßen.

Welche Konsequenzen sehen Sie nach den Anschlägen in den USA für den Kunstmarkt?

van der Ley: Eine gebremste Wirtschaft war in der Vergangenheit nicht unmittelbar auf dem Markt für zeitgenössische Kunst spürbar, sondern trat verzögert ein. Aus meiner Sicht wird der Wunsch nach Kulturgütern in nächster Zeit sogar noch stärker werden.

Diehl: Die Ausmaße der Veränderungen sind heute noch gar nicht überschaubar. Im gehobenen Sektor werden die Schwierigkeiten viel größer sein. Die Arbeiten, die auf dem Art Forum verkauft werden, übersteigen in der Regel nicht die Verkaufssumme von 30 000 Mark. Außerdem ist der europäische Markt in den letzten Jahren viel stärker geworden und nicht mehr allein auf amerikanische Sammler angewiesen. Aber die Anschläge werden vor allem auch Veränderungen im Denken und in der Wahrnehmung der Welt mit sich bringen. Bei aller Annäherung und Globalisierung des Kunstmarktes ist in den vergangenen Wochen auch schmerzlich klar geworden, wie begrenzt diese Sichtweise ist. Schließlich ist nur eine verschwindend kleine Gruppe von Künstlern aus islamischen Ländern auf dem internationalen Markt bekannt.

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