Kultur : Art Forum Berlin: Professionalisierungsprozesse: Die Berliner off-Szene wandelt sich

Claudia Wahjudi

Wenn das Art Forum in den 11 "Project Spaces" neue Namen wie "Maschenmode" oder Joanna Kamm vorstellt, dann stehen diese nicht einfach für zwei weitere Neugründungen auf dem bewegten Berliner Kunstmarkt. Vielmehr verdeutlichen sie den Wandel jener Szene, die Berlins Ruf als Kulturstadt mit geprägt hat - und die jetzt nach neuen Strategien sucht. Denn mit der Stadt hat sich auch der Kunstmarkt in den letzten Jahren rasant verändert. Die Sanierung der Altbauten in Mitte verknappt preiswerte Räume. International renommierte Galerien sind hinzugezogen und haben die Messlatte höher gehängt. Wer da den Anschluss nicht verpassen will, zieht mit.

Das gilt auch für Joanna Kamm: In einer Koje der "Project Spaces" zeigt sie auf dem Art Forum Arbeiten von der Berliner Künstlerin Cornelia Schmidt-Bleek. Kamm ist erst seit März Galeristin. Eine Bekannte vermittelte ihr Gewerberäume in der Almstadtstraße in Berlin-Mitte, deren moderate Miete das Risiko einer Galeriengründung abfedert. Zuvor unterhielt sie in der Gipsstraße einen winzigen Laden, in dem sie kleinere Arbeiten und Editionen unter dem Label "Sammeln Sie Kunst", kurz "S. S. K" von so unterschiedlichen Künstlern wie Dirk Sommer, Julia Ziegler, Rechenzentrum oder Dag preiswert verkaufte. An ruhigen Tagen saß das Publikum in Plüschsesseln und studierte Kataloge: "S. S. K", das war auch niedrigschwellige Kunstvermittlung. Jetzt setzt Kamm auf ein erkennbares Profil und vertritt nurmehr sieben Künstler und Künstlerinnen, unter ihnen Rob Johannesma, Albrecht Schäfer und Gabriele Basch.

Rüdiger Lange sucht noch nach Räumen. Im letzten Jahr war der Kurator und Galerist auf dem Art Forum mit einer Künstlerlounge vertreten, die Achim Kobe gestaltete. Nun musste er im März die Edisonhöfe in der Schlegelstraße verlassen und seinen "loop - raum für aktuelle Kunst" kurzzeitig auf Eis legen. Doch seine Strategie sichert das Weitermachen: Während der Kusthändler Lange nach einer neuen Bleibe ausschaut, tritt der Ausstellungsmacher in den Vordergrund. Lange kuratierte dieses Jahr "Berlin-London" im ICA und "Ortsbegehung" im NBK. Im Oktober zeigt er die Fotoausstellung "Level7" im Parkhaus Treptow.

Vor drei Jahren noch beteiligten sich Kamm und Lange an "ceterum censeo II". Das war so etwas wie eine Leistungsschau, mit der Vereine, Verlage, Label und rund 220 Künstler und Musiker zeitgleich zum Art Forum auf ihre künstlerischen Standpunkte aufmerksam machten - und auf ihre Vernachlässigung durch die Kulturpolitik. Von solch einem Schulterschluss ist man jetzt weit entfernt. "Es war schon 1998 abzusehen", meint Kuratorin Ursula Cyriax heute, "dass die freie Szene für viele Beteiligte vor allem Sprungbrett war".

Was nicht weiter verwundert. Denn nach dem Wunsch, sich langfristig mit der Arbeit von Künstlern auseinandersetzen zu können, kommt gleich der Unwille, sich von der schwindenden Gunst der Immobilienbesitzer und der mangelhaften Kulturförderung abhängig zu machen. Die Berliner Galerienlandschaft hingegen halten die neuen Gründer für ein offenes Feld: Anders als in Frankfurt oder Köln sei hier noch Platz für alle. Nicht kommerzielle Zusammenschlüsse aber, das hat das letzte Jahrzehnt gezeigt, taugen nur auf Zeit - solange Spaß und Aufwand sich verrechnen und solange der Konsens hält. Drei Jahre, das war Schnitt.

Doch ein wichtiges Prinzip der wilden Neunziger hat überlebt. Zum Beispiel in der Galerie Neu: Was 1994 als freies Projekt in der Auguststraße begann, ist längst ein hochprofessioneller Ausstellungsort hinter der Charité geworden - für Arbeiten von Andreas Slominski, Manfred Pernice, Sean Snyder und Josephine Pryde und mit regelmäßigen Messebeteiligungen. Den erfolgreichen Galeristen Thilo Wermke und Alexander Schröder reicht der Verkauf von Kunst allein allerdings nicht. Als Mitglieder jenes Vereins, der den Ausstellungsort "INIT" in einer leer stehenden Kaufhalle gründete, versuchten sie einen Brückenschlag zwischen etablierten und jüngeren Positionen - und mussten ihn nicht zuletzt aus Kostengründen aufgeben. Es bleibt jedoch das Label der Galerie, das mit elektronischen Klängen an die Club-Kultur der "INIT"-Halle anknüpft.

Der Profi neuen Typs ist kein Einzelkämpfer, sondern agiert in Verbünden. Wie Guido Baudach. Erst im Sommer hat er die "Maschenmode", den Projektraum in einem ehemaligen Bekleidungsgeschäft an der Torstraße, als Galerie angemeldet und nimmt nun mit der "Maschenmode Galerie Guido W. Baudach" an den "Project Spaces" teil. Seine Messepräsentation bleibt dem Gruppengedanken verpflichtet. Baudach zeigt eine "konzeptuelle Gesamtschau des Galerieprogramms", sprich: Arbeiten von 17 Künstlern, etwa von André Butzer, Andreas Hofer, Suse Weber und Liu Anping sowie eine Zeichnung von Rachel Lowther aus New York. Zeitgleich zur Messe stellt in den Galerieräumen der Künstler Thomas F. Zipp aus, der schon "dirt" angeregt hatte. Das war jener Treffpunkt in der leer stehenden Fahrschule neben der "Maschenmode", der sich aus einem Konzept von Zipp entwickelt hatte: Ein weiß gestrichener Raum schmutzte allmählich ein, während Künstler und ihre Freunde Bier tranken und Musik machten. Die Kunstwelt - ein sozialer Ort.

Eimal ging die "Maschenmode" auch auf Fahrt nach Lodz. Dort fertigte jeder Teilnehmer eine Arbeit auf Papier für die Zeitschrift "Wandel", die in einer Auflage von 100 Stück erschien. "Treffpunkte sind wichtig, um Gedanken und Pläne zu schmieden", sagt Baudach. "dirt" aber wurde nach einem halben Jahr zu aufwändig und geschlossen, und eine zweite Künstlerreise steht noch in den Sternen. Denn das, was dazu nötig wäre, ist im Zug der allgemeinen Professionalisierung nur schwer zu finden: Zeit für einen gemeinsamen Termin.

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