Kultur : Art Forum Berlin: So nah, so fern: Kunst aus Osteuropa hat es schwer auf dem Markt

Michaela Nolte

Eine Stärke des Art Forums ist die internationale Ausrichtung: In diesem Jahr erhöhte sich der Anteil ausländischer Galerien auf fast zwei Drittel. Doch der Länderproporz bestätigt einmal mehr, dass Nordamerika dem deutschen Kunstmarkt viel näher liegt als die räumlichen Nachbarn Polen, Tschechien oder Russland.

Dabei bot die Ausstellung "After the Wall" im letzten Jahr zumindest den Auftakt zum Dialog und die "Art Forum Talks" ein Podium dazu. Bezeichnenderweise war "After the Wall" eine Initiative des Moderna Museet Stockholm, das zum zehnjährigen Mauerfall die Kunstproduktion in postkommunistischen Ländern thematisierte. Der Berlin-Import stutzte die Schau auf den missing link des aktuellen, weltweit vernetzten Kunstbetriebs zurecht und betonte die generelle "thematische und formale Nähe zeitgenössischer Kunst". Hat also der Osten den Anschluss an den Westen zumindest künstlerisch geschafft? Zweifelsfrei ist Kunst an Qualität zu messen und weniger an nationalen oder geopolitischen Kriterien. Aber vielleicht ist unser Blickwinkel vielmehr nur auf jene Tendenzen ausgerichtet, die Gewohntes garantieren, anstatt neue Lesarten herauszufordern?

Von einer derartigen Neugierde scheint der Markt - nicht nur in Berlin - weit entfernt. Unter 55 Galerien, die sich auf 23 Gemeinschaftsständen präsentieren, bilden Foksal aus Warschau und Locus+ aus Newcastle die einzige Ost-West-Connection. Für den Prager Galeristen Jiri Svestka ist das Art Forum dennoch "eine leider seltene Gelegenheit", einige der regionalen Künstler zu präsentieren. Den ohnehin wenigen heimischen Kollegen attestiert der frühere Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins und Chefkurator am Kunstmuseum Wolfsburg mangelnde Professionalität; konzediert aber vor allem, dass es einen Markt für zeitgenössische Kunst in seinem Land so gut wie nicht gibt. So kombiniert Svestka, ebenso wie die russischen Kollegen von Aidan, Regina und XL, international Renommiertes mit einem regionalen Programm.

In Polen gesellt sich zum Desinteresse der Sammler an Gegenwartskunst momentan eine konservative Stimmung, die deren Vermittlung auch schon mal handgreiflich vereitelt. Während Maurizio Cattelans Installation "Die neunte Stunde", in dem der Papst von einem Meteoriten erschlagen wird, auf der Venedig-Biennale durchaus Anerkennung der Kritiker fand, geriet die Papst-Paraphrase im Geburtsland Wojtylas zum kulturpolitischen Eklat. Eine Petition von 90 Parlamentariern gegen Anda Rottenberg, ehemalige Direktorin der Warschauer Zacheta, war nur die Spitze des Eisbergs. Die Zensurdiskussion nehmen die "Art Forum Talks" während der Messe zum Anlass, die Aufgaben der Kunst im Kontext eines vereinten Europas zu erörtern (4. Oktober, 17 Uhr 30). Für den Kurator und Galeristen Adam Szymczyk hat jedoch "das polnische Publikum bewiesen, dass es weit weniger konservativ ist" als einige reaktionäre Politiker.

Bleibt die Frage, warum das Art Forum Berlin die zeitgenössische polnische Kunstszene ausgerechnet anhand der Zensurfrage thematisiert. Über den künstlerischen Stand der Dinge in Osteuropa informieren acht Präsentationen aus fünf Ländern, einer weitverzweigten und nach wie vor wenig erschlossenen Region.

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