Kultur : art forum berlin: "Wir müssen der Messe ein neues Profil geben"

Sie sind die drei Sprecher der Berliner Galeristen

Sie sind die drei Sprecher der Berliner Galeristen, die am "art forum berlin" teilnehmen. Warum hat das die Messe in ihrem fünften Jahr nötig?

HETZLER: Die Veranstalter haben zu spüren bekommen, dass in Berlin Gegenwind herrscht und sie sich mehr öffnen müssen. Es fehlte ein Reflex dessen, was hier passiert. Die Messe muss sich unserer Meinung nach stärker zum Ort hin bewegen, an dem sie stattfindet. Dafür engagieren wir uns, und dafür wurden wir als Sprecher ernannt. Die Messe sollte sich als Berliner Veranstaltung profilieren, die auf Know-how, Kontakte, Kunst und Künstler zurückgreift, die hier leben. Unser Einsatz hat sich bereits auf die Stimmung niedergeschlagen: Die Berliner Galerien haben größere Stände gebucht, sie machen die Messe zu ihrer eigenen Sache. Auch in gesellschaftlicher Hinsicht wird dies spürbar durch die "Große Dinner Party" in der Neuen Nationalgalerie, ein Fest, das nicht die "European Galleries", sondern die Berliner Galeristen für ihre aus dem Ausland angereisten Kollegen organisieren. Denen wollen wir damit verdeutlichen, dass Berlin ein attraktiver Standort ist.

HACKERT: Die Berliner Galerien haben in den letzten Jahren international so stark an Bedeutung gewonnen, dass kein Grund mehr besteht, sich hinter den ursprünglich aus dem Rheinland kommenden Initiatoren der Messe zu verstecken.

WEISS: In gewisser Hinsicht wurde die Messe von außen aufgestülpt. Anfangs waren nur zwei Berliner Galeristen bei der Organisation dabei. Doch nun ziehen wir mit den Organisatoren an einem Strang und arbeiten gemeinsam an einem neuen Auftritt.

Wäre eine solche Initiative, eine solche Zusammenarbeit nicht über das ganze Jahr hinweg notwendig?

HACKERT: Die gibt es bereits. Seit Ende letzten Jahres treffen wir uns regelmäßig. Viele Galerien haben sich auch aktiv an der Akquisition der ausländischen Galerien beteiligt. Da wir den Kollegen oft interessensmäßig verbunden und bei einer Messeteilnahme den gleichen Risiken ausgesetzt sind, kommt unser Engagement in dem Fall natürlich auch überzeugender rüber als zum Beispiel von Seiten der Messe.

Wie soll es denn weitergehen mit der Messe?

WEISS: Viele der Gründungsmitglieder haben sich zurückgezogen und nehmen teilweise gar nicht mehr am "art forum" teil. Seit der letzten Messe engagieren sich dafür umso mehr Berliner Kollegen, indem sie auswärtige Galeristen zu Gemeinschaftsständen mit uns ermutigt haben. Diese Energie wird sich sicherlich positiv auf die diesjährige Messe auswirken. Es ist wichtig, dass wir Berliner Galerien hier am Standort das Profil der Messe stärker erarbeiten. Dafür wollen wir uns zwei Jahre Zeit nehmen, um auch eine langfristige Planung erarbeiten zu können. Ob die Organisationsform - weiterhin ein eigenes Büro wie bisher bei den "European Galleries" - bestehen bleibt oder eine Ankopplung an die Messe Berlin erfolgen soll, muss noch geklärt werden. Wir hoffen, dass wir weiterhin die Unterstützung der Bankgesellschaft bekommen und der Vertrag mit der Messe erneuert werden kann.

HETZLER: Die Bankgesellschaft - Hauptsponsor des "art forums" - stellt sich Picasso und Klee auf der Messe vor, die "European Galleries" wollen Andy Warhol und Bruce Nauman. Wir möchten dort zeigen, was heute produziert und gedacht wird.

HACKERT: Das ist schließlich das, was wir bieten können, in erstklassiger Qualität.

HETZLER: Nach Berlin kommt kein Sammler wegen Warhol oder Picasso; dafür gibt es in London, New York und in der Schweiz die besten Adressen. Wenn wir es clever genug anstellen, werden sich in zwei, drei Jahren andere Messen an uns orientieren müssen.

Müsste das nicht dann an einem anderen Standort als auf dem Messegelände sein?

HETZLER: Ich will weder in eine Untergrundstation noch auf den Fernsehturm. Wir müssen dahin gehen, wo wir am besten zeigen können, was wir machen. Und dafür sind die Messehallen nach wie vor gut geeignet, auch wenn sie geographisch etwas abseits liegen. Mit dem Fest in der Neuen Nationalgalerie aber gehen wir ins Zentrum der Stadt. Und das geschieht in völliger Unabhängigkeit von den sonstigen politischen Konstellationen des alten West-Berlin.

HACKERT: Wir nehmen dabei auf den bisherigen Codex der Stadt und ihre Seilschaften keine Rücksicht mehr; das sogenannte "offizielle Berlin" zahlt unsere Miete ohnehin nicht. Durch unseren internationalen Erfolg in den letzten Jahren können wir hier mit größerem Selbstbewusstsein auftreten.

WEISS: Wir müssen künftig in Berlin andere Verhaltensweisen an den Tag legen. Dazu gehört, dass wir uns nicht immer nur um uns selbst, sondern um Leute von außerhalb kümmern und ihnen gastfreundlich entgegentreten.

HACKERT: Dieses bisherige Manko ist jedoch nicht den "European Galleries" anzulasten, sondern uns allen. Es ist kein Geheimnis, dass sich in den letzten Jahren einige internationale Galerien auf dem "art forum" verloren gefühlt und weniger gute Geschäfte gemacht haben als wir. Wenn wir das retten und international bleiben wollen, müssen wir uns um diese Kollegen bemühen: ihnen Berlin schmackhaft machen, ihnen unsere Künstler und Sammler vorstellen.

Zum ersten Mal seit Gründung der Messe haben keine Galerien versucht sich einzuklagen. Sind die Claims nun abgesteckt?

WEISS: So einfach kann man das nicht sagen. Wie auch bei anderen Messen kann es in Zukunft erneut zu Klagen kommen. Es geht hier nicht um Machtaufteilung. Obwohl wir niemanden bewusst ausgrenzen wollen, sind wir doch gezwungen, unsere Richtlinien zu verfolgen und dementsprechend die Galerien auszuwählen. Ich halte es deshalb für wichtig, wie die Begründung der Ablehnung formuliert wird, um Missverständnisse zu vermeiden.

HETZLER: Es geht gar nicht darum, irgend eine Galerie auszuschließen. Diese Auseinandersetzung fängt immer schon mit den lächerlichen Faltblättchen an: wer drauf ist und wer nicht. Entscheidend sind am Ende inhaltliche Fragen. Deshalb bleiben Kollegen, die sich nicht damit identifizieren können, nun von alleine weg. Das Problem einer Messe sind nicht zu wenige Galerien, sondern zu viele. Das gehört zu den Phänomenen des Messegeschäfts: Überall sind immer gleich 200 oder 250 Galerien bei der Hand.

HACKERT: Das Ausbleiben der Einklagen liegt an der deutlicheren Profilierung. Jene Galeristen, die sich früher eingeklagt haben, haben bisher nur so weit gedacht: Ich bin Berliner, da will ich auch hin. Mittlerweile ist das für sie nicht mehr interessant, denn sie haben gemerkt: Das "art forum" ist eine streng zeitgenössische Messe, auf der sie mit ihrem Programm nur Geld verlieren.

Ursprünglich entstand das "art forum" als Konkurrenzunternehmen zur Kölner Messe. Diese Absplitterungen hat es immer wieder gegeben. Welche Rolle spielt heute diese Vorgeschichte?

HETZLER: Das "art forum" ist eher aus Verlegenheit hier gegründet worden, weil sich bestimmte Galeristen innerhalb der verkrusteten Strukturen der Kölner Messe nicht wiederfinden konnten. Diese Gruppe hatte zunächst mit Düsseldorf geliebäugelt. Als von dort eine Absage kam, blieb außer Berlin keine andere Stadt mehr übrig. Letztlich steckte dahinter keine inhaltliche Entscheidung für Berlin, und schließlich wusste jeder, dass der Stadt das ökonomische Umfeld fehlt, um eine Messe zu tragen. In den letzten fünf Jahren wurde hier nur das alte Kölner Modell fortgesetzt.

HACKERT: Ich habe mich von Anfang an gefragt, was die Kölner Galeristen davon haben, wenn sie hier eine Messe auf die Beine stellen. Von den rheinischen Initiatoren hatte wahrscheinlich keiner ein wirkliches Interesse, in Berlin auf lange Sicht eine Messe zu etablieren. Deren Ziel war es eher, durch ihr Engagement für Berlin ein Druckmittel zu schaffen, um die Bedingungen auf der "Art Cologne" zu verändern, was sie ja auch geschafft haben.

Allein in Deutschland gibt es ein knappes Dutzend Kunstmessen. Da scheint es wenig realistisch, dass sich alle halten können.

HACKERT: Wohl kaum. Das wird sich auf Berlin und Köln als internationale Foren beschränken; die anderen Messen sind eher lokale Phänomene. Aber man darf nicht unterschätzen, dass Deutschland nach wie vor in Sachen bildender Kunst weltweit der zweitgrößte Käufermarkt ist.

HETZLER: Der beste Beweis für die zunehmende Attraktivität Berlins ist unser Fest in der Neuen Nationalgalerie, für das uns Sammler und Galeristen bestürmt haben. Aber mit 900 Gästen ist die Bude einfach rappelvoll.

HACKERT: Das ganze Jahr über kommen mittlerweile die Sammler aus der ganzen Welt zu uns. Allein den Berliner Institutionen geht offensichtlich erst jetzt auf, was hier für ein Potenzial an international erfolgreicher, zeitgenössischer Kunst steckt, während wir Berliner Galeristen seit Jahren etwa mit dem Chefkurator vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles intensiven Austausch pflegen. Wenn diese Künstler auf der Messe geballt präsent sind, gibt es für ihn noch einen Grund mehr zu kommen.

Welche Bedeutung hat eine Messe für das Verhältnis zwischen Galerie und Sammler?

HACKERT: Es ist durchaus förderlich, wenn bestimmte Sammler im Rahmen einer Messe die Nachfrage der anderen erleben und sich deshalb schneller entscheiden. Umgekehrt ist es auch für einen Sammler gut zu wissen, dass die von ihnen protegierte Galerie noch andere Abnehmer hat.

Bei all den Zuzügen neuer Galerien, gibt es da nicht auch irgendwann den Punkt, an dem der Markt gesättigt ist?

HETZLER: Nein. Sorgen macht uns vielmehr, dass der Markt - international gesehen - überhitzt ist und die Preise von jungen Künstlern viel zu schnell in die Höhe schießen. Oft kennt man nur ein, zwei Jahre der Produktion, und die Preise explodieren schon.

WEISS: Obwohl der Markt boomt, muss hier der Kunsthandel erst einmal richtig aktiviert werden. Wir haben unglaubliche Potenziale in der Stadt, was Künstler, Galerien, Institutionen, Museen und alternative Ausstellungsorte betrifft. Wenn die Kommunikation, der Austausch und die Kooperation endlich richtig in Gang kommen, werden viele Energien freigesetzt, die auch den Kunsthandel aufblühen lassen. Ist die Trägheit überwunden, brauchen die einzelnen Bausteine nur noch zu einem kompletten Ganzen zusammengesetzt werden.

HETZLER: Unser hiesiges Problem besteht also eher darin, mit dem "art forum" nicht isoliert draußen auf dem Messegelände zu sitzen. Mir ist bis heute rätselhaft, warum sich in dieser Stadt keine Termine koordinieren lassen, warum es parallel zum "art forum" keine großen Eröffnungen, keine wichtigen Ausstellungen gibt. Ich denke hier besonders an die "Berlin Biennale", die aus finanziellen Gründen erst 2001 stattfinden kann. Deshalb müssen wir die Messe in die Institutionen hinein tragen; sie darf nicht nur als kommerzielle, sondern muss auch als kommunikative Idee verstanden werden.

Im Grunde ist die Messe für Sie also ein kulturpolitisches Instrument.

HETZLER: Ja, für die Berliner Galerien ist es ein Glück, dass es diese Messe gibt. Wenn ein Galerist kein Zutrauen zu seiner Stadt als ökonomischem Standort hat, dann nimmt er nicht an der Messe teil oder mietet nur einen Stand von 20 Quadratmetern. Nach außen bedeutet dieses Signal: Hier ist nichts los. Aber das ist falsch. Wir müssen 100, 150 Quadratmeter nehmen und positive Zeichen setzen. In diesem Jahr ist das erstmals der Fall, weil die jungen Kollegen nun ökonomisch dazu in der Lage sind, und weil sie Druck von ihren Künstler bekommen. Das war schon 1968 so, als die Kölner Galeristen ihre Messe gründeten und während Joseph Beuys draußen demonstrierte, in der Halle seine Kunst verkauft wurde.

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