Art Forum : Galerien ziehen um

Im Schatten der Kunstmesse Art Forum Berlin, die inzwischen von drei etablierten Parallelmessen – dem Kunstsalon, der Preview und der Berliner Liste – begleitet wird, finden Neueröffnungen und Umzüge statt.

Christiane Meixner

Vorhang zu, Vorstellung beendet. Die Galerie Max Hetzler hat sich vor Wochen aus ihren Räumen in der Zimmerstraße verabschiedet, seitdem wirft im Fenster bloß noch ein grauer Vorhang seine Falten. Ganz leise hat sich hier allerdings Jiri Svestka eingenistet – der verdiente Galerist aus Prag, dessen Programm arrivierte Namen wie Dan Graham oder Leiko Ikemura neben junge Maler wie Rafal Bujnowski stellt. Es sei an der Zeit gewesen, meint Svestka lakonisch, mit dem Gedanken an eine Dependance hat er lange gespielt. Seine Ankunft inszeniert Svestka als diskretes Ereignis. Mit transparentem Galerieschild, zarter Schrift auf den Scheiben und der jungen Rumänin Ioana Nemes, die sich in ruhigen Arbeiten die Frage nach den visuellen Beziehungen zwischen Künstler, Werk und Betrachter stellt (Zimmerstr. 90-91, bis 14. 11.).

Man muss schon zweimal hinschauen, um den Neuzugang wahrzunehmen – zumal die Galerie den Vorhang abends brav wieder zuzieht. Doch hinter solchen Gardinen vollzieht sich derzeit ein Wandel, wie er für Berlins Galerienszene schon legendär ist: Quartiere werden aufgegeben und von anderen erneut besetzt, Räume umgewidmet und mit anderem Gesicht wieder eröffnet.

Im Schatten der Kunstmesse Art Forum Berlin, die inzwischen von drei etablierten Parallelmessen – dem Kunstsalon, der Preview und der Berliner Liste – begleitet wird, finden Neueröffnungen und Umzüge statt. Den stärksten Bruch markiert derzeit wohl der Umzug der Galerie Klosterfelde. Aus einer Halle mit Kunstvereinsmaßen zieht es Martin Klosterfelde nun in die Beletage. Die neue Adresse auf der Potsdamer Straße 93 ist allerdings nicht unbedingt herrschaftlich. Die Umgebung: laut, die Wohnung: charmant abgelebt und ein ganz schöner Schlauch. Doch gerade das scheint den Galeristen nach acht Jahren im White Cube zu reizen. Die Ungefügtheit der Situation, mit der sich Künstler wie John Bock, Stefan Hirsig oder Christian Jankowski schon zur gestrigen Eröffnung auseinandersetzen mussten (bis 31.10.).

Unweit davon hat sich die Kuratorin Friederike Nymphius einen Projektraum eingerichtet. Ihre Premiere bestreitet sie mit Installationen von Andreas Golinski und Malerei von Steven Parrino. Zwei Generationen, die ähnlich hart und kompromisslos vom Ende des Lebens erzählen (Potsdamer Str. 70 d, bis 30.10.). Der dritte Neuzugang hinterlässt an anderer Stelle zugleich eine schmerzliche Lücke: Maribel López, seit 2007 mit spanischen Positionen in der Stadt, hat ihre Räume an der Jannowitzbrücke ebenfalls Richtung Kurfürstenstraße 13 verlassen. Die Kunst in den S-Bahnbögen dünnt aus, und bislang sind hier auch keine anderen Kandidaten in Sicht. Dazu passt, dass auch die Galerie Johnen ihre eigenwillig schönen Räume in der nahen Schillingstraße im Internet zur Vermietung ausschreibt und selbst in die Marienstraße 10 hinter das Berliner Ensemble gezogen ist. Die Eröffnung mit Arbeiten von Roman Ondák (bis 17.10.) wird seit heute von zwei weiteren hochkarätigen Ausstellungen flankiert: Mit Johnen sind auch die Wiener Galerie Krobath und die Hamburger Produzentengalerie mit ihren Dependancen in das Haus gezogen.

Die Schwerpunkte verlagern sich also wieder, diesmal in urbane Gegenden, wo statt aufgelassener Hallen jetzt aufgeräumte Galeriehäuser warten. Der Trend zu Clustern ist sinnvoll, weil die Zahl der in Berlin ansässigen Galerien seit langem auch den eifrigsten Betrachter überfordert und kulturelle Ballungsräume wenigstens für gebündelte Aufmerksamkeit sorgen. Eine Ausnahme machen die renommierten Galerien an jenem Ort, dem auch die letzte städtische Renovierungsmaßnahme noch nicht das Leben aushauchen konnten. So schmückt sich die Galerie Eigen und Art mit Zeichnungen von Neo Rauch (Auguststr. 26, bis 31.10.) und zeigt Neugerriemschneider Arbeiten des 2002 verstorbenen Michel Majerus (Linienstr. 155, bis 7.11.). Einen ersten Blick auf den geordneten Nachlass ermöglichte die Galerie im vergangenen Frühjahr. Der Ausstellung in den ehemaligen Atelierräumen des Malers folgt nun die konzentrierte Präsentation großer Gemälde. Die Galerie Esther Schipper (Linienstr. 85) blättert derweil ab heute das wegweisende Werk der kanadischen Künstlergruppe General Idea auf. Die Ausstellung konzentriert sich auf die frühen Jahre bis 1975, in denen die drei Künstler an einer kollektiven Autorenschaft arbeiteten. Konzeptuelle, dokumentarische und witzige Arbeiten prägen den Geist jener Zeit, in der General Idea die Idee eines antiautoritären Netzwerks, wie es das Internet heute darstellt, vorwegnahmen.

Eine echte Kollaboration ist auch die Ausstellung „Access All Areas“ in den neuen alten Räumen von Max Hetzler. Konträr zum Trend setzt der Galerist auf die raue Atmosphäre seiner Fabriketage in Wedding, die lange als temporäres Projekt annonciert war und nun zur festen Adresse geworden ist. Hier kreuzen sich die Funktionen: Der Künstler Arturo Herrera und Hetzler-Mitarbeiterin Tanja Wagner haben gemeinsam ein Projekt mit 30 Künstlern zum Thema Zeichnung kuratiert. Und darüber, wie dehnbar dieser Begriff letztlich ist.

Ein Warm-up mit Bekenntnis zur Außenstelle, das sich allerdings nur leisten kann, wer mit seinem Namen fest im Kunstbetrieb verankert ist.

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