Kultur : "Art Frankfurt": Im Raumschiff der Gegenstände

Christian Huther

Der Supermarkt hat endgültig auf einer Kunstmesse Einzug gehalten: Bei der gestern eröffneten 13. "Art Frankfurt" bieten gleich zwei Aussteller ihre Werke ordentlich in Kästen aufgereiht an. Während die Berliner Artikel Editionen den Putzschwamm mit der Aufschrift "Leitkultur D" von Kiddny Citny gleich massenhaft aufhängt, hat die Wuppertaler Galerie Epikur die Zeichnungen und Grafiken ihrer Künstler eingeschweißt - auf dass die Besucher in den Boxen wühlen können. Auflagenobjekte findet man von Jahr zu Jahr mehr in Frankfurt: Jetzt sind es schon 30 Aussteller, die das Spektrum von ironisch-verspielten Werken für wenig Geld bis zur gediegenen Grafik abdecken.

Neben der Auflagenkunst ist der Bereich der "New Attitudes" mit rund 60 Ausstellern junger Kunst ähnlich stark wie im vergangenen Jahr. Mit den 94 Galerien in der zweiten Etage der Messehalle 1, die sich der "Kunst ab 1960" widmen, nehmen insgesamt 186 Galerien aus zehn Ländern teil. Inzwischen führen die Berliner die Städteliste an mit 23 Teilnehmern, gefolgt von Frankfurt, München, Köln und Düsseldorf. Dass die Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst den mit 25 000 Mark dotierten Elsheimer-Preis für ihre Vermittlung von aktueller Kunst erhielt, blieb indes ohne Widerhall. Aus dem Norden sind nur wenige Aussteller gekommen, auch die Sammler und Besucher stammen eher aus dem Schwäbischen, aus München oder dem Rheinland.

Auch in diesem Jahr hat die "Art Frankfurt" einen ganz eigenen Charme mit ihrer Gegenüberstellung von junger und etablierter Kunst, die trotz gegenteiligem Gemunkel weiter erhalten bleiben soll. Die spezielle Mischung ist ein Verdienst von Messeleiterin Marianne El Hariri, für die nicht nur der Berliner Galerist Michael Schultz lobende Worte findet. Schultz hat sich darauf eingerichtet, dass in Frankfurt die hochpreisige Kunst nur schwer geht und bringt meist Papierarbeiten seiner Künstler mit. Sein teuerstes Werk ist Rainer Fettings Gemälde "Springer" von 1984 für 90 000 Mark. Doch der seit zehn Jahren in Frankfurt ausstellende Schultz betont, dass er nur selten Kunst über 60 000 Mark in der Mainmetropole verkauft. Trotzdem war er bisher jedes Mal am Messeschluss zufrieden mit seinem Umsatz. Auch die Darmstädter Galerie Sander wird aus ihrem hochkarätigen Angebot manches Werk wieder mit nach Hause nehmen. Das 1956 entstandene Ölbild von "Cobra"-Mitbegründer Karel Appel dürfte mit 420 000 Mark wohl eines der teuersten Werke der Messe sein.

Die ironischen Arbeiten der italienischen Konzeptualisten sind bei Angelo Falzone (Mannheim) zu sehen: So hat Dario Ghibaudo ein "Museum der Unnaturkunde" im Kopf, baute dazu die entsprechenden Dioramen und bevölkerte sie mit fragilen Monstern. Gegen so viel Witz hat es die traditionelle Malerei und Bildhauerei schwer. Doch selbst sie verlegt sich zusehends auf Effekte, wie Trak Wendischs etwas zu lautmalerische Skulptur "Der Bläser" (Braunbehrens, München, für 65 000 Mark) zeigt.

Ein eher spielerischer Umgang mit Kunst und Alltag findet sich im Bereich der "New Attitudes". Die Galeristin Susanne Vielmetter aus Los Angeles stellt hier Jason Ragones vor, der aus Styroporverpackungen ein skurriles, beleuchtetes "Raumschiff" gebaut hat (8000 Mark). Geradezu handwerkliche Fähigkeiten indes bedarf es, um aus Eisendraht und Lötzinn allerlei Gegenstände nachzuformen - von der Lampe über den Blumentopf und die Bohrmaschine bis zum Schraubstock. Der Berliner Thomas Raschke hat bei Wehr (Stuttgart) ein ganzes Zimmer damit eingerichtet. Natürlich ist auch Malerei zu sehen, hier fielen die naturalistischen Bilder des Leipzigers Aris Kalaitzis auf, einem Schüler von Arno Rink (Maerz Galerie, Leipzig). Doch auch die diesjährige "Art" bestätigt den Eindruck anderer Kunstmessen: An vielen Ständen tauchen Fotoarbeiten auf. So setzen die acht teilnehmenden amerikanischen Galerien auf Fotografie. Eine Entdeckung ist auf diesem Gebiet sicher Josef Schulz, der bei Bernd Becher, Jeff Wall und Thomas Ruff studierte und just zum "Europäischen Architekturfotograf 2001" gekürt wurde. Schulz hat seinen Fokus auf Panoramen von Baulandschaften gelegt (Haus Schneider, Ettlingen). Eher müde dagegen wirkt die von David Pagel kuratierte Sonderschau mit 32 Künstlern der amerikanischen Westküste, von Larry Bell bis John Wesley. Zukunft indes dürfte die "Webcast Lounge" haben mit munteren Livesendungen, so genannten Multimedia-Jam-Sessions mit audio-visueller Kunst. Aber wer weiß schon, wie die Zukunft der Kunstmessen aussieht? Supermarktambiente hat man vor ein paar Jahren noch vergeblich gesucht. Da versteckten die Galeristen ihren Grafikständer noch im Kabuff.

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