Art Garfunkel in Berlin : Den ersten Kuss vergisst man nie

Zerbrechliches Männlein, spitzbübisches Lächeln: Folkpop-Legende Art Garfunkel gibt ein wehmütiges Konzert in der Berliner Universität der Künste.

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Filigran. Art Garfunkel. F
Filigran. Art Garfunkel. FFoto: V. Hartmann/ddp

„The Voice is back.“ Man wäre im ausverkauften Konzertsaal der Universität der Künste geneigt, diesen Satz von Art Garfunkel zu anderen selbstironischen Aussagen zu rechnen, die er im Verlauf von gut anderthalb Stunden ans Publikum richtet. Wie etwa der, er sei doch nur ein alter amerikanischer Entertainer mit vorgetäuschtem britischen Akzent.

Doch dass er wieder bei Stimme ist, war ja die Voraussetzung für diesen „Intimate Evening“, der die Folkpop-Legende nach langer Abstinenz für fünf Konzerte nach Deutschland führt. Denn es ging ans Eingemachte, als er 2010 die Comeback- Tour mit seinem einstigen Partner Paul Simon wegen einer Stimmbandlähmung absagen musste – jahrzehntelanges Kettenrauchen forderte Tribut. Nun lehnt da nicht nur ein zerbrechlich wirkendes Männlein von 74 Jahren mit schütter gewordenem Haupthaar und spitzbübischem Lächeln auf dem bereitgestellten Hocker, man hört auch eine Stimme.

Mit dem engelsgleichen Tenor, der früher das Markenzeichen von Art Garfunkel war und der sich mit dem etwas raueren Organ von Paul Simon zu unübertroffenen Vokalharmonien auftürmte, hat der Gesang indes nichts mehr zu tun. Das merkt man auf technischer Ebene besonders bei den Stücken von Simon & Garfunkel: Wenn Garfunkel bei „The Boxer“ den unverkennbaren „Lie La Lie“-Chorus nicht nur eine Etage tiefer legen, sondern auch abbremsen muss oder wenn er bei dem Kräuterquartett in „Scarborough Fair“ nach „Parsley, Sage“ abbricht, weil er die kristallinen Höhen von „Rosemary and Thyme“ nicht mehr erreicht, werden die Spuren deutlich, die das Leben auf seinen Stimmbändern hinterlassen hat.

Andererseits wurde niemand durch falsche Versprechungen hergelockt: Schon die minimalistische Instrumentierung – Garfunkel wird begleitet vom filigranen Gezupfe des stoischen Konzertgitarristen Tab Laven, unter das Clifford Carter bisweilen sachtes Keyboardgeflimmer mischt – und der Verzicht auf die Unterstützung durch weitere Sänger lassen keinen Zweifel daran, dass hier nicht versucht wird, mit den Glanztaten früherer Jahre zu konkurrieren. Vielmehr stellt sich Garfunkel mutig dem Votum des Auditoriums, indem er seinen Kampf mit den diffizilen Harmonien des Songmaterials durch nichts beschönigt. So singt er neben Simon-&-Garfunkel-Klassikern Stücke von Randy Newman, Jimmy Webb, Albert Hammond und George Gershwin, die er in den 70ern zu Hits machte.

Gerade das Nicht-Perfekte verstärkt den intimen Charakter des Konzerts

Und er wird getragen von einer Woge der Sympathie. Oft brandet Applaus auf, wenn ein Song nach den ersten Noten erkannt wird. Der Altersdurchschnitt des Publikums lässt vermuten, dass viele der Anwesenden die Lieder zu ihrer Entstehungszeit kennen- und lieben gelernt haben, dass vielleicht manche zu ihnen zum ersten Mal Slow Blues getanzt oder sich geküsst haben. Umso stärker ist das emotionale Band, das sie mit ihrem – neben Paul Simon – einzig autorisierten Interpreten verbindet. Ihm wird jedes melodische Ausscheren der brüchigen Kopfstimme verziehen. Vielleicht ist es gerade das Nicht-Perfekte, der offene Umgang mit dem Verlust jugendlicher Leichtigkeit, was den intimen Charakter des Konzerts verstärkt – und damit auch das wehmütige Gefühl, eine der letzten Gelegenheiten wahrgenommen zu haben, diesen großen Künstler auf der Bühne zu erleben.

Den privaten Gestus des Auftritts verstärkt Art Garfunkel durch leutselige Episoden aus seinen geplanten Memoiren. So erhellend und erheiternd die Anekdoten über seine religiös-musikalische Früherziehung als Nachkomme osteuropäischer Juden, über seine Abenteuer als Schauspieler an der Seite von Hollywood-Stars wie Jack Nicholson oder über seine späte Leidenschaft für das Durchwandern ganzer Kontinente auch sind, so spricht aus seinem gestelzten, teils in kapriziöser Versform gehaltenen Vortrag auch eine gewisse Eitelkeit.

Die stärksten Emo-Kracher hat sich Art Garfunkel klugerweise für das Finale aufgespart. Nach seinem größten Soloerfolg, der Ballade „Bright Eyes“, die er vor allem in den tieferen Registern bravourös meistert, regt sich im Publikum zu „The Sound Of Silence“ kurz ein Impuls zum Mitklatschen, als Carter seinem Synthesizer die Andeutung eines – huch! – Beats entlockt. Als Zugabe darf dann natürlich die „Bridge Over Troubled Water“ nicht fehlen, ehe Art Garfunkel nach Standing Ovations das gerührte Publikum mit dem uralten Traditional „Now I Lay Me Down To Sleep“ entlässt.

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