Art Karlsruhe : Reiz der Idylle

Die sechste Art Karlsruhe wirbt für alte Gattungen und junge Berliner Galerien. Der mit einem Ankauf in Höhe von 15 000 Euro dotierte, vom Land und der Stadt finanzierte Art-Karlsruhe-Preis geht jedoch nicht nach Berlin.

Carmela Thiele
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Schwerelos schwebend. Objekte aus Epoxydharz von Axel Anklam in der Galerie Rothamel. Foto: Michael Latz/ddp

Totgesagte leben länger. So ist auch die Art Karlsruhe nach schwierigen Anfangsjahren recht gut aufgestellt. Für Rainer Ebert von der Berlin-Galerie rangiert sie als zweitwichtigste Kunstmesse in Deutschland gleich hinter der Kölner Art Cologne. Ebert ist fast von Beginn an mit dabei und konnte bereits am Eröffnungsabend das extrem pastose Bild „Unter den Linden“ von Christopher Lehmpfuhl für 14 300 Euro an einen ihm bekannten Sammler abgeben – einen Käufer aus dem Rheinland, wohlgemerkt.

Eberts Programm ist auf Malerei und Plastik spezialisiert, Hartwig Ebersbach und vor allem Bernhard Heisig sind seine Zugpferde. Diese Ausrichtung ist für die Messe im Südwesten symptomatisch. Hier dominieren die alten Gattungen und machen viele Kojen den Eindruck, als habe es Konzeptkunst, Performance und Videokunst nie gegeben. Doch das liegt nicht am vermeintlich provinziellen Baden.

Im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) wird derzeit die von der Berliner Akademie der Künste gemeinsam mit dem ZKM erarbeitete, von der Kritik hochgelobte Ausstellung „Notation. Kalkül und Form in den Künsten“ gezeigt, die eben gerade den Zeitfaktor als zentrales Element der zeitgenössischen Kunst destilliert. Avantgarde findet der Kunstinteressierte im ZKM-Hallenbau und auf der "UND#4" in der Nancyhalle, einer Plattform für Künstlerinitiativen, die sich parallel zur Art Karlsruhe entwickelt hat. Auf der sechsten Messe jedoch regiert der Publikumsgeschmack, und der richtet sich nur bedingt nach künstlerischen Praktiken, die am Beginn des 21. Jahrhunderts virulent sind.

Dieses Jahr zeigen 36 Berliner Galerien ihr Programm in Karlsruhe, bei 212 Teilnehmern ist das eine starke Präsenz. Die hohe Zahl hängt mit dem Förderprogramm des Senats zusammen, der 15 vom Berliner Galerienverband ausgewählten Kollegen den Messeauftritt im „Berliner Block“ in Halle 4 mitfinanziert. Gefördert werden Galerien mit einem „jungen Programm“, das nicht zuletzt die traditionsbewusste Karlsruher Messe verjüngen soll. Gebettet auf dieses subventionierte Ruhekissen, können sich auch Galeristen einmal kritische Töne leisten: So hat Knut Wolfgang Maron-Dorn von „zone B“ noch viel Dekoratives auf der Messe ausgemacht. „Wir müssen das Publikum erziehen“, gibt er seinen hohen Anspruch zu verstehen. Er selbst zeigt Antje Dorn, eine Schülerin von A.R. Penck; Gouachen zum Preis von 1200 Euro und Leinwände für 12 000 Euro. Deren „Motorgirls“, humorvolle, zeichenhafte Kommentare zum Thema Frau und Auto, heben sich in der Tat wohltuend von so manch überdrehtem Materialexperiment ab, etwa den Kachel-Kleinplastiken von Maria und Natalia Petschatnikov nur wenige Schritte weiter in der Koje der Galerie Wagner & Partner. Überzeugend auch auf kleinem Raum sind die Klebebilder aus geschnittenen Tapes von der in Baden-Württemberg geborenen, heute in New York lebenden Marietta Hoferer zu Preisen zwischen 4000 und 12 000 Euro, die wie Grundrisse barocker Kirchen wirken und vom Kunstbüro Berlin angeboten werden. Auch die menschenleeren Interieurs für 1800 bis 9800 Euro des 1975 in Dresden geborenen Torsten Ruehle am Stand von Kai Hilgemann haben es in sich: Extrafett konturiert, aber in blassen Farben koloriert, wirken sie wie Sinnbilder der totalen Gleichgültigkeit.

Leidenschaft und kraftvoller Elan sind am Stand von Georg Nothelfer zu spüren, der in einer weitläufigen Koje in Halle 2 Lithografien von Richard Serra, Informelles von Fred Thieler und drei Werke von Gerhard Hoehme zeigt. Darunter ist ein Triptychon von 1963 mit dem Titel „Ange aide moi“, das mit seinen feinen Linienstrukturen, dem Goldrand und den moderaten Maßen einem modernen Hausaltar gleicht. 450 000 Euro verlangt der Galerist für dieses museumsreife Werk. Bilder aufspüren, das sei lustvoll, sie zu verkaufen weniger, postuliert Nothelfer. Achtzig Prozent seines Umsatzes erziele er auf Messen, das sei eine sichere Sache, verkündet der ursprünglich aus Ulm stammende Kunsthändler. Er habe seine Sammler, auf die er zählen könne.

Die nüchterne, ungeheuer kenntnisreiche Eva Poll, die das zweite Mal bei der art Karlsruhe dabei ist, hat kräftige Naturimpressionen von Reinhard Stangl wie den „Reigen“ zum Preis von 19 000 Euro mitgebracht und geschnitzte Blumenvasen von Hans Scheib. Neben den Kritischen Realisten Peter Sorge und Volker Stelzmann hat die Galerie Poll immer Fotografie gezeigt, und hier ist jenes Flair mit Händen greifbar, das einmal den Mythos der Stadt ausmachte: ihre Insellage im geteilten Deutschland und die damit verbundene Sonderstellung, die auch der Kultur zugute kam. 750 Euro kostet eine atmosphärisch dichte Aufnahme von Hans W. Mende, die etwa den Autoimbiss Klingelhöfer, Ecke Corneliusstraße zeigt. Ein Platz, der heute von der neuen CDU-Zentrale überbaut ist.

So bringen die Berliner einen Hauch Urbanität auf das platte Land, wo die Messe steht. Die Lage hat seine Vorteile, die alle Teilnehmer, von Julia Raab bis Michael Schultz loben: die lichten Hallen, den freundlichen Umgang und ein begeisterungsfähiges Publikum. Der mit einem Ankauf in Höhe von 15 000 Euro dotierte, vom Land und der Stadt finanzierte Art-Karlsruhe-Preis geht jedoch nicht nach Berlin. Ausgezeichnet hat man den Zeichner Thomas Müller, der von der Galerie Michael Sturm aus Stuttgart vertreten wird.

Art Karlsruhe, Halle 4; bis 8. März, www.art-karlsruhe.de.

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